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FlexDonaukanal/Augartenbrücke1010 Wien, Österreich
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Ein Album wie eine Kanonenkugel: Rund, schwer und – wenn von der richtigen Kanonierin abgefeuert – mit schier unglaublicher emotionaler Durchschlagskraft. Man stelle sich folgende Szenerie vor: Die Herren von The Velvet Underground, Patti Smith und Laurie Anderson sitzen schweigend zusammen in einer Bar. Auf einmal ergreift einer der Charaktere unter Räuspern das Wort: "Also, wer hat seine Klappe nicht halten können und wild Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert." Der erste Höreindruck sorgt beinahe schon für Bestürzung, angesichts der Tatsache, dass es sich bei "Past Life Martyred Saints" um ein Debüt-Album handelt. Solo-Debüt zumindest, denn die zumeist in sympathischem Gammel-Chic auftretende Erika M. Anderson hat mit ihrem früheren Noise-Folk Projekt Gowns offenbar schon einiges an Erfahrungen gesammelt. Allein der Opener "Grey Ship" bohrt sich förmlich mit einer solchen Wucht in die Synapsen – zunächst in relativer Lo-Fi Produktion und mit Akustik-Gitarre, dann mit abrubt hereinbrechender, gewaltiger Bassfläche –, dass der eine oder andere Schauer tanzend über den Rücken läuft. Auf der gesamten Platte überzeugt die Dame mit so entspannter Nonchalance, dass man beinahe verführt ist, den Begriff "coolness" wieder aus dem Schränkchen der antiquierten Attributierungen hervorzukramen; "Past Life Martyred Saints" ist ein solch - in gleichen Anteilen - Beklemmung und Freude evozierendes Werk, dass von einer solchen Erwägung wohl eher Abstand genommen werden sollte. Vornehmlich wurden zwei Effekte ausgiebig, jedoch nur so aufdringlich wie eben erforderlich, verwendet um wohl einen gleichermaßen progressiven wie psychedelischen Punkt zu machen: Hall und Verzerrung. Wie sich das selbstredend auch für eine bekennende "Zerstörerin von Gitarren" geziemt. Wunderbar auch, dass die Dame zwar einen ziemlich schweren Brocken zu präsentieren scheint, die Gesamt-Stimmung des Langspielers allerdings stets im Equilibrium gehalten wird. Da wird sich in einem finster dräuend startenden "Marked" dann auch noch ein wenig in luftigere Höhen emporgeschwungen. Es gibt einige solcher Kontrastpunkte auf "Past Life Martyred Saints"; es pendelt angelegentlich zwischen wirklich klaustrophobischen Zuständen und offenen, luftig wirkenden Parts. Allein dieses atmosphärische Wechselbad macht den Langspieler schon groß. Das ausgefeilte Songwriting und die solide Performance gliedern dem noch einzigartig hintenan. Extrapunkte muss man für den charmant offenherzigen Habitus EMAs verteilen. "Fuck California, you made me boring / I've bled all my blood out / But these red pants they don't show that", grummelt sie in "California" und weiter "I saw Joseph carrying the gun / I saw Mary carrying the gun." Insgesamt eine ziemliche Chuzpe, die Miss Anderson hier beweist, angedenk des Artworks, dass sie als Heilige stilisiert darstellt und märtyrte Heilige lassen sich ja auch im Titel finden. Ob EMA das Album als ihr neuzeitliches, popkulturelles Testament betrachtet, sei einfach einmal als Überlegung dahingestellt. Ein Kommentar zur popgeschichtlichen Entwicklung ist es hingegen mit Sicherheit. Es ist schon ein faszinierendes Schauspiel zu verfolgen, wie die junge Künstlerin aus San Francisco trotz wahrlich beunruhigender Sujets ein einfach schönes Album abliefert – die Texte zirkulieren oftmals um physische Mißhandlung, Verzweiflung und Abgeschiedenheit der einen oder anderen Art; in "Marked" heißt es "I wish every time he touched me / He left a Mark", das schon merkwürdig betitelte "Butterfly Knife" hingegen führt an: "Twenty kisses with a butterfly knife". Kompositorisch bewegt sich EMA bereits in höchsten Zirkeln; die zumeist recht rudimentär instrumentierten Tracks, schlagen oftmals derartige Haken, dass ein einmaliger Durchlauf bei weitem nicht ausreicht, um all den Twists und Turns zu folgen, geschweige denn den multifacettalen, emotionalen Mikrokosmos in seiner Gänze empathisch zu erfassen. "Past Life Martyred Saints" ist im besten Sinne des Wortes eine Eigenleistung, denn obschon sich Parallelen zu einigen Werken anderer Künstler ziehen lassen, so verfügt das Album doch über eine distinktiv individuelle Note. EMA, dieser Name wird bestimmt noch eine Weile nachhallen. Genau weiter zu verfolgen, was sich an dieser Front künftig tut, ist ohnehin anzuraten. Die Perfektion liegt im Imperfekten. "Past Life Martyred Saints": Unheimlich gut.

 

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