Bild: Robert Peres
In seinem neuen Kabarettprogramm “Apropos übrigens – Überleitungen mit Füllung ohne Anspruch auf Vollständigkeit” verhandelt Gunkl nicht weniger als die Grundlagen des Menschseins. Im folgenden Interview erläutert er, warum das Alberne und die Improvisation ebenso Platz finden wie feinst geschliffene Argumente, warum er auf der Bühne unbedingt seine eigenen Gedanken denken muss – und was es mit dem Sinn des Lebens auf sich hat.
1994 überraschte Günther Paal, wie Gunkl mit bürgerlichem Namen heißt, das heimische Kabarettpublikum mit seinem Debüt “Grundsätzliche Betrachtungen – anschaulich gemacht an kuriosen Einzelleistungen der Tücke des Alltags, was als Programmtitel vermutlich ein bisschen zu lang ist, zumal darin eine, sei'n wir 'mal ehrlich, sehr unelegante Genitivkette enthalten ist”.
Sprachliche Präzision, philosophische Neugier, trockener Schmäh und eine ausgeprägte Freude an intellektuellen Umwegen und Abschweifungen sind seither das Markenzeichen des Wiener Kabarettisten, Schauspielers ("Muttertag") und Musikers. Am 15. September feiert Gunkl, 64, im Wiener Stadtsaal die Premiere seines 15. Soloprogramms “Apropos übrigens – Überleitungen mit Füllung ohne Anspruch auf Vollständigkeit”.
In groben Zügen geht es – wieder einmal – irgendwie um die Conditio Humana (Anm.: die “Bedingung des Menschseins”). Ich wollte ein Programm über Grundlagen schreiben, weil das Thema in unserer Gesellschaft immer weniger Beachtung findet. Es passieren so viele Ereignisse gleichzeitig, dass sich niemand mehr um die Frage kümmert: “Woran liegt denn das?” Aber dann ist mir die erste Hälfte des Programms ein bisserl ins Alberne gerutscht.
Nix. Ich habe der Entwicklung stattgegeben. Man muss ja nicht dauernd mit dem knatternden Banner der Wahrhaftigkeit herumfuchteln. Die erste Hälfte ist also … Nein, sie ist eh auch seriös. Aber ich habe der Lustigkeit Raum gegeben.
Da befasse ich mich mit einer Idee, die ich einmal für einen Roman gehabt habe. Für einen Roman, den ich nie schreiben werde, weil ich für sowas keine Zeit mehr haben werde. Aber die Idee dreht sich um ein Generationenraumschiff – und um die Frage, wie eine geschlossene Gesellschaft damit umgeht, wenn die Frage nach dem Sinn des Lebens ein für alle Mal unwiderlegbar beantwortet ist.
Du existierst, damit irgendwer, der nicht wissen wird, dass du jemals gelebt hast, irgendwann irgendwo aussteigt. Du bist ein namenloser Genträger, und mehr ist da nicht. Die Frage ist: Wie kann das ausgehen?
Ich schaue, wo mich das Denken hindenkt.
Am “Ist” herumzunörgeln, ohne zumindest ein “Soll” benennen zu können, ist aus meiner Sicht billig. Man sollte zumindest benennen können, was verfehlt wird. Wenn man sagt: “So, wie es ist, ist es nicht gut”, dann muss “Beistrich weil” kommen. Nur zu sagen “Wenn es regnet, ist es nass”, ist zu wenig. Diesen Anspruch habe ich. An mich auf jeden Fall, und an andere eigentlich ebenso. Aber vor allem an mich. Denn wenn man schon – wie ich – das große Glück hat, davon leben zu können, dass ein paar zig Leute zuhören bei dem, was man zu sagen hat, dann sollte man nicht nur beschreiben, wie es nicht gut ist. Denn die, die es nicht wissen, dass es nicht gut ist, hätten nachher einen schlechten Tag und denen, die das eh wissen, ginge es dadurch auch nicht besser. Man sollte also zumindest Ideen entwickeln, wie es sein könnte oder sollte.
