Bild: ERNESTOgelles
Zum 15-jährigen Jubiläum des Wiener Stadtsaals standen diesmal nicht wie üblich die besten Kabarettist*innen auf der Bühne, sondern jene Personen, die gewöhnlich abseits vom Rampenlicht für einen gelungenen Abend sorgen: Die eigenen Mitarbeiter*innen bewiesen, dass der Stadtsaal weit mehr ist als “nur” eine Kabarettbühne.
Anfang Jänner feierte der Wiener Stadtsaal seinen 15. Geburtstag. Geladen waren Partner*innen und Stammkund*innen des Hauses – auf der Bühne standen jedoch, bis auf eine Ausnahme, nicht jene Künstler*innen, die den Stadtsaal seit anderthalb Jahrzehnten prägen. Denn das war zu einfach gewesen! Anstatt wie üblich auf Kabarettist*innen von Josef Hader bis Alfred Dorfer, von Thomas Maurer bis Robert Palfrader, von Malarina bis Toxische Pommes und von Hosea Ratschiller bis Manuel Rubey & Simon Schwarz zu setzen, entschied man sich für einen Perspektivenwechsel: Der Stadtsaal bot an diesem Abend diesmal jenen eine Bühne, die sonst abseits des Rampenlichts für gelungene Abende im Haus sorgen.
Gunkl führte als Moderator durch den Abend, der ganz im Zeichen der Musik stand – denn so bewies der Stadtsaal nebenbei auch, dass er weit mehr ist als “nur” eine Kabarettbühne. Für das Haupt-Programm sorgten diesmal einige Mitarbeiter*innen des Hauses: Claudia, Sophie und Gabschi, die üblicherweise an der Bar für das Wohl der Gäste sorgen, spielten mit ihren Bands Pure Chlorine, SOVIE und AYMZ – für letztere übrigens der letzte Auftritt vor einer selbstverordneten Kreativpause. Julian, verantwortlich für Kassa und Social Media, entrückte mit seinem JJK Trio in jazzige Sphären, während Tobias ausnahmsweise nicht am Einlass, sondern als Singer/Songwriter HOLLI den Abend eröffnete.
Das ist Anlass genug, ihnen auch hier eine Bühne zu bereiten: für ein Gespräch über den schmalen Grat zwischen Beruf und Berufung im österreichischen Kulturbetrieb.
Bildergalerie: Tobias alias HOLLI, Julian mit seinem JJK Trio, Sophie alias SOVIE, Claudia mit Pure Chlorine und Gabschi mit AYMZ im Rahmen des 15-jährigen Jubiläums live im Wiener Stadtsaal. Bilder: ERNESTOgelles
Julian: Seit 2019.
Claudia: Ich bin seit 2023 dabei.
Sophie: Ich seit anderthalb Jahren.
Tobias: Für mich ist es mittlerweile meine zweite Saison im Stadtsaal – also bin ich seit über einem Jahr Teil vom Team.
Gabschi: Ich bin seit September letzten Jahres da.
Julian: Über eine Kollegin vom Studium: Beim Stadtsaal sind schon immer die Mitarbeiter*innen zuerst gefragt worden, ob sie jemand kennen, der gut ins Team passen würde, wenn eine Stelle offen war – damit das Arbeitsklima gut aufrecht erhalten bleibt.
Claudia: … und so bin ich über Julian dazu gestoßen.
Sophie: Ich bin auch über eine ehemalige Kollegin zum Stadtsaal gekommen.
Tobias: Ich über meine Tante Irene, mit der ich auch zusammenarbeite.
Gabschi: Mich hat Tobias angeworben: Wir haben uns bei einem Konzert getroffen und ich habe ihm erzählt, dass ich einen Job suche, bei dem ich nebenbei Musik machen kann, der mir die dafür notwendige Flexibilität gibt. Da hat er dann gemeint, dass sie im Stadtsaal gerade Leute suchen – und ich war dabei!
Sophie: Ich seit 2012.
Gabschi: Ich spiele Schlagzeug seit 19 Jahren und mache aktiv Musik in Bands seit 10 Jahren.
Julian: Ich habe mit Saxophon angefangen, da war ich 10 – das ist also schon 20 Jahre her. Mit 15 habe ich dann mit dem Schlagzeug angefangen, 2018 bin ich nach Wien gezogen, habe zum Studieren angefangen – und das war dann auch der Schritt zum semiprofessionellen Musizieren.
