Bild: Manfred Pollert
Christian Steiffen ist der „Gott of Schlager” und ein „Arbeiter der Liebe”. So heißen zwei Alben des deutschen Entertainers, der Schlager gleichzeitig ernst und mit Humor nimmt – und von seinen Fans dafür gebührend gefeiert wird. Im Interview spricht der Mann aus Osnabrück, der bürgerlich auf den Namen Hardy Schwetter hört, über seine musikalische Prägung und seinen Schnauzbart, den österreichischen Zweig seiner Familie und Peter Alexander, Playback-CDs und Ekstase.
Ich wurde musikalisch von Punkrock geprägt. Auf der anderen Seite bin ich auch im Partykeller meiner Eltern groß geworden. Was ich dort an Schlager gehört habe, hat sich in mein Unterbewusstsein eingebrannt. Der alte Schlager, der zum Teil vom Chanson kommt und noch mit Instrumenten eingespielt wurde, hat schon seinen Reiz. Moderner Schlager aus der Konserve interessiert mich überhaupt nicht. „Layla“ bin ich bis heute erfolgreich aus dem Weg gegangen. Ich will das gar nicht hören. Peter Alexander, Udo Jürgens – das ist mehr mein Ding.
Ich bin halber Österreicher. Mein Großvater stammt aus Wien. Sein Cousin war Produktionsleiter bei den ganzen Peter-Alexander-Filmen. Die habe ich mir als Kind natürlich ohne Ende reingezogen. Vor meinem Auftritt in Linz werde ich das Grab meiner Urgroßmutter besuchen, ich war da schon 30 Jahre nicht mehr.
Sehr ernst, ich war kein Spaßkandidat. Demokratie ist immer noch das Beste, was wir haben. Alles Andere geht schlecht aus. Ich wollte diese Welt mal von innen sehen. Mittlerweile glaube ich aber, dass Politiker ein undankbarer Job ist. Ich weiß nicht, ob ich nochmal kandidiere.
Das hat schon eine große Ernsthaftigkeit. Mir wird manchmal Humor vorgeworfen. Natürlich ist er auch ein Teil meiner Musik, aber grundsätzlich meine ich es damit sehr ernst. Als Arbeiter der Liebe sorge ich dafür, dass die Leute einen schönen Abend haben und ihre Sorgen vergessen können. Annie Lennox hat das neulich sinngemäß gesagt, als sie in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde: „Wir Musiker sind hier, um Liebe zu verbreiten und nicht schlechte Laune.”
Nein, bitte keine heile Welt. Nicht mit mir. Diese Utopie habe ich mir schon lange abgeschminkt.
Gut. Und komplett durchmischt. Es kommt nicht darauf an, welche Musik du sonst hörst. Die Leute kommen aus allen Richtungen zu meinen Konzerten. Das ist das Geile.
Die Ekstase ist unglaublich. Zwischen dem Publikum und mir gibt es die Verabredung, dass ich der Geilste bin. Ich komme raus und alle drehen durch. Nach zweieinhalb Jahren Pause war ich ein wenig nervös, wie das nun sein wird. Aber bei den ersten drei, vier Konzerten war die Euphorie wieder groß. Keine Ahnung, warum das so ist. Ein bisschen muss es an mir liegen.
Im Grunde habe ich nur ein paar Workshops gemacht. Ich habe keine einzige Ausbildung abgeschlossen. Früher habe ich Theater gespielt und halt auch Musik gemacht. Für die Kunstfigur Christian Steiffen habe ich das alles zusammengepackt – und auf einmal hat es funktioniert.
Die ersten Jahre bin ich mit einer Playback-CD in Bars gegangen und hab dort den Steiffen gemacht. Dafür habe ich 50 Euro gekriegt, und davon habe ich mich betrunken. Das waren runde Abende ohne jede Absicht oder Karriereplan dahinter. Ich habe einfach meine eigene Party gefeiert. Und wenn die Leute wollten, konnten sie mitfeiern.
Das war nicht meine Idee, aber ich habe sie gern aufgegriffen. Ein Künstler, mit dem ich befreundet bin, erzählte mir, dass es in Berlin wohl mal einen DJ Christian Steiffen gab. Mir erschien der Name für das Projekt passend, weil ich die Schlagerszene als steif und verklemmt empfinde. Christian ist auch ein guter Schlagername, man denke nur an Christian Anders. Außerdem erinnert Christian Steiffen an Punknamen wie Farin Urlaub oder Blixa Bargeld. Und der Name deutet an, dass ich der Geilste bin. Ich habe es nie bereut.
Da sprechen Sie ein großes Thema an. 2008 habe ich ihn mir zum ersten Mal stehen lassen. Ich dachte mir: Schlager, 70er-Jahre, Rüschenhemden, Schnäuzer – das passt einfach. Mittlerweile trage ich ihn dauerhaft. Was soll ich sagen? Er zahlt die Miete. Ich persönlich würde wahrscheinlich keinen Schnauzbart tragen. Oder ich würde ihn manchmal tragen und dann wieder abrasieren. Aber dazu komme ich nicht mehr. Wobei: Komischerweise blieb er auch in der Pandemie dran, obwohl ich da Zeit gehabt hätte. Wahrscheinlich ist er mittlerweile ein Teil von mir.
Ich wusste nicht mehr, in welcher Welt wir eigentlich leben. Es war alles sehr verwirrend. Dann bin ich auch noch erkrankt: Entzündung im Rückenmark, Taubheit im Bein. Ich war ständig bei Ärzten und dachte irgendwann, ich würde nicht mehr auf die Bühne gehen können. Dass ich jetzt doch wieder touren kann, wenn auch zum Teil mit Schmerzen, macht mich absolut glücklich. Auch die Familie ist happy, dass ich nach so langer Zeit endlich mal wieder aus dem Haus bin.
Christian Steiffen gastiert im Februar in Salzburg, Graz, Wien und Linz. Tickets gibt es bei oeticket.com.