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40 Jahre Meshuggah: "Es ist, als würden Dinosaurier kämpfen."

04.11.2026 von Stefan Baumgartner

Die schwedische Dampfwalze Meshuggah feiert kommenden Oktober im Gasometer ihr rundes, vierzigjähriges Jubiläum - und wird die Halle dabei wohl abtragen. Denn sie klingen, als würden “Dinosaurier kämpfen”.

Stellt euch mal vor, ihr findet ein Zeitreiseportal und saust mit diesem ein paar Millionen Jahre zurück in der Geschichte, geratet dort dann in einen blind wütenden Bitchfight zwischen einem massiven, ausgewachsenen T-Rex und einem tonnenschweren Giganotosaurus. Es wird brünftig gebrüllt, messerscharfe, gezackte Zähne reißen gegenseitig gigantische Fleischstücke aus der Haut - mit einer Beißkraft von fast 60.000 Newton, genug Druck, um selbst kolossale Knochen mühelos wie Streichhölzer zu pulverisieren. Ein wahrlich beeindruckendes Schauspiel!

Wem das eingedenk des eigenen leiblichen Wohles etwas zu heikel erscheint, der kann stattdessen auch in der Gegenwart verweilen und eine der neun Alben der schwedischen Dampfwalze Meshuggah auflegen, denn sie klingen “als würden Dinosaurier kämpfen”. Dieses nachvollziehbare Urteil stammt von Wolfgang Van Halen - und der muss es wissen, heißt seine Band immerhin Mammoth (am 9. Dezember in Wien). Vor zwei Jahren besuchte er nämlich im Rahmen der “What's In My Bag?”-YouTube-Serie den legendären Amoeba-Plattenladen in Hollywood und offebarte da seine Liebe zu den Prog-Deathern, und zu ihrem 2002er-Meisterwerk “Nothing” im Speziellen.

“Mit ‘Nothing’ fingen sie an, mit ihrem Sound groovig und sludgy zu werden”, sagt er da - und bringt damit die Entwicklung zu ihren Anfängen auf den Punkt. Denn bevor es Meshuggah überhaupt gab, gab es Metallien - eine Band, die 1985 gegründet wurde und bei der schon aufgrund des Namens die Beziehung zu den heutigen Legenden Metallica (damals befanden sie sich gerade zwischen “Ride The Lightning” und “Master Of Puppets”) sichtbar wurde. Zwei Jahre später wurde aus Metallien dann Meshuggah, und wie auch Metallica standen sie mit beiden Beinen im Thrash der Achtziger. 1991 erschien dann ihr Debütalbum “Contradictions Collapse”: Statt der späteren polyrhythmischen Abrissbirnen dominierte da ein Klang, der irgendwo zwischen Speed und Thrash pendelte. Bereits da spürte man aber schon, dass das Quartett dazu neigt, Grenzen auszutesten - ohne zu wissen, dass man sie schon ziemlich rasch ein Weilchen später komplett sprengen wird.

Dieses Debüt ist noch kein ausgereiftes technisches Manifest und ebenfalls noch kein futuristisches Monster. Es ist der Moment, in dem eine blutjunge Band mit enormem Potenzial noch nach Orientierung sucht: Man hört die Wurzeln, aber ebenso bereits die ersten rhythmischen Verrenkungen, die vorerst von der juvenilen Lust am Lärm überlagert wird. Aber bereits auf ihrem zweiten Album “Destroy Erase Improve”, das diesen Sommer in einer Jubiläums-Edition neu aufgelegt wurde, begann man sich von allen bekannten Konventionen zu lösen. Zwar sind die Thrash-Wurzeln noch erkennbar, doch Meshuggah denken ihre Musik erstmals in völlig anderen Bahnen: Rhythmik wird zum eigentlichen Motor der Songs, Riffs entwickeln ein Eigenleben und selbst ruhige Passagen wirken eher wie das Anspannen einer gewaltigen Feder als wie echte Verschnaufpausen. Hier hat der Dinosaurier erstmals Blut geleckt!