Tobias: Da mein Vater Orchestermusiker war, wurde ich schon gefördert, als ich noch Windeln trug. Als Holli trete ich seit etwa acht Jahren auf.
Claudia: Pure Chlorine gibt es seit 2019, aber Gitarre spielen und Musik schreiben tu ich schon länger.
Sophie: Genau, und davor war ich auch bei Resi Reiner am Klavier.
Gabschi: Ja, aber der primäre Fokus liegt auf AYMZ – da stecke ich definitiv am meisten Zeit und Energie rein. Bei meinen anderen Projekten geht es mehr um den Spaß an der Freude.
Julian: Bei mir ist das JJK Trio definitiv das Leidenschaftsprojekt, mit den beiden Jungs bin ich seit zirka einem dreiviertel Jahr aktiv. Da geht meine meiste Energie rein, und da kann ich mich auch kreativ am meisten entfalten. Mein zweites Hauptprojekt ist Birch!, zusammen mit meiner Partnerin.
Claudia: Mal so, mal so (lacht). Es gibt so Phasen, wo ich mir manchmal denke, dass ich schon irrsinnig lang nicht mehr im Stadtsaal war, aber auch Phasen, wo es mir vorkommt, dass ich schon ewig nicht mehr im Studio war. Ich denke, es gleicht sich aus – auch dadurch, dass wir im Sommer frei haben.
Sophie: Ebenso. Es ist angenehm, dass man unter dem Jahr die Stunden einarbeitet und im Sommer dann Zeit nur für die Musik hat.
Tobias: Das lässt sich je nach Tag, Woche und Monat unterschiedlich beantworten – ganz abhängig davon, welcher der beiden Parameter im Moment intensiver ausfällt. Grundsätzlich können beide gut koexistieren.
Claudia: Am Anfang habe ich mir ganz klar gedacht, dass der Job nur wegen des Geldes sein muss. Aber mit der Zeit bin ich draufgekommen, dass es mir persönlich auch viel bringt, wenn ich mit den Künstler*innen hier im Haus auch interagieren, verschiedene Leute mit ihrem Werdegang beobachten kann.
Julian: Da kann ich mich nur anschließen. Insbesondere, als ich gemerkt habe, dass im Stadtsaal auch Musiker*innen auf der Bühne stehen, die mich künstlerisch inspiriert haben: Das Etablissement ist viel mehr als nur ein Kabaretttheater – und auch viel mehr als “nur ein Nebenjob”! Ich bin schon extrem gern auch da (lacht).
Sophie: Man sucht sich schon einen Job, weil man auch Geld braucht, denke ich. Das ist auch gut so. Aber der Stadtsaal ist schon ein Ort, wo man gut und gern arbeitet – ich habe das Gefühl, hier kann ich als Mensch sein – und das ist auch eine Seltenheit. Abgesehen davon finde ich es neben meinem Künstlerinnendasein auch angenehm, einen Job zu haben, den man nicht immer mit nach Hause nimmt. Die Kunst für sich auch einmal abzudrehen, das ist für mich deutlich schwieriger – einfach, weil ich sie näher an meinem Herzen trage als den Gastronomiejob.
Tobias: Es ist natürlich ein Brotberuf. Aber wir haben tatsächlich das Glück, dass uns der Stadtsaal bei unserer musikalischen Karriere unterstützt; wenn wir zum Beispiel für Konzerte oder Tourneen freihaben wollen, greifen wir einander unter die Arme und springen füreinander ein.
Gabschi: Ich habe bereits 2024 versucht, in der Kunst- und Kulturindustrie auch beruflich Fuß zu fassen, weil ich gemerkt habe, dass es mir persönlich irrsinnig viel gibt, in dieser Branche zu arbeiten – auch, weil es toll ist, Teil davon zu sein, dass solche Abende wie tagtäglich im Stadtsaal stattfinden und gelingen können. Ich könnte mir mittlerweile auch keinen gänzlich anderen Job mehr vorstellen.
Tobias: Natürlich. Da gäbe es einen Haufen Szenarien meist wirtschaftlichen Ursprungs.
Sophie: Sobald es geht, dass ich nur von der Musik lebe, mache ich das.
