Bild: Fabien Prauss
Der Berliner Rapper und Sänger Romano ist ein Original, von den Zöpfen bis zu seiner zutiefst menschenfreundlichen Einstellung. Auf seinem neuen Album “Körper” schaut er nach innen - und beschäftigt sich mit seinen Organen und Körperteilen.
Wie soll man Romano vorstellen? Der Mann aus dem Berliner Stadtteil Köpenick, der bürgerlich auf den Namen Romano Geike hört, ist die Synthese aus Snoop Doog und Helge Schneider - Rapper und weiser Clown in einem. Darüber hinaus ist er musikalisch sehr breit aufgestellt. Begonnen hat er in den Neunzigern mit Hip-Hop. Er sang aber auch schon tief gefühlte Schlagertexte über Drum’n’Bass-Beats und träumt davon, eines Tage eine Oper zu schreiben. Oder zuerst vielleicht noch ein Country-Album.
Wirklich sichtbar wurde Romano außerhalb Berlins vor rund zehn Jahren mit den Alben “Jenseits von Köpenick” (2015) und “Copyshop” (2017). Lange hat er tatsächlich in einem Kopierladen gearbeitet - und die Zeit dort genutzt, um ausgiebig seine Mitmenschen zu beobachten. Über ihre Schwächen sieht er in seinen Songs großzügig hinweg. Romano liebt alle Menschen. Vermutlich könnte er sogar den Frieden bringen, Papst werden oder deutscher Bundespräsident.
Doch bis dahin macht er, was er noch besser kann: Musik. Sein jüngstes Werk “Körper” - es erscheint am 20. Februar - ist ein Konzeptalbum über diverse Körperteile und Organe, denen er jeweils einen Song widmet. Oft nehmen die Geschichten, die er da erzählt, erstaunliche Wendungen ins Absurde. Im Gespräch erweist sich den 48-Jährige als extrem wacher, reflektierter Zeitgenosse, der schon eine Menge erlebt hat - und diese Erfahrungen in seine Kunst einfließen lässt.
Absolut. Ich habe sehr viel ausprobiert und einen langen Entwicklungsweg mit Höhen und Tiefen hinter mir. Schreiben hat mich schon in der Schule interessiert. Ich hatte einen tollen Lehrer, der hatte ein unglaubliches Wissen im Bereich Literatur und hat mich angespornt, Gedichte zu schreiben. Und dann kamen auch schon erste Rap-Songs. 1995 habe ich im Winterurlaub zwei Leute von einer Band aus Köpenick kennengelernt, die mich mochten. Denen habe ich was vorgerappt. Kurze Zeit später stand ich schon mit großer Sonnenbrille auf der Bühne, völlig im Wahn. Ich wusste, meine Mutter ist im Publikum, alle Mütter, alle Freunde. Da will man sich nicht blamieren, das war eine große Aufregung. Ich habe schnell festgestellt, wie sehr ich die Bühne, die Leute und das Lampenfieber liebe. Auch meinen Produzenten Sirius Mo lernte ich in der Zeit schon kennen. Wir sind ungefähr gleich alt und ähnlich sozialisiert worden. Wir unterteilen Musik nicht in Sparten, für uns gibt es nur Musik, die uns bewegt, oder eben nicht. Dadurch können wir ganz viele Sachen ausprobieren. Ich fände es schade, mich zu begrenzen. Ich höre auch gerne Klassik und gehe in die Oper. Vielleicht mache ich irgendwann eine Oper?
Als allererstes habe ich den Song “Zunge” geschrieben, der ist auch der erste auf dem Album. Ich fand, das ist ein besonderes Wort. Mit Z anfangend, und die Buchstabenfolge insgesamt - außergewöhnlich. Und ich finde auch, dass die Zunge selber ja auch ein ganz spezielles Körperteil ist. Ich habe mich ganz naiv, kindlich gefragt: Wie sehe ich die Zunge? Bei einer Geburtstagsfeier habe ich etwas später meinen Produzenten getroffen. Er meinte, ich sollte nicht bei dem einen Song stehen bleiben. Zuerst sollte es eine EP mit vier, fünf Songs werden, die sich um Organe oder um Körperteile drehen. Jetzt ist es doch ein Album geworden. Wenn ich mir noch mehr Zeit genommen hätte, hätte es vielleicht sogar ein Doppelalbum werden können. Ich finde die Leber auch ein total spannendes Organ. Das wäre wahrscheinlich aber kein reiner Suff-Song geworden, bei mir hätte es wahrscheinlich einen Twist gegeben. Der Ellenbogen ist auch ein spannendes Thema, gerade gesellschaftlich. Aber ich habe gedacht, das passt nicht ganz zu mir als Romano. Ich mag eher die umarmende Geste.
Einfach nach meinem Interesse. Ich habe mich von einem Körperteil zum nächsten gearbeitet, ohne Skript. Und am Ende fiel mir ein: Mensch, du hast ja das wichtigste Körperteil noch gar nicht angesprochen.
Die Zöpfe! Bei “Zöpfe” wurde mir klar, dass dazu keine Musik passen konnte, beziehungsweise sie nur den literarischen Zugang einschränken würde. Ich mache das oft, dass ich Gedichte schreibe, und später probieren wir, sie in Songs umzumünzen oder die Rhythmiken den Songs anzupassen. Aber in dem Fall wäre es fast zu schade gewesen.
