Man erinnere sich an die mörderische Duschszene aus Alfred Hitchcocks „Psycho“, untermalt von im Takt quietschenden Geigen. Was wäre Darth Vader ohne seinem „Imperial March“? Vermutlich nur ein Senior mit Raucherlunge. Und auch eine andere Melodie kennt jeder: Sie beginnt mit Streichern, Schicht für Schicht peitschen sie sich empor, bis mächtige Hörner hineinjagen wie Fanfaren vorm Jüngsten Gericht - Richard Wagner gibt in „Apocalypse Now“ den Vietcong-Schreck. Oder auch: der italienische Komponist Ennio Morricone. Er trug mit seiner Musik wesentlich zum Welterfolg der Italo-Western – darunter Kultfilme wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ – bei. Regisseur Sergio Leone bekannte, dass Morricone für ihn mehr ein Drehbuchautor sei als ein Komponist, denn durch die Musik könne er etwas mitteilen, was er sonst hätte aufwändig zeigen müssen. Wir haben uns mit Sandra Tomek, künstlerischer Leiterin der alljährlichen Filmmusik-Gala „Hollywood in Vienna“, über dieses spannende Thema unterhalten.
Gewissermaßen aus dem Nichts haben Sie ab 2007 eine orchestrale Konzertreihe aus dem Boden gestampft, die von Anfang an auf internationalem Niveau rangierte und sich hinter renommierten Award-Verleihungen zu keinem Zeitpunkt verstecken musste. Was hat sich seitdem im Filmmusikstandort Wien getan?
So viel, wie ich anfangs niemals erträumt hätte. Es scheint im Moment, als würden viele Samen, die wir im Laufe der Jahre mit unseren Konzerten und Symposien gesät haben, sprießen. Immer wieder haben wir die Notwendigkeit von flexiblen Orchestern für Filmmusik-Aufnahmen beziehungsweise von Tonstudios für Orchester-Aufnahmen diskutiert und gefordert. Nun gibt es mehrere Orchester dieser Art und mit der Synchron Stage Vienna eines der führenden Tonstudios für Filmmusikaufnahmen – weltweit. Und „Hollywood in Vienna“ bzw. die Max Steiner Award-Preisträger sorgen dafür, dass die „Filmmusikstadt Wien“ in der Branche sehr präsent bleibt.
Kann man die Wertigkeit dessen beziffern? Sprich: Was bringt das uns, dem "Kollektiv"?
Vor 10 Jahren sagte mir noch jeder, dass Filmmusik in Wien kein Thema ist. Jetzt nehmen wir hier Hollywood-Soundtracks auf. Es kommen Aufträge nach Wien, es werden Arbeitsplätze geschaffen und die Musikstadt Wien ist um eine Komponente reicher. Das wird international auch so gesehen, wo unser „Hollywood in Vienna“-Festival und die Synchron Stage Vienna in der Branche immer wieder Thema sind. Insofern haben die Wiener Filmmusikaktivitäten durchaus einen positiven internationalen Marketingeffekt. Es kommen BesucherInnen, Workshop-TeilnehmerInnen sowie KomponistInnen, OrchestratorInnen, FilmregisserInnen- und produzentInnen nach Wien – also steigen wieder die Übernachtungszahlen, etc. Letztlich profitieren wir also alle davon.
Österreich hebt nur zu gern seinen musikalischen Ruf hervor. Wie zeitgemäß ist die internationale Wahrnehmung tatsächlich, oder zehren wir an Annodazumal-Granden wie Mozart, Strauss und Zawinul?