Zumindest soll die Idee etabliert sein, dass man über ein Besseres nachdenken kann. Und dass man nicht in diesem Komplettschatten von “Es ist oasch und es bleibt oasch” versinkt. Wenn die Möglichkeit, über Besseres nachzudenken, einmal im Raum steht, ist schon etwas gewonnen.
Nur in den Grundzügen. Man muss es für möglich halten, dass man sich nicht nur an Ereignissen festhält. Sondern dass man schaut: Was müsste grundsätzlich sein, damit alle mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auf etwas hinarbeiten? Ich bin kein großer Esoteriker, wirklich nicht. Aber wenn zum Beispiel im Wald das Wasser knapp wird, schraubt jeder Baum seinen Bedarf zurück. Jeder. Wenn bei uns irgendwas knapp wird, rennen die Leute los und decken sich mit so viel davon ein wie möglich. Wenn hingegen diese Idee da wäre “Gut, wenn es weniger gibt, dann nehme ich mir weniger, weil die anderen ja auch noch was brauchen”, dann wäre ein Anfang gemacht.
Es gibt keinen “Sinn des Lebens”. Wenn man einen will, muss man sich einen suchen und finden.
Nein. Aber ich versuche in allem, was ich kann, ein angenehmer Mensch für die zu sein, die ich treffe. Und bei den Leuten, die ich nicht treffe, versuche ich durch die Wirkung, die ich habe – und die ist minimal auf der Bühne –, eine Denkwelt zu etablieren, die Freundlichkeit und Angenehmsein nicht als Schwäche darstellt, sondern als etwas Positives. Dass also jemand, der freundlich grüßt, nicht unterwürfig ist, sondern einfach wirklich nur freundlich – und dass es das wirklich geben kann.
Das ist ein großer Irrtum. Man kann Dinge vom Anfang und vom Ende her denken. In dem, was wir täglich tun, denken wir die Dinge natürlich vom Ende her. Wir haben eine Idee, wie es sein soll. Wir formulieren einen Sinn für eine Tat, damit nach der Tat dieser Sinn erfüllt ist. Das funktioniert, und dass wir das können, hat uns als Menschen sehr erfolgreich gemacht.
Nur: Die Welt insgesamt, im Sinne von “die Welt mit uns drinnen”, funktioniert nicht zielgerichtet. Es gibt Umstände, Sachverhalte und Verhältnisse, die gewisse Vorgänge hervorbringen, die dann so sind, wie sie sind. Aber vor dem Vorgang ist nicht festgelegt, wie es nachher sein soll. Weil: von wem?
Dass wir als kleines System in diesem großen System Dinge vom Ende her denken können, ist für uns praktisch. Aber wir sollten wissen, dass im großen System alles nur vom Anfang her passiert und nicht auf ein Ende hin. Natürlich gibt es ein Ende, aber das ist vorher nicht festgelegt.
Das ist einfach eine ganz schlechte Überleitung. Die gibt's, wenn Leute miteinander reden und dann einer dazukommt, der mitreden will. Der sagt dann “Apropos übrigens” und erzählt einfach etwas ganz anderes.
Meine Programme haben immer im September Premiere, und am 1. Jänner fange ich mit dem Schreiben an. Aber Agenturen und Veranstalter wollen den Titel und einen Pressetext schon zu einem Zeitpunkt, an dem ich noch keine Idee habe, wo es letztendlich wirklich hingehen wird.
Nicht immer. Bei “Die großen Kränkungen der Menschheit” (2011) war die inhaltliche Einflugschneise recht schmal. Diesmal ist sie wieder sehr breit.
Ich habe ein paar Gedanken, die ich mir in Schwebe halte. Wo ich mir denke: “Das würde ich gerne unterbringen.” Aber wenn ich aus dem Fluss des Geschriebenen dort nicht hinkomme, wo ich dafür hinmüsste, dann bleibt der Gedanke liegen und wird nicht erwähnt. Es ist nicht so, dass ich jeden Gedanken, den ich habe, mit Gewalt hineinbampfen muss. Aber wenn ich elegant hinkomme, wo ich hinwill, nehme ich den Gedanken mit.
