Bild: Jive Music
2023 zählte die deutsche Influencerin Kayla Shyx zu den größten, prominentesten Rammstein-Kritikerinnen. 2024 begann sie dann auch selbst, Musik zu machen - ihr erstes Album folgte 2025 und löste den “Brat Girl Summer” von Charli XCX ab: Plötzlich war der “Sad Girl Summer” das neue Ding, ihre ersten Deutschland-Konzerte rappelvoll. Nun kommt sie endlich erstmals auch nach Österreich: Im Vorprogramm von Bibiza in der METAStadt und aufs SZENE OPENAIR.
Am 25. Mai 2023 setzte die Nordirin Shelby Lynn eine Lawine in Gang: Nach einem Rammstein-Konzert in Vilnius veröffentlichte sie auf Instagram und Twitter Vorwürfe gegen Sänger Till Lindemann und trat damit eine Welle an Anschuldigungen los – der Auftakt eines Skandals, der monatelang Schlagzeilen machte. Denn in weiterer Folge mehrten sich die Vorwürfe auch anderer Frauen: Rammstein, so der O-Ton, würden bei ihren Konzerten junge Frauen rekrutieren, sie unter Alkohol- oder Drogeneinfluss setzen und sexuell übergriffig werden - das Stichwort des Sommers war die “Row Zero”. Seitdem wurden die Ermittlungen zwar eingestellt - aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt, nicht zuletzt, weil sich auch Die Ärzte-Schlagzeuger Bela B in seinem aktuellen Buch “Fun” dem Thema annahm - natürlich ohne, Lindemann oder Rammstein tatsächlich namentlich zu erwähnen. Verscherzen will man es sich mit prominenten Kollegen ja nun doch nicht.
Eine der größten Lindemann-Kritikerinnen war die deutsche Influencerin Kayla Shyx, die im Juni 2023 ein Video mit dem Titel “Was wirklich bei Rammstein Afterpartys passiert” veröffentlichte und detailliert beschrieb, wie die systematische Anwerbung und das System “Row Zero” praktiziert wurden. Sie berichtete darin von ihren persönlichen Erlebnissen bei einem Rammstein-Konzert im Berliner Olympiastadion im Juni 2022 sowie von Aussagen anderer betroffener Frauen.
Nach der Veröffentlichung ihres Videos hat sie “immensen Hass, undenkbare Drohungen und maßlose Übergriffigkeit” erfahren, sagte Shyx damals. Im 2024 erschienenen SPIEGEL-Buch “Missbrauch, Macht & Medien” schilderte sie ihre Eindrücke aus dieser Zeit und erzählte auch von Vergewaltigungs- und Morddrohungen, um die Angst um ihre persönliche Sicherheit.
Den Hass spürt sie bis heute, verarbeitet ihn seit drei Jahren aber auch künstlerisch: Im September 2024 erschien ihre erste Single “Sad Girl Summer”, das ebenso betitelte Album folgte vergangenes Jahr im Mai. “Auf Kayla Shyx musikalischen Spuren läuft man auf Boden, der glüht und manchmal brennt”, schrieb dazu ihr Label Jive Germany. Dabei ist das Album keine “Abrechnung” mit dem “System Rammstein/Lindemann”, sondern vielmehr eine Erzählung über einen abwesenden Vater, über die erste und zweite Liebe, über Zweifel, über Grenzen, die man in seinem Leben überschreitet und überschreiten lässt. Es ist ein Album, das schonungslos erzählt, ein Album voller Emotionen, die wie Blei wiegen - vielleicht auch eine Therapie für Kayla Shyx selbst: Gewissermaßen sind es ihre “Lehr- und Wanderjahre”, die Kayla Shyx nun in musikalischer Form aufs Tableau legt.
Im Fokus des Albums steht eine Heldin: Nicht sie selbst, sondern ihre Mutter. Sie predigt Selbstbestimmung, trotz fehlenden finanziellen väterlichen Rückhaltes ermöglicht sie ihrer Tochter bereits früh eine künstlerische Verwirklichung - von Klavierunterricht bis hin zu einer Musical-Ausbildung im Friedrichstadtpalast Berlin. Musik färbt also früh das Leben von Kayla Shyx und liefert das Fundament für ihren Reifeprozess, für ihre verwirrenden, komplexen, oftmals auch zerrüttenden Auseinandersetzungen als junge Frau mit dieser Welt.
Auf “Sad Girl Summer” erzählt Kayla Shyx vielleicht ihre Geschichte, spricht aber gleichermaßen für ihre Leidensgenossinnen - für die, die sich manchmal schwertun, ihr eigenes, schwelendes Unbehagen zu benennen und in Worte fassen zu können. Es geht um Consent im Kleinen und Großen, um Panikattacken und Therapie, um Veganismus und Ethik, um den giftigen Einfluss von Social Media - und um Selbsterkenntnis, Selbstkritik und Akzeptanz. Also: um viel.
Die Themen greifen tief, aber das in einer fast romantischen Klangwelt, die über weite Strecken hinweg an Lana Del Rey denken lässt: Die morbide Welt, über die Kayla Shyx erzählt, wirkt auch irgendwie zart und weich - ein Wechselbad der Gefühle, nicht unähnlich einem Tagebuch, das auch nicht zwangsweise einer Stringenz, sondern schlichtweg ungezügelten Emotionen folgt.
Während der vor zwei Jahren von Charli XCX ausgerufene “Brat Girl Summer” für Partyfreude, Emanzipation und Provokation stand, präsentiert Kayla Shyx mit ihrem “Sad Girl Summer” nun das krasse Gegenteil, suhlt sich in Verletzlichkeit und Tristesse. Auch wenn sie sich nach außen hin als starke, junge Frau präsentiert, so wird in ihren Liedern doch die Hilflosigkeit überdeutlich, das Verlorensein, wenn man im Heranwachsen mit einer Enttäuschung nach der anderen konfrontiert wird: So verschwimmt das Leben in einem Taubheitsgefühl, das zwischen einer Unbeschwertheit und einer alles erdrückenden Last changiert - binnen weniger Momente. So gelingt es Kayla Shyx, neben etwa Berq und Paula Hartmann, ein Ventil für die (weibliche) Jugend zu kredenzen - denn neben der von Charli XCX ausgerufenen Gelöstheit tut es auch Not, hie und da einmal nachzudenken und aufzuseufzen: Die Welt ist nicht immer rosa-grün, sondern manchmal auch elendiglich grau.
Aber: Und das hat Kayla Shyx zuletzt im Vorprogramm von Nina Chuba in Deutschland bewiesen, das Grau kann auch schnell wieder in rosa-grün umschlagen, wenn man zwischendurch auch einmal die Party galoppieren lässt und die Sorgen, die im Alltag so plagen, außen vor lässt. Heute erscheint jedenfalls einmal nach ihrer bisher letzten Single “Liebesbriefe” die allerneueste Single “Pretty Boys” um 20 Uhr - beide wird man dann wohl auch morgen im Vorprogramm von Bibiza in der METAStadt und dann am 1. August am letzten Tag vom SZENE OPENAIR hören.