Wien wird noch immer international als die Hauptstadt der Musik angesehen. Es ist kein Zufall, dass unsere Max Steiner Award-Preisträger der Einladung nach Wien folgen, obwohl sie sonst nur selten Einladungen aus dem Ausland annehmen. Wien ist für KomponistInnen immer noch ein magischer Ort. Aber wir sollten uns nicht ewig auf diesen Lorbeeren ausruhen und auch die Gegenwart erkennen. Es gibt auch heute noch viele großartige junge KomponistInnen in Österreich, die keine Möglichkeit erhalten, ihr Talent zu beweisen. Als ich 2009 den Wiener Filmmusikpreis für JungkomponistInnnen erdachte, glaubten manche, dass kaum jemand mitmachen würde, da es die Talente heute nicht gibt. Wir konnten beweisen, dass dies ein Irrtum ist. Es gibt hier auch heute große Talente, auf die man ob der Bewunderung der Geschichte nicht vergessen sollte.
Was lässt gerade Max Steiner zum "Vater der Filmmusik" gereichen?
Er hat am Beginn der Tonfilm-Ära die wesentlichen Techniken zur Vertonung einen Films erfunden. Man muss sich vorstellen, wie es damals war: Es begann der Tonfilm und man musste erst einmal erdenken, wie man musikalisch damit umgeht. Max Steiner fand heraus, dass man keine Western-Musik braucht, um einen Western zu vertonen. Dass es besser funktionierte, einen neuen Soundtrack zu schreiben, statt einfach bestehende Musik herzunehmen. Und dass es sinnvoll war, für Charaktere eigene Themen zu schreiben (Leitmotiv-Technik). Das ist für uns heute alles selbstverständlich, aber damals ...! Auch etablierte Steiner-Techniken, um die Musik synchron zum Film aufzunehmen. Er hat also die Filmmusik-Ära wesentlich geprägt beziehungsweise eingeleitet.
Die Filmmusik geht im Grunde ja auf die Stummfilmzeit zurück, als außerfilmische Geräusche die einzigen Töne waren. Aus welchem Grund begann man eigentlich damit, Filme mit Musik zu hinterlegen?
Beim Stummfilm gab es Klavier-Begleitung – oder Kino-Orchester. Dadurch hat die Film-Vorführung besser funktioniert. Insofern lag es nahe, dass nach Einführung des Tonfilms die Musik auch wieder eine Rolle erhielt, die der Erzählung der Ges
chichte diente.
Aus welchem Grunde wird eigentlich nach wie vor primär klassische Musik und klassische Instrumentierung für die Filmmusik eingesetzt?
Generell zeigt sich eigentlich eher ein Trend hin zu Filmen mit Soundkulissen. Die Melodie tritt in den Hintergrund – auch die klassische Instrumentierung – zugunsten elektronischer Scores. In den romantischen Epen, Abenteuerfilmen, etc. kommt aber die klassische, orchestrale Filmmusik weiterhin zum Einsatz. Das ist der „Hollywood Sound“, wie wir ihn seit den 30er Jahren kennen und lieben und der einfach ein Erfolgsgarant ist.
Michael Haneke setzt Filmmusik höchst spärlich ein, widerspricht sie seinem „realistischen“ Konzept vom Filmemachen – weil selbige „in der Realität“ auch nicht ständig passiert.
Man sieht bei Haneke und anderen, dass ein Film auch ohne Musik funktionieren kann. Es kommt dabei eben ganz auf den Film an. Aber wenn der junge Forrest Gump läuft und seine Metallstützen plötzlich nicht mehr benötigt, oder wenn E.T. mit dem Fahrrad gen Himmel fliegt, dann geht es ohne Musik gar nicht. Die Musik kann hier Emotionen vermitteln, die das Bild alleine nicht wecken kann.
Wie kommuniziert Musik mit der Handlung?
Es ist eine sinnvolle Ergänzung, zwei Teile, die ein rundes Ganzes ergeben. Sie kommuniziert hier unter anderem mittels Melodie, Harmonie, Dynamik und Rhythmik.
Ein Film lebt von Haupt- und Nebendarstellern, sowie von Komparsen. Gibt es im Klangspektrum auch Hierarchien?