Claudia: Das ist natürlich der Traum, dass man davon leben kann – aber ob das realistisch ist? Für mich ist es aber auch voll okay, nebenbei zu arbeiten, auch weil es mir einen Ausgleich und eine gewisse Sicherheit gibt. Die Sicherheit, die hat mir meine Mama schon früh eingetrichtert (lacht).
Gabschi: Ich bin da bei Sophie: Ab dem Zeitpunkt, ab dem es sich bei mir finanziell ausgeht, nur noch Musik zu machen, würde ich das sehr gerne auch tun. Aber mir ist bewusst, dass das auch Wunschdenken ist und da sehr viel Glück dazu gehört.
Julian: Ich habe da nicht so den Stress – ich unterrichte neben meiner Arbeit im Stadtsaal ja auch noch Schlagzeug, die Konzerte kommen da noch on top. Somit bin ich eigentlich immer das ganze Jahr über Burnout gefährdet, bevor wir im Sommer zwei Monate frei haben (lacht). Mir ist meine mentale Gesundheit schon wichtig, da ist es gut zu wissen, dass ich normal leben kann – nur von der Musik zu überleben, dafür kommen die Konzertanfragen noch zu unregelmäßig rein. Mein Worst-Case-Szenario ist so, wie es jetzt läuft – und das ist eigentlich ziemlich cool.
Sophie: Eine Sache, die ich überallhin mitnehme, ist, ein freundlicher Mensch und kein Arschloch zu sein – sowohl lieb zu mir selber als auch zu den Menschen, die mich umgeben: Da ist es dann egal, ob ich auf der Bühne, im Studio, oder an der Bar stehe und jemandem sein Getränk ausgebe. Gemeinschaft ist das, was uns alle am weitesten, in eine friedliche Welt bringen kann.
Tobias: Ich sehe in meinem Fall auch zum größten Teil eine Symbiose. Beim Einlass bin ich zum Beispiel bemüht, bis zu über 400 Besucher*innen selbstbewusst zu begrüßen, diesen zu helfen und in unangenehmeren Momenten auch etwas zurechtzuweisen. Da hilft mir die Bühnenerfahrung. Umgekehrt kann ich diese Routine auch mit auf die Bühne nehmen. Der Wechsel von “auf” der Bühne zu “hinter/vor” die Bühne hilft auch, die Perspektive unserer Künstler*innen im Stadtsaal, als auch die der Bediensteten und Freiwilligen bei anderen Bühnen und Veranstaltungen zu verstehen und somit in beiden Fällen eine empathischere Zusammenarbeit zu ermöglichen. Abgesehen davon “richt mit de Tant scho viri”: Ich konnte in meinem bisherigen Leben eine gewissenhafte Arbeitsmoral meist erfolgreich umgehen. Im Stadtsaal komme ich damit nicht weit. Ich merke, dass ich Dinge, die ich früher aufgeschoben hätte, mittlerweile einfach erledige. Das hilft mir nicht nur bei der Musik, sondern auch im Leben allgemein.
Julian: Es klingt ein bisschen wie eine Floskel, aber Teamfähigkeit ist hier wie dort wichtig. Im Stadtsaal sind wir ein relativ großes Team an unterschiedlichen Menschen, die auch verschieden denken – uns eint aber, dass wir wollen, dass unsere Gäst*innen hier eine gute Zeit haben. Und das kann ich natürlich auf meine Musik ummünzen, auf die Leute, die meine Musik hören oder zu meinen Konzerten kommen: Auch dort stehe nicht ich allein im Fokus, sondern alle, die irgendwie daran beteiligt sind. Und seitdem ich Social Media für den Stadtsaal mache, habe ich gelernt, dass ich eine Kompetenz habe, von der ich vorher gar nichts wusste (lacht).
Claudia: Ich finde es toll, hier auf andere Menschen zu treffen, die für ihre Kunst eine Leidenschaft haben – und das erzeugt für mich eine Gemeinschaft, weil man sich verstanden fühlt.
