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Albrecht Schrader - Tickets

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Albrecht Schraders Leben dreht sich in einem Maße um Musik, dass einem schwindelig werden kann. Letztes Jahr veröffentlichte er auf Staatsakt die EP „Leben in der Großstadt“, deren Titelsong sich im Laufe der Zeit zu einem viel beachteten Szenehit entwickelt hat. Auf der anschließenden Kurz-Tournee erwies sich der Musiker zudem als versierter, wortgewandter Entertainer, der es versteht, das Publikum durch Witz und Esprit in seinen Bann zu ziehen.

Nebenher fand der gebürtige Hamburger mit Wohnsitz in Köln Zeit, Klavier auf dem neuen Album von Pete Doherty zu spielen. Auf der Herrenmagazin-LP „Sippenhaft“ ist der vielseitige Musiker in der Funktion als Pianist und Gitarrist zu hören. Damit nicht genug, ließ er es sich nicht nehmen, Theatermusik für die Aufführung des von Thomas Melle („Die Welt im Rücken“) verfassten Stücks „Ännie“ am Theater Bremen zu komponieren. Abgerundet wird diese fast schon maßlos anmutende Aktivität dadurch, dass Albrecht Schrader zusammen mit Lorenz Rhode als musikalischer Leiter des sogenannten Rundfunktanzorchesters Ehrenfeld fungiert, hinter dem sich nichts Geringeres verbirgt als die Showband des Neo Magazin Royale, das bekanntlich von Jan Böhmermann moderiert wird. Der ehemalige Blockflötenschüler Schrader scheint emsig damit beschäftigt, den seit dem Tod von James Brown vakanten Posten des „hardest working man in showbusiness“ neu besetzen zu wollen.

Erhärtet wird dieser Verdacht dadurch, dass der Bach-Fan es jetzt auch noch geschafft hat, sein erstes Album „Nichtsdestotrotzdem“ fertig zu stellen. Herr Schrader, wie haben Sie das gemacht? Mit der größtmöglichen Eleganz natürlich. Alles auf dem Album klingt hochgradig elegant. Die Musik scheint wie von Geisterhand zusammengefügt, weil sie kaum Spuren ihrer Gemachtheit in sich trägt. Bei genauem Hinhören ergeben sich natürlich doch kleine Reibungen und Brüche, die die Songs individualisieren. Im vermeintlich stromlinienförmigen „Die Form“ läuft in der zweiten Hälfte des Songs eine rhythmisch angelegte Gitarrenschraffur mit, die unterschwellige Stör-Akzente setzt. Die im Duett mit Tiana Wagner gesungene Ballade „Zufrieden Ahnungslos“ stellt den Bruch gar offen aus, indem sie es zulässt, elegisches Pathos mit einem metalartigen Schweinerock-Gitarrensolo zu konfrontieren. Das ist ein Moment, in dem das Album Angst vor Peinlichkeit hinterfragt. Dabei geht es an keiner Stelle darum, sich neunmal klug auf einer Meta-Ebene zu bewegen – was nicht bedeutet, dass hier Authentizität das Wort geredet wird. So appelliert etwa das tolle, DX7-Sounds der 80er nachstellende „Ganz normal“ an altmodische Affekte, ohne im Schlageridiom zu kommunizieren.

„Nichtsdestotrotzdem“ sucht nach Ambivalenz und findet sie in dezent und subtil in Szene gesetzten Gegenüberstellungen. Auf textlicher Ebene wird dies deutlich im Titelsong, der völlig selbstverständlich Terrorismus und den Eurovision Song Contest auf derselben Wahrnehmungsebene situiert. Gerade im Modus der aufzählenden Aneinanderreihung von Unvereinbarem, den Albrecht Schrader auf diesem Album durchgängig als Stilmittel der Konfrontation zwischen Form und Inhalt etabliert, wird bewusst der Eindruck kreiert, dass etwas nicht ganz stimmig ist. Damit wir uns nicht falsch verstehen: hier geht bei aller Tendenz zu musikalisch-textlicher Exzentrik immer um Popmusik im emphatischen Sinne: in „Die Form“ singt Albrecht Schrader gar die universal verständliche, inklusionistische Zeile „lalalalala“. Mehr Pop geht nicht.

Mario Lasar

-- Albrecht Schrader – "Nichtsdestotrotzdem" (VÖ: 5. Mai 2017 via Staatsakt)