Das für den Mercury Prize und die BRIT Awards nominierte fünfte Studioalbum von Kae Tempest war ursprünglich nicht das Werk, das man heute hört. Kae hatte zunächst ein völlig anderes Projekt geschrieben - doch irgendetwas daran passte nicht zum Moment. Diese Erkenntnis kam, nachdem Kae das Studio von Fraser T Smith besuchte, um eine kreative Blockade bei einem Song zu überwinden. Smith, der Grammy-prämierte Produzent hinter Künstlern wie Adele, Stormzy und Dave, war Kae bereits seit einer Podcastaufnahme im Jahr 2020 freundschaftlich verbunden. Kae war später auch auf Smiths EP "We Were We Still Are" (2023) vertreten. Doch statt das ursprüngliche Problem zu lösen, führte ihr Treffen zu einer spontanen Reihe von Sessions, die Kaes Arbeit in unerwartete Richtungen lenkten - ein neues Album entstand.
Fraser ermutigte Kae, in der Ich-Perspektive zu schreiben: "Er sagte zu mir: Wer sonst kann die Geschichte erzählen, die du erzählen kannst?" Das Duo schrieb eine Woche lang täglich drei Songs, bevor sie einen Schritt zurücktraten, um das Material zu sichten. Nach und nach filterten sie die besten Stücke heraus: "Man ist nur so gut wie die Songs, die man weglässt. Wir haben viel gestrichen, weil es prägnant und abgeschlossen sein sollte." Sie arbeiteten weiter - hin zu dem, was funktionierte, und ließen das hinter sich, was es nicht tat. Das Ergebnis ist "Self Titled".
Im Kern ist "Self Titled" ein Liebesbrief an das jüngere Ich und ein Dialog zwischen Kaes Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - verwoben mit den Menschen, Orten und Erfahrungen, die sie geprägt haben. Themen wie Widerstand, Zweifel und Hoffnung verbinden sich mit Reflexionen über Fehler, Frustrationen, Erfolge und Sehnsüchte, die Intensität der Liebe und die befreiende Kraft von Akzeptanz. Trotz seiner sehr persönlichen Perspektive greift das Album den kollektiven Geist auf, der oft in Kaes Werk zu finden ist: "Ich hoffe, dass ich, indem ich in meine Wahrheit eintauche, andere in ihrer erreichen kann. Ich hoffe, dass Menschen etwas von sich selbst darin wiederfinden."
Das Album eröffnet mit dem kraftvollen "I Stand On The Line". So bewegend wie episch erinnert es an klassische James-Bond-Themen, an The Verve auf ihrem Höhepunkt und an die ruhigeren Momente von Stormzy. Es folgt das energiegeladene "Statue In The Square", ein mitreißender Track, der an Kaes frühe Zeit als Open-Mic-MC anknüpft. Die schnellen Flows erinnern an Jungle-Raves der 2000er, während musikalische Einflüsse an die markanten Beats von El-P und die Kühnheit von Megan Thee Stallion erinnern. Kae beschreibt den Song als "freudvoll - der ganze Sinn ist, dass ich Spaß habe". Gleichzeitig lassen sich Einflüsse von Massive Attacks "Mezzanine", Dr Dres "2001" oder Arctic Monkeys’ "AM" heraushören, ebenso wie Anklänge an Run The Jewels oder Kanye Wests "Late Registration"-Ära.
Das Album öffnet sich auch nach außen durch Gastbeiträge verschiedener Künstler. Der Freestyle-Track "Breathe" wurde gemeinsam mit dem Mercury-Preis-prämierten schottischen Trio Young Fathers produziert, während auf "Bless The Bold Future" die Londoner Soul-Sängerin Tawiah zu hören ist. Darüber hinaus gibt es zwei überraschende Features von ikonischen Kollaborationspartnern.
Gegen Ende des Albums setzt "Diagnoses" einen eindringlichen Akzent und widmet sich dem Thema Neurodiversität: "me and you and our trauma flashbacks…" - ein intensiver, vielschichtiger Text. "Hyperdistillation" beginnt mit einem Zitat des Psychologen Carl Jung. "Es ist eine Erinnerung, noch einmal hinzusehen", erklärt Kae, "wir alle sind lebendiger, als wir einander zugestehen."
Kae Tempest, geboren 1985 in London und in Lewisham aufgewachsen, ist Musiker:in, Lyriker:in, Performer:in, Dichter:in, Dramatiker:in und Autor:in. Die Karriere begann im Alter von 16 Jahren als MC bei Straßenauftritten, Open-Mic-Nächten und Raves. Nach der Zeit in der Band Sound of Rum veröffentlichte Kae 2012 die Gedichtsammlung "Everything Speaks In Its Own Way" sowie das Theaterstück "Wasted". Das Langgedicht "Brand New Ancients" wurde mit dem Ted Hughes Prize ausgezeichnet.
2014 erschien das erste Soloalbum "Everybody Down", ebenfalls für den Mercury Prize nominiert. Es folgten weitere Alben wie "Let Them Eat Chaos" (2016) sowie "The Book Of Traps and Lessons" und "The Line Is A Curve", beide produziert von Rick Rubin. Auch als Autor:in war Kae erfolgreich, unter anderem mit dem Roman "The Bricks That Built The Houses" und dem Sachbuch "On Connection".