Das kommt ganz auf die jeweilige Komposition an. Manchmal gibt es ein oder mehrere Instrumente, die im Vordergrund stehen und andere, die „begleiten“. Manchmal klingt es, als wären alle Instrumente „ebenbürtig“.
Werden, je nach Filmgenre, unterschiedliche Anforderungen an Filmmusiken gestellt? Oder anders gefragt: Ist Filmmusik bei einer romantischen Komödie unabdingbarer als in einem CGI-Actionspektakel?
Ja, sicherlich gibt es hier unterschiedliche Anforderungen – aber beide, Actionspektakel und romantische Komödie, kommen kaum ohne Musik aus. Beide Genres haben viel mit Emotionen zu tun. Die Action soll uns mitreißen und nervenaufreibend sein – bei der Romanze zum Beispiel wollen wir mit der Geschichte schwelgen, dazu braucht es in der Regel Musik.
Geht ein Komponist im Grunde an einen neuen Pixar-Streifen arbeitstechnisch gleich ran, wie an Star Wars?
Im Grunde schon – der Einsatz von Musik und Ton zeigt im heutigen Animationsfilm kaum noch größere Unterscheidungsmerkmale zur Musik- und Tonverwendung im Realfilm.
Woher kam im frühen Hollywood die Konzentrierung auf emigrierte deutsche, österreichische und russische Komponisten wie eben Steiner, Timkin oder Kaun? Woran mangelte es den Amerikanern?
Es war einfach naheliegend. Mit E.W. Korngold kam zum Beispiel aufgrund seiner erzwungenen Emigration der (zu seiner Zeit) führende Opernkomponist Europas nach L.A. und suchte Arbeit. Max Steiner konnte seine vielfältigen Erfahrungen der Wiener Operettenwelt zunächst am Broadway und später in Hollywood einbringen. Das waren Meister ihres Faches und die Hollywood Studios ergriffen die Gelegenheit, sie für ihre ersten Tonfilme zu engagieren - auch um einen Vorteil gegenüber konkurrierenden Filmstudios zu haben.
Im Oktober soll er in die Kinos kommen: „Inferno“, die neue Dan-Brown-Verfilmung mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Die Filmmusik dazu wurde – wie auch schon zu den Vorgängern „The Da Vinci Code“ und „Angels and Demons“ – von Hans Zimmer geschrieben. Die Aufnahme fand im März statt – in Wien, gemeinsam mit dem Wiener Synchron Stage Orchestra. Zuletzt steuerten etwa auch die Wiener Philharmoniker Teile zum Soundtrack von „Mission: Impossible – Rogue Nation“ bei. Wie viel Österreich steckt heute (neben Christoph Waltz) in Hollywood?
Musikalisch gesehen steckt v.a. der große Einfluss der Vergangenheit in Hollywood. Es war der Wiener Max Steiner, der die Tools zur Vertonung eines Films erfand – und es war der Wiener E.W. Korngold, der den großorchestralen Klang in der Tradition von Richard Strauss und Wagner nach Hollywood brachte und somit zum „Hollywood Sound“ machte. Aber auch heute sind österreichische Komponisten in Hollywood vertreten, z.B. Harald Kloser, der nicht nur als Filmkomponist, sondern in letzter Zeit auch als Filmproduzent agiert (2012, „Independence Day“).
Das diesjährige Thema Ihrer international gerühmten Gala lautet „Sound of Space“ – wie haben Sie in den Sechzigern die Eroberung des Weltalls mitbekommen?
Um ehrlich zu sein: kaum. Außer der Star Trek TV Serie habe ich mich generell nur begrenzt für Science Fiction Filme interessiert. Dafür hole ich das jetzt nach!
„Star Wars“ oder „Stark Trek“ – wer gewinnt bei Ihnen das Stechen?
„Star Trek“ insofern, da es auch einige philosophische Aspekte behandelt. Aber musikalisch gewinnt natürlich John Williams’ „Star Wars“!