Bild: oeticket/Stefan Kuback
Ist Wien die neue Hochburg der Raubritter? Die Stadt Wien will nämlich künftig bei sämtlichen Kulturveranstaltungen kräftig mitverdienen. Ein Schuss ins Knie.
Anfang September machte in den Tagesmedien eine Meldung die Runde: “Die Stadt Wien prüft offenbar die Einführung eines Kultur-Euro.” Wobei: Die Singularität des Begriffs “Euro” klingt vernachlässigbar, die Rechnung dahinter ist es nicht. Die Überlegungen, die noch im Herbst beschlossen und ab Mitte 2027 wirksam werden könnten, reichen nämlich bis zu 12,5 Prozent Aufschlag auf sämtliche Eintrittspreise – von der Hochkultur bis zum Popkonzert, vom Museum bis zur Kleinkunstbühne, vom Theaterhaus bis zum Kino. Die Idee dieser neuen Landesabgabe wurzelt im Büro von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ), die selbstverständlich betont, dass die neu gewonnen Einnahmen "natürlich" der Kultur zugutekommen werden. Aber: Die Stadt Wien könnte mit der Abgabe zwar kurzfristig Geld einnehmen, wird jedoch langfristig genau jene Kulturvielfalt schwächen, die es mit diesem Geld eigentlich zu fördern gedenkt.
Der Aufschrei in der Branche ist natürlich bereits groß: Der Tageszeitung Der Standard erzählt Staatsoperndirektor Bogdan Roščić gar, er hätte bei der Meldung “an einen Aprilscherz” geglaubt. Denn: “Wie das Publikum auf eine so massive neue Besteuerung der Karten reagieren würde, kann man sich ausmalen.” Auch die Interessengemeinschaft Österreichische Veranstaltungswirtschaft (IGÖV), die sich aus allen relevanten Veranstaltern des Landes zusammensetzt, zeigt sich durch das unreflektierte Vorhaben der Wiener Politik rund um nicht nur die Kulturstadträtin, sondern freilich auch rund um Bürgermeister Michael Ludwig alarmiert – und irritiert. Ewald Tatar, der vom Nova Rock (Burgenland) über das FM4 Frequency (Niederösterreich) bis hin zu zahlreichen Großkonzerten nicht nur in Wien, sondern in ganz Österreich zahlreiche Fäden in der Hand hat, malt gekonnt pointiert ein tristes Zukunftsbild: “Wien degradiert sich zum neuen Minimundus in der internationalen Veranstaltungswirtschaft. In Oberwart oder Parndorf könnten Träume in Erfüllung gehen: Vielleicht plant Landeshauptmann Hans Peter Doskozil schon ein neues Stadion, wenn Wien sich vorsätzlich von Großkonzerten verabschiedet.”
Denn trist ist das Bild tatsächlich schon jetzt bereits: Inflation und Kostensteigerungen betreffen nicht nur, aber auch die Kultur- und Veranstaltungsbranche ohnehin schon massiv. Zudem müssen die Menschen – trotz der nicht immer greifenden politischen Bemühungen, die Lebenserhaltungskosten zu dämpfen – dort sparen, wo es ihnen noch möglich ist: bei der Freizeitgestaltung. Was wäre die Folge, wenn der “Kulturteuro” nun tatsächlich folgt?
Veranstaltungen in Wien würden massiv teurer werden – sowohl für Veranstalter als auch für alle Besucher*innen: also grob 30 Millionen leidtragende Menschen - hinter, auf und vor den Bühnen pro Jahr. Und davon wäre letztlich nicht “nur” Wien betroffen, denn wer denkt, dass gerade Großveranstaltungen – wie etwa vergangenes Wochenende Die Toten Hosen im Ernst-Happel-Stadion – hinkünftig eben in die Bundesländer auswandern, irrt: Bereits jetzt machen zahlreiche internationale Künstler*innen – Stichwort Olivia Rodrigo, Charli XCX – einen Bogen um Österreich, weil es hier aufgrund der höheren Umsatzsteuer als im Vergleich zu etwa Deutschland deutlich zu teuer ist. Von Prag, Bratislava und Budapest ganz zu schweigen. Von den neuen Überlegungen im Rathaus ist somit der gesamte Kulturstandort Österreich betroffen und würde unser ohnehin schon lückenhaftes Facettenreichtum weiter bröckeln lassen. Und natürlich reißt diese hanebüchene Idee nicht nur ein Loch in die Kultur: Im Dominoeffekt werden in weiterer Folge auch die Hotellerie und die Gastronomie Leidtragende sein.
All dies wofür? Die Stadt Wien will damit das Kulturbudget sanieren. Doch hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Etwa 120 Millionen Euro könnte die Stadt zwar nämlich so auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger, aber auch Besucherinnen und Besucher jährlich lukrieren – fast die Hälfte jedoch zu Lasten der eigenen Bundesmuseen und -spielstätten, wie etwa die Stadthalle und das Ernst-Happel-Stadion. Hinkünftig müsste sich Wien also selbst noch stärker subventionieren denn je zuvor. Und das mit einem schlechteren Programm als bisher. Treffend bemerkt hierzu Judith Edelmann, Kultursprecherin der Wiener ÖVP: “Die Wiener Kulturlandschaft braucht keine neue Steuer, sondern einen verantwortungsvollen Umgang mit dem vorhandenen Mitteln.” Aber im Rathaus scheint man ganz generell einem anderen Motto zu folgen: Wenn der Führung das Geld ausgeht, wird eben die Bevölkerung zur Kasse gebeten – entweder direkt oder indirekt. Und diese Art und Weise von Politikmacherei verdient nur ein Wort: Mumpitz.