Chronologisch arbeitet Mike Shinoda sich von den dunkelsten Momenten direkt nach der Tragödie bis zu leicht optimistischen Anflügen gegen Ende des Werks. Mit „Post Traumatic“ geht der Linkin Park-Star auf Solo-Tournee, ein Stopp in der Wiener Arena inklusive. !ticket erwischte Mike Shinoda für zehn Minuten am Telefon an der US-Westcoast. Doch – das vorweg geschickt – waren Fragen zur Zukunft von Linkin Park und dem Selbstmord von Bennington nicht erwünscht, denn dazu hatte sich Shinoda bereits ausführlich geäußert. So weiß er nicht, wie es mit der Band weitergeht. „Es gibt derzeit keine Antwort darauf“, meinte er im Vulture-Magazin. Man träfe sich regelmäßige, hänge gemeinsam ab und rede viel, aber es gäbe keine Timeline für Linkin Park, kein Ziel. In der ersten Woche nach Chesters Selbstmord fühlte Shinoda sich komplett verloren, wusste aber, dass er sich schmerzvollen Aufgaben wie dem Hören von Linin Park-Songs und dem Schreiben neuer Stücke bald wird stellen müssen. „Acht Tage nach Chesters Tod ging ich ins Studio und habe neue Musik geschrieben. Ich fühlte mich, als ob ich den Bezug zur Realität verliere, ich konnte nicht gut schlafen. Und wenn ich aufgewacht bin, ging ich wieder ins Studio“, so Mike in Vulture weiter.
In einer Woche startet deine Solo-Tournee. Wie geht es mit den Vorbereitungen voran, wie ist deine Gefühlslage?
Mike Shinoda: Ich fühle mich prächtig, ich bin aufgeregt, wir erledigen gerade die letzte Dinge. Bisher habe ich ja gerade einmal ein halbes Dutzend Konzerte gespielt und bin im TV aufgetreten. Mit der nächsten Show in Hongkong startet die zweite Phase der Tour durch Asien und Europa. Da kommt einiges Neues zur Produktion hinzu, ich habe neue Musiker auf der Bühne, es ist aber niemand dabei den ihr kennt. Das ist der nächste Level meines Solo-Projekts.
Spielst du das gesamte neue Album „Post Traumatic“, es hätte ja Konzertlänge?
Mike Shinoda: Ich werde einige Titel davon spielen, aber auch einige Fort Minor-Songs und Stücke von Linkin Park.
„Post Traumatic“ wirkt mit seinen 16 Songs wie eine kreative Explosion und es kommt wie ein Konzeptalbum daher ...
Mike Shinoda: Ist das etwas Gutes?
In den Siebzigern waren Konzeptalben mit einem roten Faden hohe Kunst.
Mike Shinoda: Ich sehe das Album absolut genauso. Es ist zwar nicht 100 Prozent chronologisch, aber ich wollte die Fans durch jene Zeit führen, in der ich die Songs geschrieben habe. Es startet also an einem dunklen Ort und arbeitet sich dann voran, beinahe bis in die Zukunft. Da gibt es Hoffnung, da gibt es Upbeat-Zeugs im zweiten Teil des Albums.
Steckte da ein Masterplan dahinter oder sind die Songs nur so aus dir heraus gesprudelt?
Mike Shinoda: Eher letzteres, aber ich hatte diese Idee, diesen Plan. Am Beginn habe ich die Lieder einfach heraus gelassen ohne zu wissen, wo mich das hinführt. Ich habe gejammed und hatte gar nicht vor, ein ganzes Album zu machen. Dann waren ein paar Titel fertig, die ich mit den Fans teilen wollte. Sie verdienten es zu erfahren, dass ich noch immer da bin, dass ich neue Musik schreibe und was mir durch den Kopf geht. So wollte ich die Situation erklären. Dann entstanden immer mehr Songs und ich ergriff die Gelegenheit, dass ich Momentaufnahmen des vergangenen Jahres in kleinen Snaps einfangen konnte. So furchtbar das alles war, es gab auch Momente der Kraft in denen ich erkannte, wer ich wirklich bin und was ich gerade durchgemacht hatte. Ich wollte diese Momente vollkommen ehrlich beschreiben. Das ist gar nicht so leicht. Man kann eine Idee davon haben, doch manchmal sind Gefühle irreführend und ergeben gar keinen Sinn. Oft ist es schwierig, sie in Worte zu fassen. Das war die Herausforderung, täglich die Emotionen in Worte und Melodien zu fassen und sie dann halbwegs chronologisch zusammen zu setzen.
Es gibt ja das Klischee, dass nur ein unglücklicher, trauriger Künstler gute Songs schreiben kann. Ist das wahr?
Mike Shinoda: Also dem kann ich überhaupt nicht zustimmen, obwohl ich durchaus verstehe, weshalb manche das behaupten. Auf mich trifft das nicht zu und ich halte solche Aussagen auch für problematisch. Es stimmt schon, dass es in unseren Song um bestimmte Gefühle geht. Ein Song muss immer Gehalt haben, das muss aber nicht unbedingt Schmerz sein. Es gibt einen Grund, weshalb ich diesem Klischee zu vehement entgegentrete, denn es gibt auch Musiker die sich damit brüsten, ihre besten Songs auf Drogen geschrieben zu haben. Im Umkehrschluss müsste das heißen, dass man nur gute Lieder schreiben kann, wenn man high ist. Ich wollte auf diesem Album nicht in die Dunkelheit eintauchen, sondern aus ihr herauskommen. Ich wusste ja, wie schlecht die Dinge vor einem Jahr standen. Ich hatte aber keine Ahnung, wohin mich dieser Pfad führen wird und habe am Weg chronologische Notizen gemachen, die Herausforderungen und Belohnungen zu zeigen.