Die Zeiten, in denen extravaganter (und mehr oder weniger permanenter) Körperschmuck als direkter Verweis auf eine Häfenbrüder- oder, um genderkorrekt zu formulieren, -schwesternschaft gedeutet werden konnte, sind glücklicherweise längst passé. Gerade Tätowierungen und Piercings gelten heute durchaus als „vertretbares Accessoire“, das sich geschlechtsunabhängig durch die meisten Alters- und Gesellschaftsschichten zieht. Natürlich ist klar: „Body Modification“, also die „Körperveränderung“, ist eine Frage des Geschmacks. Gerade wenn man sich die Stargäste der Wildstyle & Tattoo Messe, der erfolgreichsten Tattoo-Show Europas, vor Augen führt, wird schnell augenscheinlich, dass Trends auch ins Extrem katapultiert werden können. Während bei der netten, zierlichen Arbeitskollegin ab und an vielleicht eine kleine Blumenranke am Ärmchen aufblitzt, versammeln sich hier Menschen, deren Körper mit Tätowierungen, Piercings, Implants, Brandings, Skarifizierungen und wer weiß noch was überhäuft sind – teilweise in einem Ausmaß, dass der eigentliche, „natürliche“ Körper unter einer Kunstschicht verschwindet.
Aber: Das Schöne an der Kunst ist ja, dass sie die Mannigfaltigkeit der Natur gekonnt nachzuahmen weiß. Oder wie Wildstyle-Initiator Jochen Auer vor einigen Jahren einer Tageszeitung erklärte: „Man will zunächst anders sein, rebellisch sein, aus der Masse hervorstechen. Und irgendwann erkennt man die Kunst dahinter, der man nicht mehr abschwören kann.“ Wir haben uns mit Jochen Auer über seinen eigenen Kunstkörper, über Trends, Schmerzen, Geschlechterrollen und natürlich seine Messe unterhalten.
Welches war dein erstes Tattoo?
Mit 18 ein Tribal am rechten Oberarm – weil Max Cavalera von Sepultura auch so eines am Oberarm hatte.
Und dein aktuellstes?
Ein Portrait auf meiner Wade eines meiner ältesten und besten Freunde Clayton Patterson, der auch dieses Jahr wieder bei allen Wildstyle & Tattoo Messen mit dabei sein wird. Clayton ist bekanntlich America's Underground Reporter No.1, ehemaliger Präsident der N.Y.C. Tattoo Society und seit 1995 das wichtigste Bindeglied zwischen der Wildstyle und amerikanischen und auch japanischen Tattoo-Künstlern.
Tribals und Arschgeweihe, geschwungene, nachdenkliche Sprüche, drei Sternchen: Trends kamen und gingen, waren plötzlich auch einmal peinlich: Hast du schon Tätowierungen bereut – und gegebenenfalls überstochen?
Nein, ich bereue selten etwas
(lacht). Aber ich habe tatsächlich eines meiner ersten Tattoos covern lassen weil es scheiße aussah, danach war es ein bisschen besser. Und zwei kleine Schädel habe ich ebenfalls covern lassen, weil ich ganz einfach keine Schädel mehr mag.
Wie viele Künstler haben sich seitdem auf deiner Haut verewigt?
12 Künstler, darunter unter anderem Tattoo-Legende Bernie Luther, Mäx von Tattoos To The Max, Ishi aus Japan, Brad Bako aus Australien und „Puzzleman“ The Enigma aus Amerika.
Gibt es derer Künstler, die bei dir noch auf der „to-do“-Liste stehen?
Nicht unbedingt. Ich nutze die Gelegenheit, wie sie kommt. Und ich muss ohnehin in der richtigen Stimmung sein, weil mir das Ganze eigentlich schon viel zu weh tut
(lacht).
Wenn nicht tätowierte Menschen zu einem Tätowierer gehen, ist oft nicht nur die Frage nach dem Preis das erste, sondern auch: „Wie weh tut das eigentlich?“ Nun schmerzt jede Stelle am Körper anders, aber wie würdest du das Gefühl beschreiben?
Ja, es tut weh
(lacht). Komischerweise tut mir jedes Tattoo noch mehr weh - und jetzt im Alter noch viel mehr. Fuck!