Schon Queen Mum ist dem Gin nicht abgeneigt. Bereits beim Frühstück beliebt sich die resolute Dame mit einem kräftigen Gin zu stärken, wie in der autorisierten Biografie "Queen Elizabeth – The Queen Mother" von William Shawcross nachzulesen ist. Desmond Payne, Master Distiller bei britischen Gin-Giganten Beefeater, lächelt darauf angesprochen verschmitzt. Auch er ist einem Gläschen in den Morgenstunden - bevorzugt einem Martini - nicht abgeneigt. Und natürlich weiß er,
welchen Gin das Oberhaupt des britischen Empire bevorzugt. Verraten möchte er uns dieses wohl gehütete Geheimnis jedoch nicht: Der Name der Marke Beefeater geht zwar auf die
Yeomen Warders, die Ordnungstruppe des Towers of London, zurück. Seinen Lebensalltag im ehemaligen Kriminalgefängnis verbringen, das möchte Payne dann doch nicht, scherzt er - in Kennington, wo die Distillerie nach ihrer Gründung im Stadtteil Chelsea und nach Ausbau zur Jahrhundertwende in Lambeth schließlich seit Ende des zweiten Weltkriegs beheimatet ist, fühle er sich eigentlich ganz wohl. Zuvor sei die heutige Heimat von Beefeater eine Essiggurkenfabrik gewesen, erzählt uns der Endsechziger und malt in bunten Bildern mit kindlicher Freude ein Bild vom kriegsbedingt herumfliegendem saurem Gemüse über London, bevor Wacholder und die anderen neun pflanzlichen Inhaltsstoffe, die die Grundlage für den hauseigenen Gin ergeben, 1958 in das wunderschöne Backsteingebäude in 20 Montford Place einziehen konnten.
Und auch hierzulande wird Gin immer beliebter. Vielleicht nicht gerade zum Frühstück, aber als Aperitif oder als Feierabendgetränk ist ein Gin & Tonic eine erfrischende Alternative zu Bier und Wein - oder auch deren benebelungsfreundlicheren Varianten Radler und Spritzer. Einfach nur einen Gin & Tonic beim Barkeeper seines Vertrauens bestellen geht allerdings kaum noch - zu angesagt ist das Getränk mittlerweile und zu divers daher auch die Angebote: Nicht nur Gin-, auch Tonic-Produzenten gibt es viele - auch in Österreich. Von dieser schier unglaublichen Vielfalt wird man sich hierzulande beim Vienna Gin Festival im Mai im Semperdepot (
mehr Informationen auf Facebook) oder erneut im September am Ginmarkt in der Ottakringer Brauerei (
mehr Informationen auf Facebook) einen Überblick verschaffen können.
Welcher Gin wem und wann schmeckt, ist ähnlich wie beim Wein: Beginner fangen gerne mit fruchtigen Weißweinen an, bekommen irgendwann Geschmack an den trockenen; machen dann ihre Erfahrungen mit unkomplizierten Roten und bleiben entweder bei den eingängigen Blockbustern hängen oder finden zu Subtilerem wie Bordeaux, Rhône oder Barolo. Beim Gin ist es ganz ähnlich. Gelegentliche Gintrinker und Jungspunde bevorzugen Wodka oder Gins mit Frucht- und Kräuteraromen, sogenannten Botanicals, die einfach oder komplex sein können. Dagegen tendieren erfahrene Gintrinker und -liebhaber
tendenziell zu trockenen Gins mit mehr oder weniger markantem Wacholdergeschmack.
