Ihr habt Erlebnisse für 100 Leben erfahren. Kam nach der anfänglichen Wild- und Rohheit irgendwann das Akzeptieren von Bescheidenheit und Demut?
Ja, wir haben ein Riesenstück vom Kuchen abgekriegt und sind uns über dieses Geschenk total bewusst – wir hatten aber auch über Phasen, in denen wir uns blöd verhalten haben. Es gibt reichlich Sachen, die wir bereuen. Man kann sie nicht ändern, mit dem Wissen von heute hätten wir aber vieles anders gemacht. Jeder in der Band musste sich einmal ausprobieren, checken, wo seine persönliche Position ist oder seine Arschlochphase raushängen lassen. Zwischendurch benahmen wir uns auch mal asozial – sowas will man eigentlich nicht haben. Es bleibt aber der Trost, dass man aus Fehlern am meisten lernt. Ein Sieg, Triumph oder Erfolg bringt einen selten weiter. Das wäre nur die Bestätigung, genauso weiterzumachen und nichts lernen zu müssen – frei nach dem Prinzip: „Never change a winning team“. Enttäuschungen bringen dich dazu, dich zu hinterfragen, zu justieren und zu korrigieren. Ganz simpel gesagt: Fehler formen Menschen. Wir hatten reichlich Gelegenheit, daraus zu lernen
(lacht).
Kommen in so einer Reflektionsphase Dinge hoch, die man aus den wilden und unbeschwerten Tagen wirklich vermisst?
Nicht wirklich. Alles zu seiner Zeit. Du kannst keine einzelnen Fragmente rausreißen und sie neu implantieren. Ich habe als jugendlicher Fan häufiger das Erlebnis gehabt, auf einem Konzert zu sein und von der Wucht, die von der Bühne kam, umgehauen zu werden. Man fühlt sich in dem Moment, als sei er der beste der Welt. Die Revolution ist möglich! So wie es The Clash gesagt haben! Solche Erlebnisse habe ich heutzutage seltener und in anderer Form, aber es gibt sie noch. Letztes Jahr habe ich in Verona Adele in einem alten Amphitheater gesehen. Das hat mich völlig umgehauen. Da war so ein Kribbeln zu spüren. Der Abend war grandios. Sie singt ihre Lieder perfekt, wie eine großartige Diva und danach fängt sie an mit dem Publikum zu reden, als würde man bei einer Londoner Hausfrau in der Küche stehen zu einer Tasse Tee. Das war sensationell. Es gibt Bands, bei denen man sich mehr auf die Redepassagen freut, als auf die eigentlichen Lieder. Robbie Williams etwa ist so jemand, der auf der Bühne auf eine grandiose Weise Quatsch machen kann. Dabei ist er so ein Schlitzohr, dass man ihm nicht böse ist
(lacht). So etwas ringt mir nach wie vor Reisenfreude ab. Vor eineinhalb Jahren sah ich sensationelle Rolling Stones auf der Berliner Waldbühne. Die habe ich so oft in schlechter Form gesehen, doch jetzt im hohen Alter haben sie wieder die Kurve gekriegt und man spürt, welche Freude sie daran haben. Solche Erlebnisse gehören für mich nach wie vor zu den Höhepunkten in meinem Leben.
„Alles mit nach Hause“ ist eine sehr schöne Nummer, in der ihr die vielen Erlebnisse und Erfahrungen auf euren Reisen noch einmal bilanziert. Was brauchst du persönlich, um glücklich zu sein?
Es geht nicht um materielle Dinge. Auch dieses Lied handelt von keinem konkreten Gegenstand. Ich nehme am Ende der Reise Erlebnisse und Energiemomente mit nach Hause. Es geht um Begegnungen. Ohne die Freundschaft mit anderen kann ich mir mein Leben gar nicht vorstellen. Mit zunehmendem Alter weiß ich immer mehr, wo ich hingehöre. Lange hielt ich mich für einen Vagabund. Das bin ich in gewisser Weise immer noch, aber ich weiß mittlerweile wo meine Endstation ist, das habe ich mit mir klargemacht. Auch in punkto Partnerschaft habe ich mich geändert. Man freut sich einfach, einen Menschen zu haben und auf eine völlig unspektakuläre Art und Weise mit ihm durch dick und dünn zu gehen. Dieser Punkt ist für mich immer wichtiger. In jüngeren Jahren riskiert man da viel mehr. Da geht es eher um das „ich zuerst“. Man stopft sich und sein Leben mit Erlebnissen voll und denkt, man ist angewiesen auf den Applaus und die Resonanz von außen. Irgendwann kommt aber der Punkt, wo man die Energie besser von innen ziehen sollte. Es ist sehr wertvoll, wenn das Umfeld stimmt.
