Bild: Jens Koch
Während Rammstein nach dem Skandal weiterhin ruhen, setzt Till Lindemann seine Solokarriere nahtlos und unbeirrt fort - und kommt nach seinem eigenen Festival diesen Sommer in Leipzig nun auch erneut nach Wien.
Es ist wohl einer der größten Skandale der letzten Jahre, den wir der Vollständigkeit halber an dieser Stelle in aller Kürze rekapitulieren: Ende Mai 2023 wurden schwere Vorwürfe gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann öffentlich. Junge Frauen warfen ihm vor, dass sie - Stichwort “Row Zero” - “rekrutiert” wurden und dass es, auch unter dem Einfluss von K.O.-Tropfen, in weiterer Folge im Rahmen von Aftershowpartys ohne ihre Zustimmung zu sexuellen Handlungen gekommen sei. Die Staatsanwaltschaft Berlin leitete hierauf Ermittelungen ein, Universal Music pausierte die Zusammenarbeit mit der Band, und der Verlag Kiepenheuer & Witsch, bei dem Lindemann seine letzten Gedichtbände veröffentlicht hatte, beendete die Kooperation. Lindemann bestritt von Anfang an konsequent die Vorwürfe und im Sommer 2023 wurden die strafrechtlichen Ermittlungen aus Mangel an Beweisen und Zeugen auch eingestellt.
Zeitgleich spielten Rammstein der Kontroverse zum Trotz - allerdings unter lauten Protesten - im Wiener Happel-Stadion, zuletzt 2024 dann auch in Klagenfurt. Seitdem jedoch: Funkstille bei Rammstein, Till Lindemann veröffentlichte hingegen sein erstes wirkliches Soloalbum “Zunge” (“Skills In Pills” (2015) und “F & M” (2019) entstanden ja gemeinsam mit Peter Tägtgren von Pain und Hypocrisy).
Mit diesem im Gepäck trat er dann 2025 auch in der rappelvollen Wiener Stadthalle auf - selbstverständlich unter starkem Protest: Mehr als 6.200 Menschen hatten da einen #aufstehn-Appell unterzeichnet und forderten die Absage des Konzerts, jedoch umsonst.
Keine oder zumindest keine größeren Proteste gab es diesen Juli, als Till Lindemann zu seinem ersten eigenen Festival lud, dem Till Fest. Jenes fand an zwei Tagen in Leipzig statt - als Örtlichkeit wurde selbstverständlich eine kontroverse gebucht: der Park vorm imposanten Völkerschlachtsdenkmal, das zwar nicht von den Nazis erbaut wurde, jedoch in der Zeit des Nationalsozialismus als Stätte von mythischer Bedeutung bei den Vereidigungszeremonien der NSDAP und der Wehrmacht diente. Lindemann weiß, wie er das Marketingrädchen gekonnt zu drehen hat, dass außerhalb “seiner” Bubble Schnappatmung herrscht. Ja, selbst der Vorsitzende der Stiftung Völkerschlachtdenkmal, Anselm Hartinger, hatte gegenüber der Leipziger Volkszeitung erklärt, Lindemanns martialisches Auftreten passe nicht zu einem sensiblen Ort wie dem Denkmal. Die Stiftung hatte sich bereits im Oktober 2025 öffentlich distanziert und betont, mit der Veranstaltung nichts zu tun zu haben.
Vorort blieben die Proteste jedoch aus: Die zweitägige Veranstaltung lief unter dem Motto “One Festival. Two Shows. Two Worlds”, an beiden Abenden spielt Lindemann unterschiedliche Sets - allerdings nur aus seinem Soloschaffen, nicht von Rammstein. Im Vorprogramm spielten unter anderem Ministry, die hierzulande am 19. April im Gasometer ihr neues Album “Hate To Go (Take Out Or Delivery)” vorstellen werden - ein Meisterwerk vor dem Herren!
2027 kommt aber auch Till Lindemann wieder zurück in seine Haus-und-Hof-Location, die Wiener Stadthalle: Zutritt erhalten bei seinem zweiten Wien-Konzert ausschließlich Personen ab 18 Jahren, weil es erneut auch ein bisserl pervers-inszenatorisch zugehen wird. Und ja, auch das für kommenden November angekündigte Konzert wird wohl nicht allerorts auf Wohlwollen stoßen: Wenngleich die Ermittlungen gegen Lindemann im Sand verlaufen sind, den “Tätermantel” kann er für viele weiterhin nicht ablegen. Lindemann und seiner Entourage wird's auch weiterhin ziemlich wurscht sein.
Ob Lindemann da - nach seinem “Live In Krakow”, das im September erschien - schon ein neues, zweites Album im Gepäck haben wird, ist bisher nicht bekannt. Ein Live-Album in Ton und Bild gibt's allerdings auch von Rammstein: Unter dem Titel “Rammstein - Live in Mexico City” ist bereits diese Woche der Konzertfilm in den Kinos zu sehen, der am 20. November dann auch in allerlei Editionen für Heimkino und Stereoanlage erscheint.
Darin reisen wir zurück in den Oktober 2022, in Vogelperspektive gleiten wir da übers abendliche Mexiko-Stadt: Der Horizont scheint noch nachzuglühen ob der just untergegangenen Sonne, dann ertönt Händels barocke Feuerwerksmusik aus dem Off. Die Kamera schwenkt durchs Treiben der Millionenmetropole, es lärmt. Wir fliegen rein ins Stadion namens Foro Sol, die Menge von rund 65.000 Menschen johlt schon. Und dann geht's los: Fast zweieinhalb Stunden wüten sich Rammstein durch ihr Set, Interviews oder Hintergrundszenen mussten leider draußen bleiben. Warum, das kann man sich eh denken. Aber bei Rammstein geht's ja ohnehin ums Klotzen statt Kleckern: Das Bühnenbild wirkt wie eine Trutzburg aus der Hölle, glutrot beschienen. Lindemann ist totenbleich geschminkt - das Publikum kreischt in sein Angesicht: Ganz offensichtlich hat man massig Bock auf ein kollektives Inferno. Dabei beweisen die Mexikaner eine erstaunliche Textsicherheit: Wenn Lindemann in “Zick Zack” von plastischer Chirurgie, von “Bauchfett in die Biotonne” erzählt, entgegnen sie ihm im kollektiven Taumel: “Penis sieht jetzt wieder Sonne!” Dass insbesondere er die Massen in der Hand hat, zeigt etwa auch eine Szene nach dem Abspann: Nachdem wir einzelne Fans vor dem Stadion zu Gesicht bekommen, die emotional sichtlich durchgeschüttelt sind, kehren Rammstein plötzlich wieder für “Te quiero puta!” auf die Bühne zurück; Darin singt Lindemann auf Spanisch. Man kann sich denken, wie die Mexikaner da nochmals eskalieren.
Es ist definitiv ein opulenter Fan-Service für die, die für Rammstein schon seit Jahren - badum-tss! - Feuer und Flamme sind, immerhin musste man ja auch das ebenfalls schon aufwendig inszenierte “Rammstein: Paris” (2017) nochmals übertreffen. Die Messlatte lag hoch, aber da Rammstein ohnehin auf gigantomanische Überwältigungsästhetik setzen, war die Überwindung wohl ein Kinkerlitzchen. Man darf gespannt werden, ob Lindemann auch solo für ein ähnliches Spektakel sorgen kann, zumindest im mittelgroßen Format.