Bild: Nat Traxe
Die deutsche Popsängerin und Songschreiberin Lotte hat sich für ihr fulminantes neues Album von fast allen Zwängen befreit - es ist ihr kreativer Befreiungsschlag.
Wer ist Lotte? Eine deutsche Singer/Songwriterin, die es zu entdecken lohnt. Geboren 1995 als Lotte Rezbach und aufgewachsen in Ravensburg, wurde sie 2019 mit dem Song “Auf das, was da noch kommt” bekannt, einem Duett mit ihrem deutschen Kollegen Max Giesinger. Zuvor spielte sie bereits in seinem Vorprogramm, wie auch in dem von Johannes Oerding. Später nahm sie auch an dem TV-Format “Sing meinen Song – Das Tauschkonzert” teil. Diese knappe Aufzählung lässt auf nett-belanglosen Deutschpop schließen. Doch weit gefehlt: Mit ihrem vierten Album “Lotte” gelingt der Sängerin der kreative Befreiungsschlag. Dafür hat sie einiges riskiert und so manches Sicherheitsnetz durchschnitten, wie die hochsympathische Lotte im Gespräch erzählt.
Ich habe mit meinen ersten Alben eine Reise hinter mich gebracht. Und nun habe ich mir ein Haus gebaut, in das ich einziehen will. Es fühlt sich so sehr nach mir an wie nichts davor. Das Album heißt ganz bewusst “Lotte”. Ich will meine früheren Alben nicht schlecht machen. Die Musik war genau richtig für das, was ich damals wusste und wie viel ich konnte. Aber ich finde schon, dass ich sehr gewachsen bin seither und viel dazugelernt habe. Zum ersten Mal habe ich mir die Zeit genommen, Musik genauso zu machen, wie ich es mir vorstelle. Ich glaube, sie widerspricht in vielem dem, was sich die Musikbranche vorstellt und von Artists verlangt.
Nein, auf dem Weg musste viel passieren. Mit etwas Abstand betrachtet, hat sich meine Musik früher nicht richtig nach mir angefühlt. Wahrscheinlich musste ich lernen, mein eigener Chef zu sein. Das war wichtig. Als ich vor drei Jahren angefangen habe an den Songs zu arbeiten, habe ich das Label komplett ausgeschlossen. Die haben keinen Ton gehört, bevor das Album fertig war. Dadurch ist es pur und komplett meine Kunst. Ich wollte nicht, dass jemand mitredet, der mit finanziellen Interessen reingeht.
Ich habe tatsächlich gerade immer noch kein Zuhause. Das kam, weil ich aus meiner Wohnung ausziehen musste und nicht direkt eine neue gefunden habe. Ich habe meine Sachen eingelagert und bin mit zwei Koffern bei Freunden eingezogen. Das mache ich seit vier Monaten so und versuche es zu embracen, wie man sagt. Wie oft im Leben kommt man schon in derart extreme Situationen? Ich gehe auf Tour und habe für die Zeit danach keinen Plan, keinen festen Wohnsitz und mein Kalender ist leer. Ich weiß auch nicht, wie es mit der Musik weitergehen wird. Aber ich nehme das alles an und schaue, was es mit mir macht. Aus solchen intensiven Lebensphasen entsteht viel Wachstum.
Ich habe ein sehr hungriges Herz und will viel lernen in meinem Leben. Es hat sich bisher noch nicht als Fehler herausgestellt, immer komplett ins Risiko zu gehen und alles auf eine Karte zu setzen. Es gibt auch Tage, die hart sind. Aber ich glaube, ich werde aus diesem Nomadenleben viel mitnehmen. Und ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass ich keine Angst haben muss, ins Bodenlose zu fallen. Ich habe gute Freunde und auch meine Eltern hätten im Notfall noch ein Zimmer für mich.
Doch, das wusste ich. Ich habe die Musik der Sechziger und Siebziger, die das Album komplett inspiriert, schon immer geliebt. Und zwar von den Beach Boys bis zu The Velvet Underground. Dazu kommt noch der Dream Pop von Mazzy Star, der Ende der Achtziger entstanden ist. Das ist die Musik, die ich atme. Mir wurde halt bisher immer gesagt, dass das auf Deutsch nicht funktionieren würde. Und ich hatte auch weder den Mut noch das Know-How, um das gut umzusetzen. Das kam erst durch die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Jules, einem in London lebenden Franzosen. Bevor ich ihn kennengelernt habe, war ich viel unterwegs und habe in Kopenhagen und eine Zeit lang auch in Wien an Songs gearbeitet.
Toll. Wir haben immer nachts gearbeitet. Dadurch hat die Musik für mich einen halb verschlafenen und halb wachen Vibe. Ich habe diese Atmosphäre gebraucht, um wirklich loslassen zu können.
Ja. Für mich ist es ein Freischwimmer-Album. Ich habe nur auf mich gehört. Es ist krass, wie stolz mich das gerade macht. Im Vergleich zu früher stecke ich ganz tief drin in der Musik. Das grenzt schon an Wahnsinn. Das Wort Obsession trifft es ganz gut. Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft zum Beispiel das Albumcover bearbeitet werden musste, bis es für mich perfekt war.
Ich weiß es auch nicht, aber ich liebe sie. Ich habe das in mir. Auch wenn mein Leben schön ist, bin ich immer ein bisschen traurig, weil ich weiß, es hört wieder auf. Ich bin trotzdem ein sehr glücklicher Mensch, aber gleichzeitig melancholisch und emotional. All das wird in meiner Musik immer stattfinden.
Total. Ich finde Album so schön, dass ich nicht mal geschaut habe, wie hoch es in die Charts eingestiegen ist. Komplett egal. Es ist kein Trendalbum, sondern will zeitlose Musik sein. Irgendwann wird es seinen Platz in den Herzen der Leute finden. Ich glaube, der einzige Weg, langfristig relevant zu sein, ist, so menschlich und pur wie möglich zu klingen. Alles, was gleichförmig und blass ist, wird früher oder später durch AI abgelöst werden.
Ehrlich gesagt war ich nur in drei, vier Vorlesungen. Dann ging es auch schon bald mit der Musik los. Mein Philosophiebuch würde “Über die Planlosigkeit des Lebens” heißen.