„Wie viele Jahre“ ist ein sehr ironischer Track, auf dem man das Partyleben der Hosen nachzeichnen kann. Es geht von Bier über den Schampus bis zu den Biosnacks in der Gegenwart. Wir partyresistent seid ihr denn nach 35 Jahren Bandgeschichte?
Nach dem Wohnzimmergig in dem Wiener Studentenheim haben wir dort übernachtet. Als wir am Morgen die Wohnung verließen, sind wir über mehrere Schnapsleichen gestolpert, die auf dem Holzboden lagen
(lacht). Ich gebe zu, ich habe mich um 2 Uhr morgens heimlich aus dem Schlamassel rausgezogen und ging in ein Hinterzimmer, weil ich ahnte, dass die Nacht noch heftig wird. Manche von ihnen haben durchgemacht. So eine Party ist hin und wieder also absolut noch drin. Nicht in der Häufigkeit und nicht mehr in dem Härtegrad von früher, aber dafür macht mir das Leben heutzutage auch nüchtern Spaß. Wenn man das einmal für sich entdeckt hat, geht es eine Weile ganz gut
(lacht).
Das Album dreht sich auch sehr stark um Beziehungen und das Zwischenmenschliche an sich. Ist es für dich als Texter nicht schwieriger, über Persönliches und eben Emotionales zu schreiben, als vielleicht von außen über Entferntes, Politisches?
Ich empfinde es immer als schwierig, über Dinge zu schreiben, die ich selber nicht erlebt habe. Wenn dich innerlich etwas beschäftigt, dann ergibt sich der Zugang wesentlich einfacher und fast von selbst. Wenn du ein politisches Lied schreiben willst, obwohl dich das Thema persönlich nicht interessiert, würden diese Zeilen wohl eher etwas schwach werden. Genauso ist es bei einem Beziehungslied, wenn du innerlich nicht dafür bereit bist. All diese Erlebnisse sind ja nur Inspirationen und sollten auch nicht mehr sein. Von einem gewissen Punkt an entwickelt jeder Text ein Eigenleben. Mir geht es nicht darum, der Welt mein Seelenleben offenzulegen. Mein Ziel ist es, Menschen zu berühren und damit einzufangen. Wenn sich jemand mit unseren Songs identifizieren kann, sind sie für mich ein Erfolg. Insofern ist in jedem Lied von uns ein Stück Ich oder Wir, aber eben auch eine gehörige Portion Karl May. Das Mischungsverhältnis ist in jedem Text anders. Wie viel tatsächlich persönlich ist und wie viel erfunden, das wollen wir nicht verraten. Das ist der Punkt, den man für sich behalten muss. Karl May war nicht einmal in Amerika und hat die dicksten Wälzer darüber geschrieben – dafür muss man ein unglaubliches Talent haben. Meine Fantasie ist da nicht ganz so ausgeprägt, aber eine Mischung aus Schwindel, Realität und Fiktion ist wichtig.
Ein Song wie „Die Schöne und das Biest“ dreht sich etwas stark um ein Beziehungsleben und die Treue. Ist das etwa auch darin begründet, dass du – wie vorher besprochen – mit dem Alter einfach ein stärkeres Wir-Gefühl entwickeln konntest?
Man darf sich auch mal ein bisschen über sich selbst lustig machen. Hier geht es um einen Typ, der seine Frau offensichtlich ziemlich übel betrogen und überhaupt kein Schuldbewusstsein entwickelt hat. Er versteht nicht einmal, warum er so hart bestraft wird und sie ihn umschießt. Letztendlich liebt er sie aber so sehr, dass diese Bestrafung für ihn in Ordnung geht. Eine übersteigerte Tarantino-Wildwest-Fantasie
(lacht). Im Grunde geht es in der Liebe aber auch darum, sich gegenseitig zu verzeihen. Liebe bedeutet nicht, den anderen zu besitzen.
Dann gibt es noch die Art von Liebe, die man nicht personifizieren kann. Etwa im Song „ICE nach Düsseldorf“, wo man deutlich die Liebe zur Heimat erkennt. Wir das Heimkommen für dich auch immer wichtiger?
Absolut. Früher sahen wir das eher ironisch. Wir haben uns oft über die eigene Stadt lustig gemacht. Vielleicht hat das auch mit meiner persönlichen Situation zu tun. Als halbem Engländer und halbem Deutschen, habe ich mich nie irgendwohin zugehörig gefühlt. Aber geht es uns nicht allen so? Als junger Mensch will jeder weg von der Familie, raus aus der Stadt und rein in die Welt. Je weiter du kommst und je länger du weg bist, umso mehr denkst du darüber nach, was dir von zuhause fehlt und was an deiner Heimat schön ist. Das stellt sich auch bei mir immer mehr ein. Heute weiß ich, wo ich hingehöre und komme gern nach Hause. Das geht schon los beim Zeitungskiosk um die Ecke und dem Klang der Stimme des Verkäufers. Da weiß man, wo man hingehört. Da will niemand was von dir und du wirst genommen, wie du bist.
