Wir durften - als eines der wenigen europäischen Medien - bereits im Frühjahr hinter die Maske von Nick Cave blicken und frugen uns, wer Nick Cave eigentlich ist und wie schwer es ist, er zu sein.
1984, kurz nach deinem Umzug nach London, bist du dem Elvis-Presley-Fanclub beigetreten. In „A beautiful, evil thing“ – einem Kapitel aus „Lovely Creatures“ – wirst du zitiert, du hättest deine Unschuld mit Johnny Cash verloren . Was bräuchte eine ihrer Retrospektiven, dass du sie dir zulegen würdest?
Bei Elvis wünschte ich mir, sie würden Aufnahmen der letzten Shows veröffentlichen – einiges davon finde ich außergewöhnlich, seine Rehearsals überwältigend. Von Johnny hingegen würde ich viel von seinen frühen Stücken haben wollen – er hatte eine exzeptionelle Karriere und natürlich eine ungemeine Anzahl an Songs.
Ich fand den Titel deiner Restrospektive interessant, werden mit „Creatures“ immerhin üblicherweise Lebewesen bezeichnet – und seien sie noch so imaginär. Was qualifiziert deine Musik als „lebendig“?
Der Titel suggeriert in allererster Linie, dass die Stücke eine Einheit bilden – sie alle sind befremdliche, sonderbare kleine Wesen, die zusammen existieren. Ich mag die Vorstellung, dass sich die Songs untereinander irgendwie verständigen, was vorwiegend damit zu tun hat, dass ich seit 30 Jahren den gleichen Song schreibe: Meine Noemata sind heute sehr ähnlich zu denen, die ich bereits in meiner Adoleszenz hatte. Allein meine Perspektiven haben sich mit der Zeit gewandelt und meine Kunstfertigkeit verbessert.
Wachsen deine Stücke mit der Zeit oder löst sich der initiative enge Konnex sukzessive?
Manche blühen auf und andere wiederum verdorren. Einige von ihnen haben kein Stehvermögen – auch in der Welt der Musik geht es um das Überleben der Stärksten. Das macht sie nicht zwangsweise zu schlechten Stücken, sondern bedeutet nur, dass sie nicht die Fähigkeit haben, gewisse Grenzen zu überschreiten. Andere wiederum verselbstständigen sich, leben nicht nur in unterschiedlichen Lebensphasen von mir und den Bad Seeds, sondern auch auf sich allein gestellt weiter.
Welcher Moment des künstlerischen Schaffensprozesses ist dir eigentlich der Befriedigendste?
Ich brauche das Schreiben als unabdingbare Notwendigkeit, um überhaupt existieren zu können: Wenn ich nicht arbeite, kommt es mir vor, als breche die Welt um mich herum zusammen, da bin ich ein Wrack, ein Desaster. Stehe ich auf der Bühne, hat das einen transformativen Effekt auf mich: Die Musik reflektiert die Phasen meines Lebens und hält mich dabei jung und am Leben. Das Aufnehmen ist nur Mittel zum Zweck, da verliert man die Eigentümerschaft über seine Ideen, hier setzt du deine Gedanken der Welt aus. Dies ist auch der Moment, wo sich meine intensive Beschäftigung mit der Musik löst. Naturgemäß evozierte also die für „Lovely Creatures“ notwendige Auseinandersetzung ein Gefühl der Beklemmung, ich hatte Ängste, mich diesem ungeheuren Monster zu stellen. Es ist wie ein Besuch bei einer unliebsamen Verwandtschaft gewesen, der sich aber dann doch irgendwie als angenehm herauskristallisierte.
Es heißt, Gegensätze ziehen sich an. Dies trifft auf jeden Fall auf deine Texte und eure Musik zu, wo sich das Göttliche und Profane, das Laute und das Leise, der Tod und das Leben, die Harmonie und die Disharmonie, die Liebenden und die Hassenden vereinen. Sind Kontrapunkte für gute Handlungsbögen unabdingbar?