Ja, ich wollte nicht erklären, wie einzelne Körperteile funktionieren. Das wäre mir zu einfach gewesen. Deswegen war es vor allen Dingen wichtig, dass die Texte Twists haben. Ich habe eine große Faszination für Science Fiction, Horror und Geschichte. Beim Schreiben gibt es keine Grenzen. Ich finde es wirklich schön, das leere Blatt vor mir zu haben und mit einer Naivität ranzugehen.
Der schwierigste Song war aber “Ohren”. Da gab es bestimmt 30 verschiedene Versionen und Ansätze, die ich am Rechner hatte, bis ich es für mich geknackt habe. Man hat im Kopf viele Gedanken, aber die so aufzuzeichnen, dass auch Außenstehende es verstehen, ist manchmal sehr schwierig. “Penis” war beim Schreiben einer der amüsantesten Songs. Ich hatte einige Situationen, wo ich Tränen gelacht habe. Dabei ist es ein ernstes Thema. Gerade Erektionsstörungen! Darüber wird wenig gesprochen. Ich erlebe das auch bei meinen Freunden: Wir reden über neue Schallplatten und andere Musikthemen, manche sprechen über Fußball und tiefer gelegte Autos. Aber nicht über Probleme mit dem Penis. Also habe ich darüber geschrieben. Mit einem Dreh in Richtung Horror. Ich bin ein großer Fan von Edgar Allan Poe und H.P. Lovecraft. Kafka und “Faust” kommen in dem Song auch durch. Dieses Morbide, Mystische mit einer Alltagssituation über Erektionsprobleme zu verbinden, fand ich ganz interessant.
Nein, das ist etwas Anderes, da muss alles irgendwie einen Zusammenhang haben. Ich behandle Themen lieber in kompakter, verdichteter Form. Zu Hause habe ich eine Unmenge an Büchern, wobei ich Kurzgeschichten bevorzuge. Vorm Schlafengehen ein, zwei Geschichten - das mag ich. Bei dicken Wälzern wie “Anna Karenina” komme ich meist nur bis Seite 100 oder 150. Das ist die magische Grenze. Wenn es mich bis dahin nicht packt, tut es mir unglaublich leid der Weltliteratur gegenüber, aber ich lese dann nicht weiter.
Kann man so sehen. Das Militär taucht auf dem Album ein paar Mal auf, auch in “Finger” und “Zöpfe”. Mein Vater war Sprengmeister, Pyrotechniker. Er hat beim Fernsehfunk der DDR in der Waffenkammer gearbeitet. Der Weg zur Waffenkammer führte durch die Requisite. Da bin ich als Fünfjähriger durchspaziert und fand die faszinierendsten Sachen: einen Topfhelm oder einen Säbel. Der Papa hat auch zu Hause irgendwelche Spezialeffekte probiert, wo die Küche fast in Flammen gestanden wäre. Das ist natürlich für einen Jungen in dem Alter unglaublich spannend. Und das ist mir geblieben. Ich habe ein großes Interesse an historischen Uniformen: dieser Glanz und gleichzeitig der Schrecken dahinter. Heutzutage ist der Krieg entmenschlicht. Es gibt Drohnen und Roboter. Man sieht den sogenannten Gegner auch nicht mehr so richtig. Dadurch bekommt es eine Computerspiel-Ästhetik.
Sie war ein Loch. Man fiel ins Nichts, Strukturen brachen zusammen. Wir kennen ja die Helden-Songs dieser Zeit von der Scorpions oder von David Hasselhoff. Aber die Sicht eines 13-Jährigen damals war eine andere. Manche meiner Lehrer mussten gehen, andere durften bleiben, bei den Schulbüchern war es ähnlich. Vieles, was dir als Schüler sechs, sieben Jahre lang erzählt wurde, stimmte plötzlich nicht mehr. Das macht etwas mit deinem Vertrauen. Ich habe gedacht: Was soll das alles? Ich glaube, in der Zeit habe ich eine Scheiß-egal-Einstellung entwickelt. Gleichzeitig war es eine tolle Zeit für Musik. Ich habe erlebt, wie die Hip-Hop-Kultur ihren Durchbruch erlebt hat. Auch im Extrem-Metal-Bereich ist wahnsinnig viel passiert. Und Techno war in Berlin Anfang der Neunziger natürlich total groß.
Ich habe circa 1991 einen alten Freund wieder getroffen, der noch in den Achtzigern einen Ausreiseantrag gestellt hatte und als Pfleger in einem Krankenhaus in Berlin-Spandau gearbeitet hat. Der war auch Techno-DJ und hat mich zu diesen ganzen Hotspots wie Bunker, Tresor oder E-Werk mitgenommen. Das war eine faszinierende und verwirrende Zeit. Auf den Partys war ganz viel Nebel, da tanzten Leute mit irgendwelchen Masken, mit Gummi- und Kampfanzügen. Für mich war das alles neu. Im ersten Stock gab es vielleicht noch eine Gabber-Party und ganz oben einen Gangbang. Ich habe nicht alles gut gefunden, aber ich fand es ultraspannend. Was mir heute ein bisschen fehlt wenn ich zu Partys gehe, ist dieser Punkt: Man wusste damals nicht, wie es ausgeht oder wie der Abend noch wird. Heute läuft alles sehr strukturiert ab. Dieses Chaos, das kurz mal existiert hat für ein paar Jahre, hatte eine unglaubliche Faszination. Ich glaube, das kann man aus meinen Songs immer noch raushören.