Bild: Marcella Ruiz Cruz
Mit der heute vorgestellten, ab Herbst kommenden Saison wird das Wiener Volkstheater seinem Namen erneut gerecht – und beweist als “Safe Space für Jedermann/Jederfrau” Nähe, auch zum Zeitgeist.
Sowohl mit der Pop- wie auch der Hochkultur ist es so wie in zahlreichen anderen Lebensbereichen auch: Indoktrinierte Vorurteile erzeugen im schlimmsten Fall eine Abwehrhaltung, im etwas weniger schlimmen Fall zumindest eine Einstiegshürde. Da wird vermutet – oder gar vermeintlich gewusst – dass in der Rock Musik betrunkene Typen den Spaß vermiesen und im Hip-Hop ein Frauenbild grassiert, bei dem es nicht nur der Sau graust. Die Theaterbühne hingegen, die wird von außerhalb gern als zweischneidiges Schwert wahrgenommen: Da gebe es die verstaubten Häuser, die in ihren Guckkastenbühnen und mit erhobenem Zeigefinger lediglich Shakespeare und Goethe als das belehrende Maß aller Dinge anerkennen, oder jene progressiven Bühnen, auf denen sich nackte Körper im Dreck suhlen und im Namen der Kunst hochpolitische Unflätigkeiten zubrüllen.
Selbstredend: In jedem Vorurteil steckt ein Fünkchen an Wahrheit. Doch die Wahrheit streckt ihre Fühler auch darüber hinaus – und das Wiener Volkstheater liefert Saison um Saison den besten Beweis dafür, dass ein Theaterhaus gleichermaßen Safe Space, aber auch Eskapismus und Lehrgang für Jedermann – und Jederfrau – sein kann, auch für jene, die “mit Theater nichts am Hut haben”. Das Volkstheater verbindet mit seinem programmatischen Ansatz eine gegenwärtige Gesellschaftsabbildung mit den Lehren der Vergangenheit und zumindest möglichen Ideen der Zukunft: Und versucht damit, auch über die theateraffine Bubble hinaus das Volk, die breite Masse, auch tatsächlich anzusprechen – Nähe zu zeigen, wie es im Slogan der im Herbst startenden Saison heißt: “Nah, wie geht’s? Wie nah geht’s?”
Dieser Ansatz gelingt dem Volkstheater gleich auf mehreren Ebenen: Denn das Haus, das Ensemble nimmt die Nähe nicht nur programmatisch, sondern auch wörtlich; Einerseits darf vermeldet werden, dass unter “Volkstheater Bezirke” weiterhin nicht nur im ehrwürdigen Haus nahe des MuseumsQuartier gespielt wird, sondern man in 15 Spielstätten in verschiedenen Gegenden und Ecken Wiens auch die Nähe zu den diversen Grätzln sucht.
Dass dieses Konzept Anklang findet, ist darin ersichtlich, dass die aktuelle Bezirke-Tour von “State Of The Union” nicht nur restlos ausverkauft war, sondern ab der folgenden Saison auch gleich in den großen Saal des Stammhauses wandert.
Von den fünf neuen Produktionen in den Bezirken seien an dieser Stelle drei exemplarisch exponiert: Da wäre einerseits das Familienstück “Die kleine Hexe” nach dem Roman von Otfried Preußler, aber auch “Woyzeck” von Georg Büchner – ein wortgewaltiger Monolog getrieben vom pulsierenden Rhythmus der Ausnahme-Schlagzeugerin Katharina Ernst, die unter anderem bereits mit – wir blicken auf die Biennale – Valentina Holzinger zusammengearbeitet hat. Und da ist dann noch der “Seismograf" mit dem Titel “Eine schutzwürdige Person”: Darin geht es um eine erfolgreiche Kabarettistin, die Morddrohungen von einer extremistischen Gruppe erhält – eine künstlerisch verwertete Tatsache, die auf die eine oder andere Art und Weise das breite Spektrum zwischen Jimmy Kimmel, Lisa Eckhart und Florian Scheuba tatsächlich erlebt haben.
Doch das Volkstheater zieht nicht nur aus, sondern lädt auch ein: Denn Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen zusammenkommen, ihre Ideen teilen, sich einbringen, miteinander Kunst erleben und gemeinsam feiern. Und so öffnet sich das Volkstheater auch der Jugend, Vereinen, Initiativen und Communitys – sucht dabei sowohl Impulse von außen als es auch etwa die Rote Bar des Hauses als Probebühne für das breite Spektrum von Theater über Tanz bis hin zu Musik, aber auch als Diskursfläche öffnet.
Ja, Shakespeare spielt es nicht nur in der Staatsoper und im Burgtheater, sondern auch im Volkstheater: “Macbeth”, die Hexentragödie, wird hier jedoch in die Gewaltspirale einer “Gaming-Welt” versetzt. Denn wer heute die Augen vor dem weltweiten Kriegstreiben nicht verschließt, der ist tatsächlich im digitalen Raum gefangen – und nur selten ist zwischen Wahrheit und Fiktion tatsächlich noch zu unterscheiden, wenn reelle Propaganda fast schon surreale Züge annimmt.
Spannend wird auch die Uraufführung von “Nestervals 1927. Eine immersive Revue” werden, die bereits im Titel am Zeitgeist kratzt. Denn während wir im Stück selbst eine Zeitreise ins Wien der späten Zwanziger, in eine Stadt am Abgrund und zwischen Avantgarde und Repression, zwischen Glanz und Armut und zwischen Hoffnung und Bedrohung erleben, lädt eben die “immersive Reise in die Eingeweide des Volkstheaters” zudem hinter den Vorhang, in geheime Gänge. Beide Ebenen sind hier zwar eng miteinander verwoben, doch das Publikum kann selbst die gewünschte Perspektive wählen – für das umfassende Erlebnis muss man jedoch das Stück freilich gleich zweimal besuchen.
