Bild: oeticket © Daniel Jamritsch
Mit ihrem neuen Album "Die Leichtdichtheit des Seins" zeigen AUT of ORDA einmal mehr, wie selbstverständlich sich musikalische Vielfalt, Humor und Haltung miteinander verbinden lassen. Zwischen Dialekt, Wortspielen, härteren Sounds und ruhigeren Momenten bewegt sich das Duo durch unterschiedliche Genres, ohne sich dabei auf eine bestimmte musikalische Schublade festlegen zu lassen.
Auch inhaltlich geht es AUT of ORDA um mehr als bloße Unterhaltung. Gesellschaftskritik, klare Positionen und ein satirischer Blick auf Österreich gehören ebenso zu ihrem Selbstverständnis wie die Freude am gemeinsamen Musikmachen. Dabei nehmen sie weder sich selbst noch starre Genregrenzen allzu ernst und schaffen so einen ganz eigenen Zugang zu Austropop und Dialektmusik.
Wir haben mit den beiden Mitgliedern Paul Pizzera und Daniel Fellner über ihr neues Album, ihren kreativen Prozess und die Bedeutung von Haltung in ihrer Musik gesprochen. Außerdem geht es um die kommende Tour, musikalische Einflüsse und darum, wie sie zwischen Studio, Bühne und Touralltag abschalten und neue Energie sammeln.
Die "Leichtdichheit des Seins", das klingt wie ein Gegenentwurf zu den Strapazen der modernen Arbeitswelt, zu Leistungsdruck und Burnout-Gefahr. Wie kam es zu dieser Wortneuschöpfung und was bedeutet das für euch?
Paul Pizzera: Das ist gut auf den Punkt gebracht und gut formuliert. Ja, es geht eben nicht darum, dass man ein Leben ohne Schwere lebt, sondern dass man schaut, mit wie viel Gewicht auf den Schultern man trotzdem beweglich durchs Leben tanzen kann. Es geht eher um den Rausch der Musik, das Absolutierende, was einem vielleicht hilft, durch schwierigere Phasen zu gehen. Und ja, man muss nicht dauerbetrunken sein, um erfüllt zu sein. Ich glaube, ein kontrollierter oder gepflegter Kontrollverlust kann manchmal auch was Schönes sein.
Ihr durchstreift viele verschiedene Genres, von Nu-Metal über Rock bis hin zu Singer-Songwriter. Wählt ihr diesen Streifzug bewusst oder nehmt ihr euch einfach die Freiheit, weil es Spaß macht?
Daniel Fellner: Wir haben schon von Anfang an beim ersten Album gesagt, wir wollen uns keine Grenze setzen. Wir haben jetzt ein bisschen Struktur reingebracht; wissen, wo wir hinwollen, wo wir hinkönnen. Und dann haben wir beim Live-Spielen auf den letzten Touren gemerkt, dass die härtere Schiene bei uns vor allem live gut funktioniert. Es ist nochmal eine emotionale Schaufel drauf bei manchen Themen, wenn man diese musikalisch ein bisschen härter untermalen kann. Wären wir nicht so breit gefächert, würde uns beiden fad werden, glaube ich.
Eure Texte leben von Dialekt, Neologismen, Wortspielen und zeichnen oftmals ein satirisch überhöhtes Bild der österreichischen Gesellschaft. Wie wichtig ist es euch, dass ihr nicht nur unterhaltet, sondern auch Kritik ausübt?
Paul Pizzera: Bei Songs wie "Nazis gegen Rechts" geht es eben nicht darum, dass man auf einen Charterfolg schielt. Da geht es eher um eine Visitenkarte, dass man sich im Austropop - im weiteren Sinne sind wir ja auch Dialektmusik - eindeutig von Demokratiefeindlichkeit, faschistoides Denken oder Homophobie abgrenzt. Das ist ein bisschen unter die Räder gekommen in den letzten Jahren, weil man so verträglich und so brav wie möglich sein will. Das ist diese Kategorie in Österreich, bei der man sagt: schade, dass man es sagen muss, aber gut, dass man es gesagt hat. Es geht mehr um eine Etikette, die man dem Projekt anheften will, als um den Erfolg, den man damit sieht. Das hat mehr mit Haltung, mit Einstellung zu tun, als mit irgendeiner pekuniären Denke.
Bei AUT of ORDA seid ihr zu zweit. Wie funktioniert das Ping-Pong im kreativen Prozess?
Daniel Fellner: Es fühlt sich mittlerweile weniger an wie Ping-Pong, sondern es ist eher: aufschlagen und "smash!" (lacht). Im Ernst, es ist ein gemeinsames Ziehen an einem Seil. Früher, gerade am Anfang der kreativen Beziehung, war es mehr ein Ping-Pong. Aber wir sind mittlerweile so eingespielt, dass wir beim Kommen ins Studio am Vormittag eigentlich beide schon wissen, wo die Reise hingehen wird.
Paul Pizzera: Absolut, man merkt die Kilometer einfach und ich sage immer Dream Team, weil ich so gerne mit dem Daniel zusammenarbeite. Es ist ein so schnelles, cooles, respektvolles Miteinander auf Augenhöhe, wo man sich seiner Stärken bewusst ist und die Stärken des anderen wohlwollend annimmt - und dafür bin ich dankbar.
Wenn ihr euch gegenseitig einen Song aus "Leichtdichtheit des Seins" zuordnen müsstet, wer von euch wäre welcher Song?