In deiner wahren Heimat widerfährt selbst einem bekannten Musiker wie dir eine rücksichtslosere, rustikale, echte Behandlung von der Außenwelt.
Gut so. Ich bin als kleiner Hosenmatz in der Altstadt herumgelaufen, an der Uerige Brauerei vorbei. Dort beobachtete ich immer die älteren Leute, die da ihre Biere tranken. Heute ist der Sohn vom alten Besitzer, der in meinem Alter ist, Chef des Ladens und ich besuche ihn, komme da rein und kriege erst einmal ein Bier und eine Frikadelle hingestellt und erst dann fragt er, wie es mir geht
(lacht). Das ist unheimlich schön. Ich habe mich oft gefragt, was wohl der tollste Platz der Welt wäre, aber ich kann diese Frage nicht beantworten, weil alle Orte ihre eigene Schönheit haben. Warum sollte ich Wien, Zürich, Buenos Aires oder New York miteinander vergleichen? Zu jeder Stadt fällt mir etwas Tolles ein. Aber zuhause fühle ich mich einfach wohl. Außerdem haben wir einen großen Flughafen, von wo ich überall hinkomme, wenn ich will. Was mein Leben angeht, ich habe genug. Natürlich will ich in die Ferien fahren und auch noch andere Länder entdecken, aber ich muss vom Leben nicht immer noch „mehr“ erwarten im Sinne eines Levels, das es zu erklimmen gilt. Ich brauche das nicht mehr.
Eine Heimat kann auch immer momentbezogen sein. Als Fan des FC Liverpool wird für dich auch die Anfield Road plötzlich die schönste Heimat sein, wenn dein Klub sich in der 90. Minute einen Derbysieg sichert.
Das stimmt. Klar, die Anfield Road gemeinde ich natürlich in mein Herz mit ein. Da fühle ich mich wohl, das ist meine Kirche. Wenn ich aber ehrlich zu mir bin glaube ich nicht, dass mein größter Wunsch ist, mein Lebensende in Liverpool zu verbringen. Auch wenn ich meinen Verein und die Lebenseinstellung der Menschen dort liebe. Es macht für mich aber keinen Sinn, dort hinzuziehen, denn mein Leben hat sich im Wesentlichen woanders abgespielt. Heimat hat etwas zu tun mit den Menschen, die du schätzt. In Liverpool treffe ich keine alten Schulkameraden. Dort leben viele nette und neue Freunde, aber die richtig alten Kumpel leben in Düsseldorf.
Gibt es nach all diesen Jahren nicht auch Songs, mit denen du dich gar nicht mehr identifizieren kannst?
Die Songs, die uns auf die Nerven gehen, lassen wir einfach eine Weile liegen, bis sie wieder spannend für uns werden. Ein Lied ist ja kein Stein, der nicht verformbar ist. Ein Beispiel: Der Song „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ kickt uns seit geraumer Zeit nicht wirklich, also spielen wir ihn auch nicht mehr. Dass die neuen Lieder für unser Publikum auch eine Relevanz haben, ist für uns entscheidend. Wenn wir nur unsere 90er-Jahre-Titel spielen müssten, würde uns das auf die Nerven gehen, aber vermischt mit den neuen Songs, haben auch sie eine viel bessere Bedeutung. Wir sind keine Wurlitzer-Band.
Wie lange hat es eigentlich gedauert, um all die vielen Gäste unterschiedlichster Punk-Bands zusammen zu sammeln, damit ihr die Bonus-CD „Englisch Lessons Part 2“ machen konntet?
Das ging deutlich einfacher als bei Teil eins vor 25 Jahren. Damals musste man sich wie ein Privatdetektiv durch London fragen um herauszukriegen, wer wo wohnt. Letztes Jahr im Juli haben wir ein Studio in London angemietet und 90 Prozent der Gäste sind dorthin angereist. Es war ein Riesenspaß, aber einige von ihnen, wie etwa Jello Biafra von den Dead Kennedys, haben uns später in Deutschland besucht, weil das aufgrund ihrer Reiseplanung besser passte. Es ging uns nicht darum, die Lieder neu zu erfinden oder ihnen unseren Stempel aufzudrücken. Wir wollten einfach nur den Staub rausklopfen und die Songs mit den Soundmöglichkeiten von heute mit voller Kraft rausfeuern unter Mitwirkung der Oringinal-Mitglieder. Ohne sie wäre es nur eine normale Coverplatte geworden. Das wäre uns zu dünn gewesen, wir sind schließlich Fans …
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