Tobias: Bewusst abgeschaut eher nicht. Bei mir liegt der Witz eher in der Unsicherheit, die ich mit diesem überspiele. Ich habe bald gemerkt, dass das beim Publikum Anklang findet. Somit hat sich diese Art Stage Persona eher auf natürliche Art und Weise ergeben. Ich möchte aber nicht abstreiten, dass mein Witz auf der Bühne keinen familiären Ursprung hat: Immer wenn mein “Gonkl”, also mein Onkel Günther Paal alias Gunkl mit Alfred Dorfer oder mit seinen Soloprogrammen nach Linz kam, waren meine Eltern und ich vor Ort. Also gab es für mich schon sehr früh Berührungspunkte mit der Kleinkunst. Ich bin auch einer der wenigen in meinem Dunstkreis, der sich auf Netflix gerne Comedy-Specials ansieht. Generell habe ich Respekt vor und Liebe für das Handwerk.
Sophie: Ich finde es schon bewundernswert, wenn sich da eine Person auf die Bühne stellt und einen Abend füllt und einen ganzen Raum halten kann. Das machen viele Leute sehr unterschiedlich, das finde ich spannend zu beobachten - auch wenn man sich da nicht explizit etwas Bestimmtes abschaut.
Claudia: Es wirkt immer unglaublich locker, wenn da jemand auf der Bühne steht und Witze macht. Aber man weiß, was da für eine Arbeit dahintersteckt und dass es ein Skill ist, das so locker erscheinen zu lassen: Da kann man sich definitiv etwas abschauen!
Gabschi: Über die Jahre hinweg habe ich gemerkt, dass man sich auf der Bühne auch nicht zu ernst nehmen darf. Die, die auf der Bühne stehen, sind halt auch nur Menschen.
Julian: Was ich hier gelernt habe, ist, einen Raum akustisch unter Kontrolle zu haben. Als Mira Lu Kovacs hier im Stadtsaal gespielt hat, hat mich das umgehaut, weil sie die komplette Akustik-Range ausgenutzt hat: Sie hat so laut gespielt, wie es geht, aber auch so leise wie möglich. Das ist große Kunst!
Claudia: Sie sind auch nur Menschen.
Tobias: Genau. Sie sind auch nur Menschen, wie alle anderen auch – das ist das Mantra und die Wahrheit.
Sophie: Aber durch die Bank sind sie alle sehr freundlich und respektvoll. Natürlich klickt man mit manchen sofort, mit anderen ist es ein reines Arbeitsverhältnis.
Claudia: Das macht für mich einen Künstler oder eine Künstlerin dann noch toller, wenn sie sich selbst nicht zu ernst nehmen. Malarina ist zum Beispiel einmal zufällig hinter der Bar gestanden und jemand hat sie nicht erkannt und bei ihr einfach eine Bestellung aufgegeben. Sie hat dann einfach für einen kurzen Moment bei uns mitgearbeitet (lacht).
Julian: Ich finde es schön, dass Komplimente – auch von den ganz großen – immer noch ehrlich wertgeschätzt werden, wenn du mit ihnen sprichst.
Gabschi: Und auch andersrum: Nach unserem Konzert bei der Jubiläumsfeier stand ich am nächsten Tag wieder an der Bar im Stadtsaal, Stefan Haider hat da gespielt. Aber er war am Tag davor auch selbst im Publikum und hat uns gesehen, ist dann zu mir hergekommen und hat mir gesagt, dass er unser Konzert cool fand. Das fand ich persönlich sehr nett.
Claudia: Es ist schon verrückt, wenn ein Mensch, den man selbst ein bisschen auf ein Podest stellt, zu einem kommt und sagt, dass man das, was du machst, cool findet. Das ist schon ein Wow-Moment!
Tobias: Manchmal ist es schon schwierig, manchmal nicht. Ich würde sagen: Es erdet so oder so.
Sophie: Für mich ist es nicht schwierig, es ist eine Gewohnheitssache. Aber ja, es holt einen ganz gut auf den Boden der Tatsachen zurück. Wenn man hintereinander ein paar erfolgreiche Konzerte gespielt hat, kann es schon vorkommen, dass man von sich denkt: “Boah bin ich geil!” Und dann steht man am nächsten Tag hinter der Bar, macht einen Spritzer – und denkt sich: “Ich bin aber auch nicht geiler als alle anderen.” Ja, das erdet. Und ich arbeite auch lieber am Tag “danach”, weil ich dann nicht Gefahr laufe, nachzudenken – hier weiß ich ganz genau, wie der Abend abläuft. Das ist extrem angenehm. Als Künstlerin bist du doch oft in unbekannten Gefilden und musst dich immer wieder neu beweisen, und hier kann ich einfach nur hackeln.
