Bild: oeticket/Stefan Baumgartner
Während in Amerika die Plätze in den WM-Stadien nur so semi befüllt sind, haben die Böhsen Onkelz beim Tour-Auftakt in Leipzig vor vollem Haus bewiesen, dass sie selbst die geballte WM-Stimmung im kleinen Finger haben.
Neben Einreiseproblemen für Schiedsrichter, Fans und auch Spieler dominiert so früh im Verlauf der diesjährigen Fußball-WM auch ein weiteres Thema: In Fernsehübertragungen teils deutlich sichtbare leere Ränge in den Stadien veranlassten die FIFA sogar zu einer offiziellen - wenngleich etwas schwammigen - Erklärung: Die visuelle Einschätzung der Auslastung “zu einem beliebigen Zeitpunkt während des Spiels” sei nicht verlässlich.
Einen größeren Zuspruch dürften da die Böhsen Onkelz einfahren, zumindest, wenn man vergangene Woche einen Blick ins sächsische Leipzig warf: Bereits zu Wochenanfang wurde die Stadt von entsprechend gewandeten Onkelz-Fans sukzessive geflutet, feierten sie doch mit einer exklusiven Warm-up-Show am Mittwoch im Haus Auensee ihren Tour-Auftakt, der am Freitag und Samstag mit zwei Stadien-Shows in der Red Bull Arena seine Fortsetzung fand. Alle drei Konzerte - im Haus Auensee mit grob 3.500, in der Arena mit je etwa 55.000 Besucher*innen - waren restlos ausverkauft, und kaum jemand verließ auch nur kurz seinen mühsam ergatterten Platz - und wenn, dann lediglich für eine knappe Bier- oder Klopause.
Handyfotos direkt aus der Menge beim Onkelz-Warm-up im Haus Auensee. Bilder: Stefan Baumgartner
Auch wenn sich die Setlisten für die zwei diversen Konzertformate - die Warm-ups sind in kleineren Locations als üblich, die Stadien-Shows “mitten unter euch” mit einer Rundbühne im Oval - nur minimal durch zwei Songs unterscheiden, gelang den Onkelz da ein besonderer Clou: So intim hat man die Onkelz schon lang nicht mehr gesehen. Dabei lassen die Onkelz gerade bei den Warm-ups auch ihre geballte Energie für sich sprechen und beweisen, dass sie die gewohnte, euphorische WM-Stimmung selbst im kleinen Finger haben: Ohne Vorband oder großartigen Showeffekten wird das Programm runtergebrettert, als wäre man in den Jungbrunnen gefallen und hätte sich mindestens dreißig Jahre verjüngt.
Ganz im Gegenteil in der Red Bull Arena: Da überzeugte nicht nur die kleine, von Lichtsäulen flankierte Rundbühne, sondern da gab es auch gleich eine Überraschung - denn das erste Lied der Onkelz wurde nicht von den Onkelz, sondern von ihren guten Freunden von Pro-Pain gespielt. Sie hatten “Terpentin” ja bereits 2003 für deren Album “Run for Cover” einstudiert. Für 2026 haben die Onkelz also - nach ihren großen Hallenkonzerten im vergangenen Herbst/Winter - nicht nur Großes versprochen, sondern ihr Versprechen auch gehalten. Insbesondere der intime Auftritt im Haus Auensee hat dokumentiert, dass die gestandenen Herren aus Frankfurt wahrlich next level, und ihr Publikum schlichtweg eine Familie mit einer Kehle und abertausend Fäusten sind. Egal ob in “kleiner” Location oder im Stadion: Sie verströmen einen ganz besonderen Charme, der hier wie dort eine ganz persönliche und nahbare Atmosphäre kreiert. Dementsprechend kommt der Gesang auch nicht nur von der Bühne: Kaum eine Band, bei der das Publikum vom ersten bis zum letzten Ton durchgehend unisono mitsingt.
Die volle Stadien-Setlist. Beim Warm-up fehlte “Lieber stehend sterben” und “H”.
Dabei ist ebenfalls bemerkenswert, dass nicht nur der Saal oder das Stadion selbst sich wie ein familiärer Stammtisch anfühlt, sondern dass auch tatsächlich Familien anwesend sind: Wie auch bei Größen wie den Rolling Stones haben es die Onkelz geschafft, generationenübergreifend ein treffliches Sprachrohr und Seelentröster gleichermaßen zu sein; Da stehen Opas und Omas neben Vätern und Müttern neben Söhnen und Töchtern, allesamt glückselig und aus allen Schichten - denn wer zu den Onkelz geht, ist einfach nur: gleich - und dementsprechend “daheim”, gewissermaßen geborgen.
Natürlich hat an jedem dieser Abende in Leipzig jeder Song eine Geschichte - nicht nur für die Onkelz selbst, sondern auch für ihre Fans: Wenn man vor oder nach dem Konzert mit einigen Besucher*innen ins lockere Gespräch verfällt, kann jede*r zahlreiche Momente des Lebens erzählen, in denen die Lieder der Onkelz durch eine schwere Zeit, oder gar aus einem tiefen Loch herausgeholfen haben. Tränen im Publikum sind daher keine Seltenheit.
Um den Bogen zur Weltmeisterschaft zu schließen: Kurz vor Ende gab es dann natürlich auch den Klassiker “Mexico” in der - leider - etwas überraschungsarmen, dafür fantastischen - Setlist. Dieser wurde 1985 zur Unterstützung der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 1986 in - Trommelwirbel - Mexiko geschrieben. Darin heißt es: “Im Land der Kakteen werden wir, du wirst seh'n, wieder Weltmeister, Weltmeister sein”. Ob das auch für das diesjährige, gebeutelte WM-Jahr zutrifft, das werden wir in wenigen Wochen wissen - sicherlich ist aber: Konzert-Weltmeister, das sind die Onkelz schon jetzt. Wer beim Entscheidungsspiel diesen Donnerstag in der Raiffeisen Halle im Gasometer (Warm-up) oder am Samstag im Happel-Oval ("Mitten unter euch") dabei sein will, sollte sich jedoch ranhalten: Es sind nur mehr wenige Restkarten verfügbar. Viva los Tioz!