Leftovers sind keine Band, die sich lange mit dem Erreichten aufhält. Kaum ist es
überall angekommen, wie viel Wucht, Witz und Wahrhaftigkeit in ihrem letzten Album
"Es kann sein dass alles endet" steckt, steht schon das nächste vor der Tür. Im
September erscheint mit "Schau nicht so" das vierte Album der Wahnsinnsband aus
Wien!
Denn natürlich geht es weiter. Auch nach diesen Nächten, in denen man dachte,
alles wäre möglich. Und diesen unvermeidlichen Morgenstunden danach, in denen
davon nur ein schaler Geschmack, übervolle Aschenbecher und viel zu wenig Schlaf
geblieben sind. Auf "Schau nicht so" interessieren sich Leftovers für genau diesen
Zustand: wenn die Euphorie in Ermattung kippt, wenn man gleichzeitig zu jung für
Resignation und zu alt für Ausreden ist.
Der Albumtitel "Schau nicht so" klingt wie eine Ermahnung, eine Drohung,
Provokation und Trost zugleich - eine Phrase, die jeder schon x-mal gehört hat, und
mit der stets mehr gemeint ist, als bloß ein Blick.
Musikalisch klingt das so entschlossen wie noch nie. Die rohe Wucht des Grunge
trifft auf die Dringlichkeit des Post-Punk, Gitarren reißen Songs nach vorne, Bass und
Schlagzeug treiben unerbittlich an, ehe im nächsten Moment wieder Raum für
wunderschöne Melodien entsteht. Man hört vielleicht Nirvana, vielleicht Pixies,
vielleicht Fontaines D.C. - vor allem aber hört man Leftovers. Eine Band, die ihre
Einflüsse längst nicht mehr zitiert, sondern in ihr ganz Eigenes verwandelt hat.
Songs wie "Erwachsen", "Es geht schon", "Joint", "Nasenbrecher" oder der Titelsong
"Schau nicht so" erzählen von durchfeierten Nächten, verletzten Egos, female rage,
Freundschaft, Sehnsucht und dem ständigen Versuch, sich selbst irgendwie
zusammenzuhalten. Die Sprache bleibt dabei direkt, schnell und lakonisch. Leftovers
erklären nichts. Sie beobachten. Und treffen dabei erstaunlich oft genau den Punkt,
an dem sich Komik und Verzweiflung kaum noch voneinander unterscheiden.
Der Albumtitel ist dafür das beste Beispiel. "Schau nicht so" ist ein Satz, der
Menschen kleiner machen soll. Als würde das Problem nicht in der Welt liegen,
sondern im Gesicht derer, die sie betrachten. Leftovers drehen diese Perspektive
um. Nicht der Blick ist falsch! Vielleicht gibt es gerade allen Grund, so zu schauen.
Was Leftovers dabei von vielen anderen Bands unterscheidet: Sie schreiben keine
Lieder über Jugend, als wäre sie längst vorbei. Anna, Alex, Leon und Leonid stehen
noch immer mittendrin. Ihre Songs wissen, wie es sich anfühlt, wenn man sich selbst
im Weg steht, wenn die Welt zu laut wird, wenn man tanzt, obwohl man längst nach
Hause sollte. Und sie wissen, dass Hoffnung selten wie Hoffnung klingt. Manchmal
klingt sie einfach wie der Entschluss, trotzdem weiterzumachen.
Vielleicht ist das Erwachsensein am Ende nichts anderes als die Erkenntnis, dass es
keine endgültige Version von einem selbst gibt. Dass man auch weiterhin stolpert,
zweifelt, lacht, scheitert und wieder aufsteht. "Schau nicht" so liefert dazu keinen
Kommentar und keine Lösung. Sondern etwas Besseres: elf Songs, die all das
aushalten.
Leftovers klingen auf diesem Album größer, mutiger und präziser denn je. Nicht, weil
sie lauter geworden wären, sondern weil sie sich trauen, den Blick nicht
abzuwenden.