Claudia: Für mich ist der Umstieg schon ein harter, ich versuche, am Tag nach einem Konzert nicht arbeiten zu müssen – einfach, weil ich den Abend besser genießen kann, wenn ich weiß, dass ich den nächsten Tag für mich alleine habe. Das ist für meine Social Battery sehr wichtig!
Gabschi: Ich fühle mich auf der Bühne ja eher nicht als der “coole Typ”, sondern leide eher am Imposter-Syndrom. Aber im November war es schon krass: Da haben wir mit AYMZ in Köln und Berlin die größten Shows meines bisherigen Lebens gespielt, vor 1.500 Leuten. Am Sonntag kamen wir dann von der Tour zurück, und schon am Montag stand ich wieder im Stadtsaal hinter der Bar. Da sind für mich schon zwei Realitäten aufeinander gecrasht. Aber das legt sich auch wieder.
Sophie: Gerade, wenn man nicht nur ein Konzert, sondern eine ganze Tour gespielt hat, braucht es schon eine Zeit, sich wieder in die Realität zurückzufinden, das stimmt. Natürlich bist du da auch todesfertig, aber man hinterfragt dann auch schon einmal seine Existenz. Das sind schon zwei Paralleluniversen!
Claudia: Wenn du auf Tour bist, dreht sich jeder Tag alles um den Moment, wo du auf der Bühne stehst – wenn das dann nicht so ist, fragt man sich als Künstlerin schon, worum sich das Leben eigentlich dreht.
Julian: Ich bin auch am nächsten Tag gern in der Arbeit, weil wir hier schon so eine Community sind, wo man das Erlebte dann auch teilen und verarbeiten kann – und vielleicht auch einen kurzen Hype erlebt, weil hier alle musikbegeistert sind und sich für mich mitfreuen.
Sophie: Sport, und Zeit mit sich selbst verbringen, ist da ein wichtiger Ausgleich. Oder auch hin und wieder meine Freunde und Freundinnen zu sehen – insbesondere, wenn man so oft abends arbeitet, während die anderen untertags in ihren Berufen sind. Da muss man sich dann bewusst Zeit nehmen, für sich selbst und die Menschen, die man liebt. Und neben Pilates und Yoga schaue ich auch gern Serien, allerdings immer dieselben (lacht).
Claudia: Ich muss mir auch immer wieder aktiv eine Auszeit nehmen, mit Sport im besten Fall. Wenn ich den Alltag nicht genießen kann, dann falle ich in einen Modus, wo ich mich vielleicht sogar wochenlang zurückziehe.
Tobias: Ich gehe spazieren, schwimmen oder spiele einfach nur ziellos Gitarre und Bass. Oder ich suche Kontakt zu Menschen, die ich und nur ich mir aussuche.
Julian: Ich bin hingegen gern einfach mal nur allein, spiele Schach, schaue Serien oder koche. Das wirkt dann vielleicht so, als wäre ich traurig, aber ich brauche solche Momente, um meine Gedanken zu ordnen.
Gabschi: Ich habe gemerkt, dass ich mich für Ruhe nicht abkapseln muss, sondern, dass aktiv sein auch etwas Gutes sein kann: Dass die Social Battery auch aufgeladen wird, wenn man sich - so paradox es klingt - mit Freunden trifft. Aber das ist dann ein Umfeld, wo ich nicht sozial sein muss. Was mir auch extrem hilft, sind Videospiele und Tagebuch zu schreiben – weil so viele Gedanken zusammenkommen, dass man die erst einmal niederschreiben muss, um sie zu verarbeiten.
Sophie: Freunde, für die man keine Energie braucht, sind tatsächlich immens wertvoll – da lädt man dann seine Batterie wieder auf. Gemeinschaft ist, Individualismus in allen Ehren, schon etwas sehr Wichtiges.
Julian: Gar nicht, ich bin Fan internationaler Musik – und auch im Trio haben wir einen sehr unterschiedlichen Background. Allerdings bin ich auch ein Fan österreichischer Popmusik, es gibt durchaus einige Bands, wo sich die österreichische Identität gut widerspiegelt.