Paul Pizzera: Musikalisch und inhaltlich ist der Daniel total "Nazis gegen Rechts", finde ich. Also wir kommen beide aus der härteren Ecke, aber Daniel noch einmal mehr und das ist so der am meisten "Musikalisch-auf-die-Fresse-Song".
Daniel Fellner: Das finde ich gut. Ich würde einen anderen Ansatz wählen. Ich würde den Titel "Für Olle!" nehmen, weil alle den Pauli mögen (lacht).
Paul Pizzera (lacht): Was ein Schwachsinn! Wirklich ein Blödsinn! Ich gebe mir Mühe. Aber es gibt Gott sei Dank Menschen, die mich nicht mögen. Völlig zu Unrecht, aber es gibt sie.
Gut, dann zur Tour: Wie laufen die Vorbereitungen dafür?
Daniel Fellner: In vollstem Gange, weil wir bei der neuen Tour noch mehr lustige Sachen ausprobieren wollen. Denn wir haben mittlerweile mehr Material und sind eine relativ große Produktion dafür, wie lange es uns gibt. Auch live ist es eine riesige Spielwiese für uns. Wir haben zwei Drumsets und allerlei anderes. Es wird eine Herausforderung, verschiedene thematische Blöcke zu schaffen, weil die Songs so breit aufgestellt sind. Aber ich bin zuversichtlich, dass das wieder gut funktioniert.
Worauf dürfen wir uns bei eurer Tour freuen?
Paul Pizzera: Auf einen musikalischen Husarenritt durch sämtliche musikalische Genres, wo von lebensbejahenden Hymnen bis zu ergreifenden Balladen sämtliche Emotionen, die der menschliche Körper bereit ist zu destillieren, gefordert werden. Ein Potpourri aus Licht, Klang und Emotionen.
Werdet ihr auf der Tour auch extended, also nicht nur zu zweit, spielen?
Daniel Fellner: Genau, wir sind insgesamt zu siebt und es wird Special Guests geben. Cosmo ist auch dabei als Support Act bei zwei Shows. Den Rest wissen wir selbst noch nicht genau, weil sich das spontan entscheidet. Aber das alles steht für Qualität, Vielfalt und ein schönes Miteinander. Keine Show wird sein wie die andere, es wird immer wieder neue Gesichter, neue Emotionen und neues Feuer geben.
Nochmal ein bisschen privater. Das klingt nach einem stressigen Leben mit Tour und Studioaufenthalten. Was macht ihr, um euch zu erholen und abzuschalten?
Paul Pizzera: Absolut. Alles, was ich vor zehn Jahren noch lächerlich gefunden habe, mache ich jetzt. Ich gehe gern wandern, ich koche gern. Das ist eine unfassbar angenehme Reifeerscheinung, dass man gern um einen Gebirgssee geht und mit sich selbst mehr im Reinen ist als früher. Und danach freut man sich auch wieder auf viele Menschen, viele Gesichter und kann wie bei jeder Bühnenshow einfach einen Teil von sich wieder gut hergeben.
Daniel Fellner: Bei Wandern und Kochen schließe ich mich an. Ich würde es gerne noch um Fermentieren erweitern. Damit habe ich noch nicht angefangen, aber das ist mein Plan. Ich habe Ghost Chilis angepflanzt und die möchte ich dann fermentieren.
Paul Pizzera: Wir sind ein Waldschrat geworden, wirklich. Wir haben das lauschigste Tonstudio, wo sich Fuchs und Has´ gute Nacht sagen.
Klingt schön! Welche Acts und Artists hört ihr privat gerne?
Daniel Fellner: Ich habe jetzt vor Kurzem das erste Mal meine Lieblingsband gesehen, die Deftones. Das war vor allem vom Bühnendesign her toll. Ich bin in letzter Zeit inspiriert von Sachen, die es schaffen, aus wenig Klimbim das Maximum rauszuholen.
Paul Pizzera: Also genau gegenteilig zu dem, wie wir arbeiten. Wir haben nämlich sauviel Klimbim.
Daniel Fellner: Ja, aber man muss auch das andere machen. Du gehst als Sternekoch auch nicht jeden Tag Fine Dining, sondern du machst dir mal ein Käsebrot.
Paul Pizzera: Ja, bei mir ist es so, dass ich von Volksmusik wie Wolfgang Puschnig und Herbert Pixner bis Metalcore wirklich überall meine Inspirationen finde, selbst bei textlich schwer grenzwertigem Gangster-Rap in allen möglichen Sprachen. Also ich glaube, bis auf Techno - das ist nicht meins, gibt mir keine Emotion - ist überall etwas dabei, wo ich bewundernd dazu nicken kann.
Habt ihr auch noch ein oder zwei österreichische Acts, die ihr inspirierend findet?
Beide: Auf jeden Fall, zum Beispiel die folkshilfe und die Sachen von Anna Buchegger finde ich großartig. Außerdem Sodl, mit der haben wir auch zusammengespielt, sogar mit Herbert Pixner. Für mich immer großartig ist auch HMBC, eine Band aus Vorarlberg. Die haben den Groove gepachtet, wirklich. Und sonst haben wir noch mit der Caro Fux produziert, grandios wirklich.
Und noch ein letztes Abschlusswort?
Paul Pizzera: Wo investiert man am besten Geld? In Momente! Und Momente erlebt man mit großartigen Menschen vor und vor allem nach der Bühne, wenn es nachhallt. Wenn man am nächsten Tag einen Ohrwurm hat und man weiß nicht, woher. Also investiert in eure Zukunft der Bilder, geht auf oeticket, schaut euch viele Bands, aber vor allem österreichische Bands, an und genießt die Magie der Livemusik.