Doch nicht nur im wörtlichen und im erzählerischen, sondern auch im inhaltlichen Ansatz beweist das Volkstheater einmal mehr Nähe zum Zeitgeist.
Da wäre einerseits mit “What If I Fall” eine Uraufführung der belgischen Theatermacherin Lies Pauswels über Menschen, die an den Umbrüchen unserer Gegenwart zu zerbrechen drohen: Kriege, Klimakatastrophen und das Damoklesschwert der Digitalisierung sind die Grundpfeiler ihres Stückes. Aktueller und zeitgemäßer geht es kaum, denn Statistiken lügen nicht: Knapp 40 Prozent der Österreicher*innen haben oder hatten in ihrem Leben mindestens einmal mit psychischen Erkrankungen zu tun, jede*r Fünfte erkrankt im Laufe seines Lebens selbst an einer Depression – die Tendenz ist steigend.
Aber natürlich geht es auch um die gesellschaftliche Zerreißprobe der bröckelnden Demokratie, nicht nur im “Nestervals 1927”, sondern auch im kafkaesken “Jelisaweta Bäm” (Regie: Claudia Bauer) und in “Die Ankunft" (Regie: Jan Philipp Gloger), einem Koloss aus vier Theatertexten von – Namendropping! – Elfriede Jelinek: Zwar sind seit den Naziverbrechen schon Jahrzehnte die Donau hinabgeflossen, aber verjährt sind sie noch lange nicht – viel mehr scheint es so, als hätten die Staukraftwerke am Strom einiges an braunen Dreck angestaut, der sich nun in Massen über Europa ausleert.
Feministisch wird es hingegen in der österreichischen Erstaufführung “Der Liebling” (Regie: Milena Mönch), das von etwa “Der Teufel trägt Prada” inspiriert scheint: Hier erleben wir zwei weibliche CEOs, egozentrisch, misogyn und unberechenbar, toxisch. Diese Sichtweise mag heutzutage eine Provokation darstellen – doch Autorin Svenja Viola Bungarten erklärt: “Wir leben in Zeiten, in denen rechtsextreme Parteien soziale Medien effektiv nutzen, um eine neue, jüngere Generation von Wählerinnen zu gewinnen, junge Frauen zu Werten von vor 50 Jahren zurückkehren. Weiblichkeit wird dazu benutzt, patriarchale Macht aufrechtzuerhalten und rechten Narrativen zu mehr Einfluss im Mainstream und zur Normalisierung zu verhelfen.”
Allerdings ist nicht nur der zeitgenössische Diskurs ein Thema im Haus, sondern auch in diversen Formaten Popkulturelles: Am nächsten an der gewohnten Theatererzählung dran ist da noch mit “Der Untergang der Titanic” (Regie: Jan Philipp Gloger) ein Stück, das sich nicht nur um die Erzählung dreht, die etwa James Cameron (zuletzt regieführend bei Billie Eilish‘ Konzertdokumentation “Hit Me Hard And Soft”) im kollektiven Bewusstsein verankert hat, sondern auch – basierend auf “33 Gesängen” von Hans Magnus Enzensberger – die Selbstüberschätzung und Hybris der Menschheit thematisiert. Es ist dies vielleicht eine Zeitreise, aber eben auch gleichermaßen ein zeitgenössisches Frage- und Ausrufezeichen, wenn wir uns unserer Verantwortung inmitten von Klimakatastrophen, Zivilisationsbrüchen und bröckelnden Komfortzonen gewahr werden.
Aber auch die tatsächliche, leibhaftige Popkultur findet erneut Einzug ins Volkstheater – wenngleich nicht mit handelsüblichen Konzerten wie vor fünf Jahren mit Turbobier oder vor drei Jahren mit Marc Almond, vor zwei mit Calexico ("Camino Real"). Denn einerseits darf man sich – noch vor den bereits ausverkauften Konzerten mit Die Ärzte in der Wiener Stadthalle kommendes Jahr – bereits am 17. September auf einen der drei Ärzte, nämlich Farin Urlaub freuen. Als Vielgereister spricht er mit Journalist Jochen Schliemann über seine subjektiven Erlebnisse, zeigt Fotos – und wird auch singen.
Ebenfalls – jedoch noch ohne offiziellen Termin – wurde ein Mix aus Lesung und Konzert von Tocotronic-Kopf Dirk Von Lowtzow verraten, wie auch Tom Neuwirth – besser bekannt als Conchita Wurst – und Martin Zerza als “Frau Thomas & Herr Martin” mit einem Spagat zwischen Chanson, Wienerlied, Latin, Swing, Jazz und Schlager sowohl Humor und Leichtigkeit, aber auch Tiefgang ins Volkstheater bringen werden – auch hier liegt die Bekanntgabe eines Termins noch in der Schublade der Direktion verschlossen.
Apropos Humor: Am 30. und 31. Jänner wird Josef Hader mit seinem “Hader On Ice” einen Horrortrip in die tiefen Provinzen des Geistes auf die Bühne des Volkstheaters bringen und somit auch er dem volkstheatralischen Ansatz, dem ureigenen Selbst möglichst nah zu sein, gerecht werden.