Sophie: Ich schreibe auf Deutsch und verwende österreichische Begriffe, singe zum Beispiel nicht “Kippe”, sondern “Tschick”. Ich bin in Österreich geboren und empfinde das als extremes Glück, aber ich bilde mir auf meine Herkunft nichts ein.
Claudia: In meiner Musik merkt man das gar nicht, auch wenn wir manchmal als “Vienna’s finest” angepriesen werden. Gerade englischsprachige Musik wie die meine kann von überall kommen.
Gabschi: Ich habe zwar keinen Österreich-Patriotismus, dafür aber einen kompletten Wien-Patriotismus: Ich liebe die Szene hier, ich liebe es, dass ich hier auf Konzerte gehe und immer wieder bekannte Gesichter sehe und ich bin extrem stolz auf die ganzen coolen Bands, die aus Wien kommen – Jeanny zum Beispiel. Als vor zwei Jahren die “Wiener Schickeria” von Bibiza rauskam, habe ich mich in fast jeder einzelnen Zeile mit Wien-Bezug wiedergefunden – abgesehen vom Koksen vielleicht (lacht): Da habe ich das erste Mal das Gefühl gehabt, so etwas wie einen Lokalpatriotismus zu spüren. Wien ist die coolste Stadt der Welt!
Tobias: Der Schmäh ist so wichtig!
Claudia: Ich bin sehr froh, dass ich meine Band um mich herumhabe: Wenn mehrere Leute auf der Bühne stehen, sind nicht alle Blicke immer nur auf mich gerichtet.
Julian: Einen großen Unterschied macht es aber nicht, denke ich – Kabarettist*innen üben das ja auch entsprechend. Wie man letztlich auf der Bühne steht – allein oder zu mehrt –, das ist unterm Strich eine Frage der Kompetenzentwicklung.
Sophie: Für mich macht das einen riesigen Unterschied. Ich habe ganz lang solo gespielt, nur am Klavier und mit Gitarre: Ich war zwar allein auf der Bühne, aber hatte dabei immer ein Instrument vor mir. Seit einiger Zeit bin ich mit DJ unterwegs, und das empfinde ich als ganz angenehm, weil ich es liebe, vorne in der Mitte zu stehen und er sich auf der Bühne eher zurückhaltend gibt: Aber der erste gemeinsame Auftritt ohne Instrument vor mir, das war schon sehr anders! Und wenn man dazu auch noch tanzt, dann ist das schon ein Hochleistungssport!
Gabschi: Normalerweise bin ich ja versteckt hinter dem Schlagzeug. Bei der Akustiktour mit AYMZ vergangenen Herbst habe ich allerdings Gitarre gespielt, natürlich mit meinen Bandkolleginnen vorne am Bühnenrand. Das war schon ein gänzlich anderes Gefühl! Aber allein auf der Bühne zu stehen, das könnte ich mir nicht vorstellen!
Sophie: Der Anspruch an eine Unterhaltung, das haben sie definitiv gemein. Ich glaube aber, dass ich mit meiner Musik mehr berühre als jemand, der anderthalb Stunden Witze erzählt. Wobei natürlich auch Witze sehr berühren können! Ich habe einmal gehört oder gelesen, dass wenn man auf ein Konzert geht, extrem viele Glückshormone ausgeschüttet werden – so viele, dass es einem dabei fast gar nicht schlecht gehen kann. Das ist, finde ich, schon das Einzigartige an Konzerten, dass man sich da richtiggehend schweben lassen kann. Natürlich ist ein herzliches Lachen aber auch unglaublich schön!
Claudia: Ich glaube, man hat beim Kabarett eine größere Erwartungshaltung, wie der Abend sein wird. Bei Konzerten freue ich mich einfach darauf, Musik zu hören – aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich öfter auf Konzerte, denn ins Kabarett gehe.
Gabschi: Es macht ja auch schon einen Unterschied, ob man zu Josef Hader oder zu Mario Barth geht – welche Emotionen ich hier wie dort fühle. Beim Kabarett geht es ja nicht nur darum, zu lachen, sondern bringt dich vielleicht auch zum Nachdenken.
Julian: Allen, also den Musiker*innen und Kabrettist*innen, ist aber gemein, dass es ihnen wichtig ist, ihre Besucher glücklich heimzuschicken.