Klar, ich schaue, dass es lustig wird. Dafür sorgen aber meist die Formulierungen oder die Bilder, die ich dazu entwickle. Würde eine Pointe den Gedanken torpedieren, dann fällt sie weg. Eine Wuchtel, die ruiniert, was ich drei Sätze zuvor gesagt habe, geht sich nicht aus.
Die Freude liegt nicht darin, mehr zu wissen als mein Publikum. Diese Freude nehme ich kollateral mit. Aber die eigentliche Freude ist, dass mein Publikum dann auch wissen wird, was ich schon weiß.
Mir ist nie langweilig auf der Bühne. Ich stehe ja unter einer deutlichen Verpflichtung: Ich bin verantwortlich für Stunden Lebenszeit von allen, die mir zuhören. Denn Zeit – wenn sie weg ist, ist sie weg. Dazu kommt: Wir Menschen haben, man sollte es nicht glauben, ein sehr feines Sensorium für das Gegenüber. Deshalb muss ich jeden Gedanken, den ich auf der Bühne sage, auch wirklich denken. Weil wenn ich das Sprechen nur am phonetischen Autopiloten aushalse – so stumpf kann ein Zuhörer gar nicht sein, dass er nicht nach drei Minuten denkt: “Oida, du radelst eine Silbenfolge ab, ohne zu wissen, wovon du redest.” Und da wird es dir ganz schnell sehr fad als Zuhörer.
Mit Denken erfüllen. Jeden Satz, den ich sage, muss ich meinen. Und ich muss den Gedanken wirklich denken, indem ich ihn sage. Deswegen kann ich mir diese Politikerinterviews nicht anhören: Ich sehe den Coach, der ihm diese Pattern und Versatzstücke, diese rhetorischen Nahkampfwerkzeuge eintrichtert, bis ihm die dann einfach aus dem Gesicht rutschen. Und ich denke mir: “Oida, weißt du noch, was man dich gefragt hat?”
Ich sitze oft sehr lang an den Formulierungen. Das Programm ist so geschrieben, wie ich es dann sagen werde. Wobei ich mir jetzt in “Apropos übrigens” einige Freiheiten gestatte – lustigerweise da, wo ich über Mathematik rede.
Ich rede über Unendlichkeiten und Beweise in der Mathematik und über Primzahlen. Ich weiß, dass die Leute oft zumachen, sobald ich von Mathematik rede. Deshalb gestalte ich diesen Teil, nun ja, nicht flapsig, aber verschmitzt.
Die Probleme des Alters oder der Erfahrungen spielen weniger eine Rolle als der Umstand, dass ich mich zumindest ab dem dritten oder vierten Programm bemüht habe, Bereiche der Welt zu behandeln, die interessant sind, ohne mich dann im nächsten Programm zu wiederholen. Und das heißt: Das Feld des Erörterbaren ist ziemlich abgegrast. Ich muss Themen suchen, bei denen es nicht heißt: “Das hast du eh alles schon dreimal erzählt …”
Bist du deppat, ja, sie hat sich total geändert. Interessanterweise höre ich aber auch bei deutlich jüngeren Kollegen, dass sie sich nicht mehr auskennen, weil alles so g'schwind geht. Es gibt ja eine Orientierungsphase, bei mir war die so zwischen 15 und 25. Damals wusste ich: Ja. Das Verhältnis zwischen mir und der Welt ändert sich – aber nicht, weil sich die Welt großartig ändert, sondern weil ich im Umbau war. Jetzt erleben wir aber einen wirklichen Umbruch, und ich weiß nicht, wo das alles hingehen wird. Ich hoffe, es wird nicht so betrüblich, wie es sich abzeichnet. Aber die Verkehrspsychologie zeigt, dass Fast-Unfälle das Fahrverhalten nicht verändern. Erst, wenn du wirklich einen Schepperer hast, fährst du anders.