Dabei fällt aber auch auf, wie organisch das Material trotz seiner enormen Komplexität noch klingt - ganz im Gegenteil etwa zu den maschinellen Fear Factory. Später sollte der maschinelle Charakter auch bei Meshuggah stärker in den Vordergrund rücken, aber da schwang noch eine gewisse Unberechenbarkeit mit. Aber auch eine unglaubliche Atmosphäre - man höre da etwa Klassiker wie “Beneath”, “Soul Burn”, Transfixion" oder “Suffer In Truth”.

Überspringen wir das fantastische “Chaosphere” (1998) und kommen zu “Nothing”, Wolfgang Van Halens Lieblingsalbum: “Wie klingt's, wenn Papa Schlumpf Schneewittchen knattert und dabei wie ein mongolischer Yeti auf Speed ins Albhorn trötet”, frug Kollege Michael Edele von laut.de damals pointiert in seiner Rezension, um diese Frage eben mit “Nothing” von Meshuggah zu beantworten. Einen klassischen 4/4 Takt sucht man dort vergebens, denn was nicht mindestens in Richtung 9/17 tendiert, flog bei Meshuggah sofort raus: Kopfwehmusik pur, behaupten die einen (und das zumindest beim Solo von “Perpetual Black Second” vollkommen zu Recht), extreme Musik, welche die Bezeichnung “progressiv” wirklich verdient, urteilen die anderen. Dass Brachialität und Härte nicht unbedingt was mit Geschwindigkeit zu tun haben muss, zeigen Songs wie der Opener “Stengah” oder “Glints Collide” sehr deutlich.

Noch besser und Paradebeispiel für den eigenwilligen Klang ist für viele jedoch “obZen”, 2008 erschienen (und erneut haben wir mit “Catch Thritythree” ein Album übersprungen): Auf “Pravus” und dem mäandernden “Dancers To A Discordant System” etwa wurden die Riffkolosse mit noch wissenschaftlicherer Präzision über dieses absolut realitätsferne Schlagzeugspiel gespielt, mehr noch bei der gnadenlosen Wucht des alles überstrahlenden Meisterwerks “Bleed”.

Wer kurz nach Corona, im Mai 2022 in der rappelvollen Arena war, der weiß, dass Meshuggah diesen akustischen Kampf der Giganten auch live zu zelebrieren wissen: Da dauerte es in der Anspannung zwar eine gefühlte Ewigkeit, bis sich die in Dunkelheit mit Bass- und Drumklängen aufgebaute Unrast in Musik wie Kanonenschläge auf der Bühne entlud, aber dann donnerte und schepperte “Brogen Cog” querbeet und zeigte dabei, dass Meshuggah die eigentliche Ursuppe des Djent sind. Da schlug sich die Virtuosität nicht nur in dröhnender Lautstärke wieder, sondern auch in einer faszinierenden Präzision - das, was Meshuggah an- und abreißen, ist sowohl ein Fest für Musiknerds als auch für die, die sich hemmungslos im Moshpit im Kreis schubsen wollen, als wären auch sie ein T-Rex und ein Giganotosaurus. Nicht einmal anderthalb Stunden dauert dieser Kampf der Giganten - effektiv und tödlich.

Und nun, zum vierzigjährigen Bandjubiläum, wird diese körperlich-akustische Kollision erneut auf die Bühne gebracht - diesmal in der deutlich größeren Raiffeisen Halle des Gasometers: Man muss befürchten, dass selbst der wuchtige Stahlbeton dort dann Risse bekommt. Und wir bekommen vielleicht vorab noch ein neues, zehntes Album: Immerhin ist ihr aktuelles “Immutable” ebenfalls schon so alt, wie Meshuggahs letzter Wien-Besuch.


Live-Termine


Meshuggah - "The Forty-Year Anomaly"

14. Oktober 2027 | Wien, Raiffeisen Halle im Gasometer
Tickets gibt es ab Freitag, den 06. November um 12 Uhr.


Infos auf dem Stand vom 04.11.2026  

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