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Konzerte

Biedert sich Farin Urlaub von Die Ärzte bei Rammstein und den Böhsen Onkelz an?

24.04.2026 von Stefan Baumgartner

Im Herbst kommt ein neues Solo-Album von Doktor Farin Urlaub: Die erste Single trägt den Titel "Happy to be Deutsch". Darf man das heute überhaupt noch sagen, darf man stolz auf seine deutsche Herkunft sein? Oder ist das Rammstein und den Onkelz vorbehalten?!

“Wie gefährlich ist diese Gruppe?” frug das deutsche Schundblatt Bild am Sonntag im Jahr 2019 scheinheilig: Sind das Asylantenfresser oder gar Nazis? Es wurden Stirnen gerunzelt, Pädagogen wachten schweißgebadet auf, Kulturrepräsentanten bekamen Seitenstechen, Randgruppenvertreter kollabierten am Fließband an Schnappatmung: Rammstein hatten sich damals für ihr selbstbetiteltes Album nämlich einen ganz besonderen Schabernack einfallen lassen.

Nur wenige Sekunden wurde da der brandneue Titel “Deutschland” angespielt, unterlegt von einer Videosequenz, in der sich die Mitglieder der Band als KZ-Insassen am Galgen inszenierten. “Wer den Holocaust zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch”, hieß es daraufhin mit drohendem Zeigefinger vom Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Der Antisemitismusbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Felix Klein, teilte mit, prinzipiell sei gegen eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust nichts einzuwenden. “Wenn aber das Video nur zur Provokation und Verkaufsförderung erstellt wurde, um zu skandalisieren und Aufmerksamkeit zu erzeugen, dann wird damit eine rote Linie überschritten”, sagte Klein: Dies wäre eine geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit. Auch der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, lehnt klar und deutlich ab, das “Leid und die Unmenschlichkeit des Holocaust” für “Effekthascherei und für Werbezwecke” zu missbrauchen und lud Rammstein in die KZ-Gedenkstätte Dachau ein.

Dann war schließlich das Video in seiner vollen Pracht zu sehen, ein medial-barockes, popkulturell gemixtes, gigantisch überfrachtetes Setting unterschiedlichster Figuren, ein cineastischer Overkill. Und nein, es war keine zweideutige Lobhudelei, sondern eine kritische, durchaus pointierte Collage deutscher Gewaltgeschichtsschreibung, von Germanenkriegen über die Nazizeit bis hin zu DDR-Kadern. Unzählige Handlungsstränge wurden in fantastischen Miniaturszenen angedeutet, in denen sich Grausamkeiten mit allerlei surrealen Grotesken wechselseitig verstärkten. “Deutschland, meine Liebe kann ich Dir nicht geben”, singt Lindemann dann - und die Gründe dafür liegen eben unter anderem in den Konzentrationslagern … begraben.

Natürlich: Einer klaren Botschaft verwehrten sich Rammstein dennoch. Vermutlich: Aus marketingtechnischen Gründen durchaus bewusst. Denn noch bevor dieser ostdeutsche Agent Provocateur aufgrund anderer Verfehlungen - wir erinnern uns an die Row Zero - in Ungnade gefallen ist, wurden sie als deutschtreue Nazis perzipiert. Nicht nur wegen ihres harten Marschstils in der Musik, sondern auch, weil sie immer schon nationalsozialistische Ästhetik idealisierten - etwa als sie für das Video zur Depeche-Mode-Coverversion “Stripped” 1998 Szenen aus den Olympiafilmen von Leni Riefenstahl aus dem Jahre 1936 nutzten - waren dies doch Propagandafilme für die Nationalsozialisten. Auch das Spiel mit Heldenmythen und verbaler NS-Ästhetik auf dem frühen Album “Mutter” ging in der Inszenierung vielen zu weit, etwa wenn “Sonne” auf den Sonnenkult bezogen wurde - ob Überzeugung oder kaltes Kalkül dahinterstand, hinterließ gern ein schwelendes Unwohlsein, ähnlich wie auch die Inszenierung der Musiker selbst, die sich als starke Männer im großen Pathos suhlten, similär dem maskulinen Körperkult der Nazis - eine Art sozialdarwinistisches “Survival of the Fittest”. Vom rollenden “R”, das sich Lindemann wohl von der slowenischen Avantgarde-Band Laibach abgeschaut hat, gar nicht erst zu sprechen: Besonders sensible Kritiker sahen hier Ähnlichkeiten zum Sprachduktus Adolf Hitlers.