Oft, ja – jedoch nicht nur in der Mikroebene eines Songs, sondern auch der Makroebene eines Albums oder einer Setlist. Mich amüsiert das Spiel, zwei ungleiche Bilder einander gegenüberzusetzen und dabei zuzuschauen, wie die Funken fliegen. Du lässt hier etwa in einem geschlossenen Raum ein kleines Kind auf einen mongolischen Psychopathen treffen und schaust, was passiert. Dann schickst du einen Clown auf einem Dreirad ins selbe Zimmer und siehst weiter zu. Und dann erschießt du diesen Clown. Ungleiche Gegensatzpaare wie diese und abrupte Wechsel bergen eine schier unglaubliche Form von Energie.
Nietzsche sagt: „You must have chaos within you to give birth to a dancing star.“
Ich glaube, ein überwiegender Großteil von dem, was Nietzsche jemals von sich gab, ist ausgemachter Schwachsinn. In diesem einen Fall kann ich ihm aber durchaus etwas abgewinnen – nicht weil die Aussage korrekt ist, sondern weil das Chaos als Vater einer Lichtgestalt irgendwie possierlich klingt. Traumata sind nachteilig für den Kreativprozess, da befindet sich die kreative Seele in einer kauernden Fötusstellung. Zumindest in dem Moment, in dem die absolute Katastrophe über dir aufsteigt, bist du hilflos verloren und alles andere als expressiv. Nicht das Chaos selbst, sondern allein die Überwindung dessen kann produktiv sein.
Ist dein gerühmter – in der Breitenwirkung jedoch stark unterschätzter – Humor da auch ein gewisser Eskapismus?
Die Charaktere, die in meinen Texten vorkommen, sind alle Verfremdungen meiner selbst, sind maskierte Triebtäter – und ja, manche davon auch mit einem schelmischen Grinsen in der Fratze, hinter denen sich dann meine Intimzone versteckt.
In „20.000 Days On Earth“ sieht man dich bei einem inszenierten Psychiaterbesuch – ist dieses Überziehen von Masken für dich die wahre Form einer Katharsis?
Der Arbeitsprozess definitiv, weniger die textliche Aufarbeitung von Lebensmomenten. Die Produktivität zeigt mir, dass das Leben so oder so weitergeht. Stillstand und das Verharren in Momenten ist nicht dienlich für mich und den Umgang mit der Außenwelt.
Bekanntlich bist du auch ein renommierter Romancier und in diesem Metier heißt es, ein Roman brauche einen starken Eröffnungssatz, um den Leser zu fesseln. Wie weit trifft das auch auf die Musik zu?
Nicht notwendigerweise, aber starke Eröffnungen machen mir selbst unglaublichen Spaß. Da hat der Volksmund schon recht: Durch sie ziehst du dein Publikum rasch und mit Vehemenz in deine ureigene Weltordnung.
Was unterscheidet die Musik von anderen Künsten?
Sie ist die beste aller Ausdrucksformen (lacht).
Welche Rolle nimmt die kunstfertige Verfremdung der Realität heute, im postfaktischen Zeitalter, ein?
Für mich ist die Fantasie naturgemäß schon postfaktisch. Der Wahrheitsgehalt ist bei jeglichem Kunstausdruck aber ohnehin peripher. Mir geht es in meinen Texten mehr um den Effekt, den sie haben können. Ich würde sagen, mein Fokus liegt auf der Authentizität und nicht auf der Wahrheit.
Wie wichtig ist dir dein Vermächtnis?
Dass ich als Person in Erinnerung behalten werde, ist für mich bedeutungslos. Ich mag jedoch die Vorstellung, dass meine Songs weiterleben und auch losgelöst von mir durch die Menschheitsgeschichte flirren und auch über meinen Tod hinaus für Menschen eine Bedeutung haben werden.