Julian: Auf Zwang geht nichts, mit dem Musikmachen kommt ohnehin automatisch ein Content. Ich versuche nicht mehr, auf Biegen und Brechen irgendwelche Inhalte zu generieren: So bleibt man als Künstler und Band authentisch.
Sophie: Ich habe immer schon gerne in die Kamera geredet (lacht), das war also noch nie ein Problem für mich. Social Media macht mir also eigentlich sehr viel Spaß, das Problem ist nur, dass man dann dort, anstatt zu arbeiten auch gern einmal hängenbleibt (lacht). Ich habe nur ein ganz schlechtes ästhetisches Denken, wenn im Herbst dann mein neues Album kommt, werde ich mir also Leute suchen, die mich dahingehend unterstützen.
Tobias: Es ist ein Segen und ein Fluch. Mir fällt es aber schwer, es auch als Segen zu sehen. Einerseits kann man das eigene Schaffen immer und überall gratis bewerben. Andererseits sollte man das eigene Schaffen immer und überall gratis bewerben.
Claudia: Ich befinde mich gerade auf dem Weg von der Last zum Spaß. Ich finde, der Druck, jeden Tag etwas posten zu müssen, schwierig. Manchmal habe ich versucht, anderen Bands oder Künstler*innen etwas nachzumachen, was bei ihnen gut funktioniert – aber das ist dann einfach nicht authentisch, da fühle ich mich auch selber nicht wohl dabei. Das ist so ein Teufelskreis, aus dem ich gerade auszubrechen versuche: Ich möchte das posten, was ich cool finde, aber manchmal weiß ich nicht, welche Caption oder welche Emoji ich dazugeben soll – und mein Freund sagt dann immer „DOTS!“ zu mir, also „don’t overthink shit!“. Manchmal hilft es schon, wenn man jemanden hat, der einem sagt, man muss nicht einen Instagram-Post zerdenken (lacht).
Sophie: Man muss sich selbst ernstnehmen, aber diese Dinge nicht zu ernst.
Tobias: Ich glaube, man kann sich nicht nicht inszenieren und vermarkten. Ich finde, es ist wichtig, die eigene Stimme zu finden und die Sache so zu gestalten, dass man es mit sich selbst vereinbaren kann.
Claudia: Für mich stellt sich einfach oft die Frage: Geht es da um mich, als Person, um Pure Chlorine als Band – oder um das große Ganze, die „brand“? Irgendwann ist der Kopf dann einfach nur voll – mit Sachen, die eigentlich nicht wichtig sind und mich letztlich nur davon abhalten, Musik zu machen.
Claudia: Wenn es gar keinen Rückzugsort, keinen Backstage oder Garderobe gibt, finde ich das sehr stressig. Das hatten wir auf Tour in England mehrmals. Aber ich hatte noch nie eine ultra-furchtbare Tourerfahrung.
Tobias: Ich denke, dass wir in unseren Breitengraden sehr gut behandelt werden. Ich höre auf Social Media immer wieder Schauergeschichten, wie es in den USA bei Acts meiner Größenordnung in diversen Pubs und Clubs zugeht. Meistens bin ich bei den Gigs aber so nervös und auf den Auftritt fokussiert, dass mir das, was abseits der Bühne geschieht, relativ egal ist oder nicht so negativ auffällt, dass ich jetzt davon berichten müsste.
Julian: Mir passiert das zwar nicht mehr, aber früher kam das durchaus vor, dass man als Musiker in eine Location kommt und es dort jemanden an der Technik gibt, der einen für blöd verkaufen will. Und gerade bei frischen, noch ungeübten Musikern finde ich es ganz wichtig, dass auch Techniker verinnerlichen: Es gibt keine blöden Fragen. Natürlich kann auch ein Techniker einmal einen schlechten Tag haben oder mit der Musik nichts anfangen können, aber letztlich gibt es immer nur depperte Antworten.
Gabschi: Da sprichst du etwas Wichtiges an: Ich spiele seitdem ich Musik mache eigentlich immer nur mit FLINTA-Personen in Bands, und da hat man schon oft das Gefühl, dass man einfach nur ausgeliefert ist – insbesondere von den so oft benannten “alten, weißen Männern”.
Sophie: Ich habe einem Techniker auch schon einmal beim Soundcheck gesagt, dass er, wenn er seine Witzeleien nicht lassen kann, er bitte gar nichts mehr sagen soll.