Während Rammstein sich jedoch stets einer gefährlichen Gratwanderung bemühten, war die zweite gigantische Rockband Deutschlands da durchaus expliziter zugange: Auf “Der nette Mann”, dem ersten Studioalbum der Böhsen Onkelz aus dem Jahre 1984, fand man ebenso einen Titel namens “Deutschland”. Mit Textzeilen wie “Wir sind stolz darauf, Deutsche zu sein”, “Schwarz-Rot-Gold, wir steh'n zu dir” und “Deutschland, Deutschland, Vaterland” kann man hier durchaus einen Patriotismus rauslesen, der eher nicht im linken Eck zu verorten ist. Während ihr “Deutschland” Mitte der Achtiger eine der größten Hymnen rechtsextremer Skinheads war, haben sich die Onkelz von ihrer zweifelhaften Vergangenheit freilich längst losgesagt: “Jugendsünden”, meinen neben der Band auch viele Anhänger heute und verweisen auf die vielfältigen Anstrengungen der Musiker seit den frühen neunziger Jahren, sich nachdrücklich von rechtsradikalem Gedankengut zu distanzieren und Fehltritte “wieder gutzumachen”.

“Wir sind stolz darauf, Deutsche zu sein” heißt es jedoch nicht nur im Frühwerk der Onkelz, sondern auch auf der neuen Solo-Single von Farin Urlaub, bekanntlich ein Drittel der im Linksaußen-Sektor zu verortenden Punkband die Ärzte aus Berlin. Die Single heißt nämlich “Happy 2bD”, ausgeschrieben “Happy to be Deutsch”. Und natürlich zitiert Urlaub da auch ganz bewusst und vermutlich mit einem Augenzwinkern oder auch zwei die AfD- und FPÖ-Bubble mit der rhetorischen Frage: “Das wird man ja wohl noch singen dürfen?!”

Nun kann man wie ein Schlagzeilenleser in Entrüstung baden, in einem ungezügelten Koller seine alten Ärzte-Platten verbrennen und sich in einer lichterloh lodernden Hysterie fragen, was mit diesem linkspolitischen Vordenker, der immerhin Songs wie “Schrei nach Liebe” und “Demokratie” mitverantwortet hat, eigentlich falsch gelaufen ist! Dass gerade bei Jugendlichen in den letzten Jahren ein Rechtsruck, eine Radikalisierung zu beobachten ist, das haben die linksliberalen Gazetten in den letzten Jahren ja bereits mehrfach ausgebreitet - aber welchen Vogel hat bitte Urlaub, immerhin in seinen Sechzigern, abgeschossen?!?

Stolz allein hat ja schon ein schlechtes Image, ist es doch der CEO der schlechtesten Eigenschaften, die man als liberales Rädchen in dieser Welt überhaupt haben kann - und dann auch noch ein Stolz auf Deutschland! Niemand auf dieser Welt mag die Deutschen und ihr Deutschland, dieses ewig weite und viel zu große Brachland zwischen Bratwurst, Bockbier, Beckenbauer und (Mercedes) Benz, die von Nord nach Süd, von West nach Ost an Kraftwerken vorbei über die Nazi-Autobahnen donnern! Früher war es vielleicht noch ein Land der Dichter und der Denker, aber selbst Goethe hatte ein Frauenbild, bei dem es spätestens heute jeder Sau graust!

Wer bis jetzt, bei diesem cholerisch geifernden Pamphlet gegen Farin Urlaub, schon Genickschmerzen vor lauter zustimmendem Nicken bekommen hat, dem sei an dieser Stelle rasanter Einhalt geboten, als es die nicht vorhandene Geschwindigkeitsbeschränkung auf den deutschen Autobahnen vermag! Denn Urlaub hat natürlich keine Wende von links nach rechts vollzogen, sondern badet ein bisserl in Ironie - einem Zustand, der insbesondere der liberalen Bubble verlustig gegangen ist. Denn einerseits nimmt er in “Happy 2bD” natürlich das Nationalstolz-Gehabe auf die Schippe ("Wir sind ein echtes Phänomen, viel zu schön, viel zu schlau, und Europa würde ohne uns untergeh'n"), während er andererseits auch die klassisch deutsche, großkotzige Ignoranz exponiert: “Uns're Brücken stürzen ein, Häuser fall'n um, Züge stehen still, frad dich mal, warum!” Also könnte er eigentlich durchaus mit Lindemann im Duett singen: “Deutschland, meine Liebe kann ich Dir nicht geben!”

Ist das subtil? Nein. Ist das lustig? Auch nicht. Eher: Zynisch. Und zumindest nicht nur die erste Solokomposition seit langer Zeit (2014, “Faszination Weltraum”), sondern auch der erste Vorbote vom neuen Farin-Urlaub-Album, das dann im Herbst erscheint. Ob dann seine Solostammband, das Racing Team, auch wieder mit von der Partie ist, ist jedoch noch nicht bekannt. Bekannt ist jedoch, dass Urlaub im Herbst auch zweimal nach Österreich kommt - allerdings nicht musizierend, sondern mit Jochen Schliemann übers Reisen redend: Am 15. September im Grazer Orpheum und am 17. September im Wiener Volkstheater.


Live-Termine


Die Ärzte - "Eine Gänsehaut nach dem andern!"

12. Mai 2027 | Wien, Wiener Stadthalle D
13. Mai 2027 | Wien, Wiener Stadthalle D


Infos auf dem Stand vom 24.04.2026  

(Keine) Tickets Die Ärzte
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