Seine Herkunft verdankt der Gin Benediktinermönchen in Salerno, die 1055 beschrieben, wie sie Wein mit Wacholderbeeren versetzten. 1575 soll ein Professor an der Universität in Leiden Wacholderöl mit Alkohol versetzt haben. Holländische Apotheker brachten das Wacholderdestillat "Genièvre" (französisch: Wacholder) gegen Fiebererkrankungen unter die Leute. Weil dieses Heilmittel auch als Getränk interessant schmeckte, dürfte sich auch Lucas Bols damit beschäftigt haben, nachdem er 1575 eine Brennerei in Amsterdam gegründet hatte. Schnell verbreitete sich der Genever im nördlichen Europa. Vor allem in England fand das Destillat als Schnaps begeisterte Abnehmer, die das mittlerweile als Genever bekannte Getränk zu Gin - nach Verordnung eine "Spirituose mit Wacholdergeschmack, die durch Aromatisieren von Ethylalkohol landwirtschaftlichen Ursprungs gewonnen wird" - anglisierten. Heute unterscheidet man je nach Reinheitsgebot drei Sorten von Gin, die nichts über den Geschmack aussagen, wohl aber über die Art und Weise, wie er hergestellt wird:
London Gin,
Dry Gin und
Sloe Gin, der eigentlich ein Likör ist. Neben diesen von der EU festgelegten haben sich zahlreiche weitere Sorten wie Old Tom und Reserve etabliert, die zwar nicht offiziell geschützt, von Herstellern aber trotzdem mehrheitlich einheitlich verwendet werden. Manche dieser geben auch eine geschmackliche Orientierung.
Doch schließlich die Frage aller Fragen: Wie genießt man dieses klare, bekömmliche alkoholische Getränk eigentlich? Nach einer Führung durch "seine" Distillerie lädt Desmond Payne in sein Heiligtum, sein Büro. Es dominiert dunkles Holz und schweres Leder - und eine Vielzahl an Gerüchen: Zitrusfrüchte, Koriander, Blumiges - hie und da vielleicht auch Arznei-Noten. Hier wird also darauf geachtet, dass die Qualität, das Rezept von Beefeater-Gründer James Burrough bewahrt bleibt. Mit strengem Blick wacht jener von einem Ölgemälde aus über jeden Handgriff seines Nachfolgers, Desmond Payne. Eigentlich gibt es kaum einen geeigneteren Ort auf der Welt, um in die Welt des Gins einzutauchen. Wohlan!
Was hat der Beefeater Gin eigentlich mit den Wächtern des Towers of London am Hut?
Es ist eine Frage der Tradition, eine Hommage – auch bei Beefeater Gin geht es um Kulturerbe, Anspruch und Londoner Herkunft. Das verbindet uns.
Letztes Jahr konnten Sie persönlich ein Jubiläum feiern: Bereits seit 50 Jahren sind Sie unabkömmlicher Teil der Industrie, wenngleich im Hintergrund. Wie bewahren Sie sich nach so langer Zeit den Enthusiasmus?
Mich inspiriert vor allem die Ereiferung, die Gin aktuell erfährt. Wenngleich ich sagen muss: Über ein Gros meiner Karriere folgte die Gin-Produktion einem Schema-F, und selbst da war jedes Jahr spannend und aufregend, weil sich die Variablen in der Produktion, die es zu beachten galt, stets änderten. Wir sind abhängig von Naturprodukten, und die sind einer Vielzahl an Faktoren unterworfen, die wir nicht beeinflussen können – wie etwa dem Wetter. Doch gerade heute, bei einer derartigen Vielzahl an Mitbewerbern, ist es immens aufregend, mittendrin statt nur dabei zu sein.
Wie wichtig ist Ihnen dahingehend auch der Kontakt mit Nachfolgegenerationen, etwa, wenn Sie gemeinsam mit dem Gewinner des MIXLDN einen neuen Gin kreieren?
Es ist ein fantastisches Gefühl, aber trotz des Altersunterschied ist die Sprache, die wir sprechen, die gleiche: es ist die der Hingabe zu einem Produkt, oder vielmehr zu einem Geschmack! Das Tolle hierbei ist, wie die Zahnräder ineinander greifen: Die junge Generation kreiert etwas Aufregendes aus einem Fundament, das ich mitentwickelt oder zumindest über die Jahre hauptverantwortet habe. Was Gin von vielen anderen Spirituosen unterscheidet ist ja auch die Tatsache, dass er selten in seiner Ur-Form als bloßer genossen wird, sondern zumeist als Gin & Tonic oder in Cocktails. Ich stelle ihnen also gewissermaßen Handwerksmaterial zur Verfügung, aus denen sie ein wunderbares Meisterstück zaubern.
Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal so richtig vom Hocker?
