Dem, was man liebt, nähert man sich gerne zunächst indirekt: Mathieu Amalric inszeniert in seiner sechsten Spielfilmregie sich selbst als Fan der legendären französischen Sängerin Barbara, der gleichzeitig als Regisseur Yves ein Biopic über selbige Chansonlegende dreht. Für die Hauptrolle hat dieser Yves eine Schauspielerin namens Brigitte engagiert, die von Jeanne Balibar verkörpert wird, die selbst auch als Sängerin auftritt. In den Spiegelungen von Film-im-Film, Fiktion-Realität und vielen Liedern entsteht ein Film, der sowohl von Liebe, Respekt und Identifikation handelt, als auch an Barbaras großes Talent erinnert.
GRACE JONES: BLOODLIGHT AND BAMI
26. Oktober, Gartenbaukino und 2. November, Urania
Der Film ist kein Rockumentary im klassischen Sinne, in dem die Geschichte von Aufstieg und Ruhm einer Rock-Celebrity als chronologischer Entwicklungsroman beschrieben wird. Fiennes verzichtet auf Archivmaterial und talking heads und entwickelt "Grace Jones" als Konzertfilm mit langen Reportagestrecken, in denen die titelgebende Heroine bei Reisen in ihre Heimat Jamaika oder auf Tournee in Hotelzimmern Einblicke in ihren Alltag gewährt. Höhepunkte des Films sind allerdings jene Szenen, in denen die Urmutter aller Queer- und Transgender-Ästhetiken in surrealen Outfits herrisch über die Bühne stolziert und im Stroboskopgewitter den Taktstock schwingt: "Slave to the Rhythm!"
CHUCK BERRY HAIL! HAIL! ROCK 'N' ROLL
1. November, Gartenbaukino
Chuck Berry, der im März verstarb, war der Shakespeare des Rock ’n’Roll: Mit wenigen Zeilen konnte er Figuren, Milieus und gesellschaftliche Zusammenhänge zu suggestiven Songplastiken modellieren. Diese Dokumentation ist ein Porträt des Künstlers als reifer Mann: 1986 feierte der Sänger seinen 60. Geburtstag mit zwei Konzerten im Kreise von Superstars wie Eric Clapton und war in bestechender Form: Seinen "DuckWalk", den Entengang mit der Gitarre, praktiziert er so souverän wie einst als 20-Jähriger. Regisseur Hackford erinnert sich mit gemischten Gefühlen an die Dreharbeiten: "Chuck war kompliziert, schwierig, geradezu diabolisch. Und trotzdem habe ich ihn geliebt."
DENK ICH AN DEUTSCHLAND IN DER NACHT
27. Oktober, Gartenbaukino
Und wieder – nach "196 BPM", "Between The Devil And The Wide Blue Sea" und "Villalobos" – beschäftigt sich Karmakar mit Techno, artverwandten Stilen und der Tradition der elektronischen Musik in Deutschland. Er lässt Ata Macias, Roman Flügel, David Moufang, Ricardo Villalobos und Sonja Moonear – fünf Protagonisten der Szene – von ihrer Arbeit erzählen und hört ihnen beim Philosophieren zu. Er zeigt sie im Studio, im Club und auf der Bühne. In den Gesprächen offenbaren sich die Musiker mit großer Ernsthaftigkeit, während die Dancefloor-Szenen die unterschiedlichen Sounds zu angenehm ausgiebiger Geltung bringen. Die Nacht wird zum Tag auf die allerschönste Weise, tanzend.
PATTI CAKE$
21. Oktober, Gartenbaukino und 25. Oktober, Urania
Geremy Jasper, USA, 2017, Spielfilm, 108 Minuten, OMDU
Patricia Dombrowski ist nicht das, was man sich unter einer Gangsta-Rapperin vorstellt und ihre HipHop-Persona, Patti Cake$, existiert bislang lediglich für ein paar Freunde, allesamt ähnlich hoffnungslose Fälle von Schwärmern und Exzentrikern mit Witz und Vision. Doch unverdrossen gibt Patricia Gemütvoll-Populäres wie Rüd-Vulgäres in Unorten wie Shopping Malls und Strip Clubs zum Besten. Und "Patti Cake$" wäre nicht das Indiekino-Gustostück, wenn seine rotunde, energische Heldin nicht am Ende einen Triumph erränge, und die Kleinbürgertumsvorhölle, in der sie lebt, mit einem Mal wirkte wie das verlorene Paradies. Menschenfreundliche Unterhaltung vom Feinsten.