Claudia: Das Problem ist, man muss zusammenarbeiten – als Künstlerin ist man dem ausgeliefert, manchmal auch einem sexistischen Arschloch. Das kann einem schon den Abend ruinieren. Aber ich muss auch betonen: Ich habe auch extrem viele gute Erfahrungen mit Männern gemacht.
Sophie: Ich kann halt mittlerweile auch recht gut mit alten Männern. Mir liegt es immer sehr am Herzen, mich mit dem Hauspersonal gutzustellen: Mein Empfinden ist, dass die wirklich wichtigen Leute nicht die sind, die auf der Bühne stehen – sondern die, die das Haus betreuen. Wenn man mit ihnen respektvoll umgeht, dann kommt das meistens auch zurück. Und wenn nicht: Ich tu mir leicht, meine Pappn aufzumachen (lacht). Viele junge Frauen trauen sich das leider noch nicht.
Tobias: Abgesehen von meinem Onkel Gunkl – am 18. Februar bei der Benefizgala für das Integrationshaus – finde ich Tereza Hossa und Christoph Fritz super: Die spielen demnächst zwar nicht bei uns, aber im Kabarett Niedermair.
Sophie: Ich möchte gerne “Wunschlos unglücklich”, das neue Programm von Toxische Pommes ab 8. März bei uns im Stadtsaal empfehlen: Das ist nicht nur sehr lustig, sondern auch ein Programm, wo man sich selbst stark hinterfragt. Und auch David Scheid mit „The Kabarettist“ sollte man sich anschauen, weil ich finde seinen Take auf die politische Ebene interessant und lustig – und wir sollten alle am Schirm haben, dass die FPÖ 2028 nicht gewinnen darf.
Julian: Alfred Dorfer ist ein Held meiner Kindheit – und Dauerbrenner: Ich finde es so erstaunlich, wie albern und wie gescheit man gleichzeitig sein kann! Nicht entgehen lassen sollte man sich auch Norbert Schneider mit Band am 19. September: Den habe ich letztes Jahr das erste Mal bei uns live im Stadtsaal gesehen und empfand das als unglaublich geile Swing-Band!
Gabschi: Jedes Mal, wenn ich Benedikt Mitmannsgruber auf Instagram sehe, finde ich ihn unglaublich lustig – er hat den trockensten Humor, den es gibt. Deswegen ist sein neues Programm „1996“ für mich ein Muss!
Claudia: Ich würde Malarina empfehlen, nicht nur, weil sie sehr politisch ist, sondern auch interessant und vor allem anders, als ich mir ihr Stück eigentlich erwartet hätte. Und Berni Wagner finde ich auch fantastisch, weil man bei ihm beim Lachen auch etwas realisieren kann.
Tobias: Ich spiele am 6. Februar in der Superbude mit Stefan Eitzenberger am Saxofon, und am 13. Mai am Gürtel. Außerdem bin ich gerade dabei, mein zweites Studioalbum zu finalisieren. Wenn es stimmt, sollte das im Herbst oder Winter rauskommen. Bis dahin sollten auch die dazugehörigen Singleauskopplungen erscheinen. Genaueres lässt sich immer erst sagen, wenn’s fertig ist – und auf Instagram erfährt man es natürlich immer zuerst!
Sophie: Bei mir kommt wie schon gesagt im Herbst mein neues Album – es wird toll und erscheint auch auf Vinyl! Und Konzerte wird es wohl auch geben …
Julian: Wir spielen mit dem JJK Trio bei der Gürtelconnection im Loop, außerdem kommt auch neue und eigene Musik: Bisher haben wir ja – im Pop würde man sagen: gecovert – ausschließlich interpretiert, aber jetzt sind wir so weit, dass wir auch eigene Songs schreiben wollen.
Gabschi: Wir haben letzten Jahr zu viel gemacht, deswegen sind wir bei AYMZ mental und künstlerisch am Ende. Wir gönnen uns erst einmal eine Auszeit, konzentrieren uns dafür aufs Albumschreiben und 2027 wird dann unser Jahr!
Claudia: Es kommt demnächst eine EP von uns, aber wir schreiben auch schon an unserem vollen Album. Live wird das passieren, was passieren wird (lacht).