Eigentlich permanent. Erst kürzlich war ich auf einer Gin-Messe in Mailand und musste mich zwangsweise durchkosten – eine wahrlich schreckliche Kehrseite meines Berufes
(lacht). Einer von den Ausstellern hatte einen Gin mit Tomatengeschmack – und ich war so richtig verblüfft, weil man Tomaten eigentlich nicht destillieren kann, und zudem ist’s ja noch dazu auch ein ziemlich ungewöhnlicher Geschmack für einen Gin. Doch: Überraschungen, auch positive, passieren immer wieder! Auf derselben Messe sah ich auch einen Gin, der war blau, aber mit Zusatz von Tonic Water wurde er plötzlich pink: Eine Spielerei, aber faszinierend. Und wenn ich jetzt ins Schwärmen komme, auf was ich bei Cocktails laufend stoße, dann geht das ewig noch so weiter …
Wie wichtig ist also Innovation – oder wie gefährlich, wenn es um die Tradition geht?
Innovation ist natürlich unumgänglich, sonst wird es fade und öde – das war in etwa die Krux, die wir in den Siebzigern zu beklagen hatten. Doch nehmen wir unseren Beefeater 24 zum Beispiel her – hier ergänzt ein Hauch Grapefruit die bekannten neun Inhaltsstoffe unseres Standard-Gins und sofort haben wir ein komplett neues Produkt vorliegen, ohne dabei seine Herkunft zu negieren. So etwas belebt die Szene, weckt Interesse.
Natürlich birgt Innovation auch die Gefahr, übers Ziel hinauszuschießen: Plötzlich ist Gin kein Gin mehr. Beim Gin gibt es ziemlich strenge Regeln, was einen Gin zu einem Gin macht – und viele Produkte gaukeln vor, etwas zu sein, was sie letztlich nicht sind. So sind besonders süße Gins
per definitionem eigentlich Liköre. Man muss überdies auch aufpassen, welche botanischen Inhaltsstoffe man verwendet. Ich bin schon gespannt, mit welchen Ideen der diesjährige MIXLDN-Gewinner Maxim Schulte an mich herantritt, um gemeinsam einen neuen Gin zu kreieren: Da müssen wir dann genau abstecken, ob die Produkte nicht nur sicher und legal, sondern auch problemfrei zu verarbeiten sind – wir wollen zum Beispiel tunlichst vermeiden, dass der Gin mit der Zeit in der Flasche trüb wird oder gar die Farbe verändert. Zu diesem Behufe verfüge ich über eine gigantische Bibliothek an möglichen Ingredienzien – viele davon sind noch nicht verwendet worden –, die wir da dann genau durcharbeiten werden.
Es gab zum Beispiel erst kürzlich den Vorfall, dass ein Barkeeper für einen Drink Flüssigstickstoff verwendete. Dass das nicht glimpflich ausging, brauche ich glaube ich nicht zu erwähnen. So etwas muss bei aller Innovation natürlich tunlichst vermieden werden. Vorsicht ist
immer die Mutter der Porzellankiste.
Italienische Puristen sagen, dass ein Pizzabelag nicht aus mehr als zwei oder drei Zutaten bestehen sollte. Nun hat Beefeater Gin derer neun, andere Gins eine schier unglaubliche Menge an Inhaltsstoffen. Kann man es auch beim Gin übertreiben?
(lacht) Guter Vergleich, aber: Natürlich! Letztlich müssen die Pflanzen wie auch Familien nur harmonieren – und auch Großfamilien können funktionieren
(lacht). Ich glaube jedoch, dass man sowohl gefahrlaufen
kann, wenn man zu wenig, oder aber auch zu viele Ingredienzien verwendet: Dann wirkt der Gin bald einmal zu simpel, oder im Gegenteil wirr. Hingegen sind Tanqueray und Monkey47 beide gute Gins – erster mit vier, zweiter mit 47 Inhaltsstoffen. Letztlich kommt es nur darauf an, wie die Inhaltsstoffe zusammen wirken – auf die Balance: Haben wir etwa einen reduzierten Gin vorliegen, bei dem Kardamom dominiert, wird das aller Wahrscheinlichkeit nach durchaus daneben gehen. Mit Gin ist es letztlich wie bei dem Zirkus-Akt, bei dem Teller auf Stäben rotieren: Man muss stets auf jeden der Teller genau achten und sie immer in Schwung halten. Da ist es manchmal klüger, sich das Leben nicht zu schwer zu machen, das Kunststück ist auch mit wenigen Tellern beachtlich, wie auch ein Gin mit weniger Zutaten hervorragend sein kann!