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Konzerte

Böhse Onkelz: Böse Menschen, böse Lieder?

26.11.2025 von Stefan Baumgartner

Diesen Winter laden die Onkelz frontal in die Wiener Stadthalle. Kommenden Sommer sind sie dann mitten unter uns, mit einer Rundbühne im Happel. Anlass zu fragen: Wie böse sind diese Menschen, wie böse diese Lieder?

“Gehasst, verdammt, vergöttert” - so heißt ein Lied und auch das erste Best-of-Album der deutschen Rockband Böhse Onkelz. Man kann ihnen also zumindest nicht vorhalten, blind durchs Leben zu gehen: Ihnen ist durchaus bewusst, dass sie nicht überall auf wohlwollende Ohren stoßen und ihnen bis heute jugendliche Fehltritte nachhängen. 2019, als sie damals in Wels gastierten, hatten Politik und Medien im Vorfeld bereits verschiedene Extrem-Szenarien an die Wand gemalt, es war von Verkehrschaos (wie bei Großkonzerten üblich), aber auch ob der Einschätzung ihrer Anhänger von Vandalismus und massenhaft Verletzten die Rede. Aber wenig von dem, was alles befürchtet wurde, ist eingetreten, teilte der Veranstalter damals mit. Auch die einst rechte Vergangenheit der Frankfurter und die ihrer Fanbasis waren ein Thema. Das brachte damals sogar die Onkelz auf die Palme, die von der Bühne skandierten, dass sie nicht verstehen würden, was immer noch so alles über sie geschrieben wurde. Aber: Liegt im Kern nicht immer, irgendwo, wenngleich versteckt, die Wahrheit?

Lebenseinstellung

Ja, wie bei vielen populären Bands, ist es auch bei den Onkelz so: Sie sind mehr als nur eine Band, viel mehr transportieren sie eine Lebenseinstellung. Und die Lebenseinstellung, die die 1980 gegründete Gruppe seit ehedem mit sich trägt, ist eine schwere Last: Damals, zu den Anfangstagen, war man in der Skinhead-Szene aktiv und veröffentlichte Lieder mit rechtsradikalem, sexistischem und gewaltverherrlichendem Inhalt, die auf dem Index landeten. “Jugendsünden”, meinen neben der Band auch viele Anhänger heute und verweisen auf die vielfältigen Anstrengungen der Musiker seit den frühen neunziger Jahren, sich nachdrücklich von rechtsradikalem Gedankengut zu distanzieren und Fehltritte “wieder gutzumachen”. Trotz dieser öffentlichen Läuterung sind die Onkelz vielen suspekt geblieben, die sich nicht nur über den anhaltenden gigantischen Erfolg des Quartetts wundern, das nach wie vor in Deutschland wie auch in Österreich Stadien und die größten Hallen binnen weniger Minuten ausverkauft, sondern auch erstaunt sein dürften, dass es im Namen der einst bösen Buben plötzlich sozial zugehen soll. Es ist dies ein altbekanntes Problem der extremlinken, vermeintlich so weltoffenen Bubble: Einmal ein Fehltritt, bleibt man allen hehren Bemühungen zum Trotz auf Ewig geächtet.

Wer sich aber unvoreingenommen einer Sozialstudie stellt, merkt relativ rasch, dass zumindest heute die Unbeschwertheit des Publikums mit der latenten Aggressivität der Musik und der Texte harmoniert. Hier trifft Familiengefühl auf ein raues, ja, aber auch trautes Klima. Gitarrist Matthias Röhr, Bassist/Sänger Stephan Weidner und Schlagzeuger Peter Schorowsky schludern zwar immer noch mehr oder weniger harten, stumpfen Rock, zu dem der lange mit massiven Alkohol- und Drogenproblemen kämpfende und im Jahr 2009 als Verursacher eines schweren Verkehrsunfalls in die Schlagzeilen geratene Sänger Kevin Russell jene aufmüpfigen Texte rotzt, in denen viele Fans jenes Quentchen Auflehnung hören, die sie vermutlich für ihr Auskommen mit dem Alltag brauchen. Aber: nicht viel anders klingt es, in kleinem Rahmen, wohl auch an vielen Stammtischen in den Wirtshäusern von Nord bis Süd, von Ost bis West, wenn der Bierzähler die zweistellige Marke erreicht. Ob bei den saturierten Mittfünfzigern, die die Onkelz mittlerweile sind, noch echte Wut dahintersteckt, oder ob man sich mittlerweile nur gekonnt theatralisch pseudo-rebellisch gibt, dürfte der breiten Anhängerschaft letztlich ziemlich egal sein.

Niveaulose Nivellierung

Das Geschick der Onkelz (wie so zahlreicher, auch internationalen Kollegen auch; aber in der eigenen Muttersprache wirkts halt deutlicher) ist auch heute noch ein wenig subtiler, pubertär wirkender Umgang mit großen Gefühlen, vor allem Frust und Wut über die Welt. Es ist eine große Fähigkeit, die Schwierigkeiten des Lebens auf grölbare Formeln herunterzubrechen, dazu schwanger mit dem Wunsch, jetzt “alle anderen” mal anzuschreien und überaus erregt gegen Bevormundung zu sein: Wütend gegen das System, gegen den Mainstream, das Establishment einerseits, dabei aber, in der in sich geschlossenen Gemeinschaft gleichzeitig auch ein kollektives Kameradschaftsgefühl zu erleben, bei dem es in erster Linie um illuminierten Eskapismus geht. Und Ähnliches erlebt man ein bisschen mehr in Watte verpackt von Andreas Gabalier über AC/DC bis Helene Fischer ebenso.

Dass die Onkelz dabei eine offensiv rechte Vergangenheit haben, muss man nicht gutheißen oder gar vergessen. Man darf dabei aber auch nicht die zuvor angesprochenen Versuche einer Distanzierung gänzlich außer Acht lassen, Versuche, die zwar nicht ungeschehen machen, aber zumindest an eine Entwicklung glauben lassen - vielmehr ist es ja umso rühmlicher, wenn man sich dem verwerflichen Gedankengut erst entledigen muss, bevor dem Gesinnungswechsel auch tatsächliche Taten (wie etwa Spenden für Opfer von Neonazis oder das aktive, soziale Engagement des Fanclubs BOSC) folgen.

Von außen, mit einem streng fokussierten und reduzierten Blickfeld, mag sich am Proll-Gehabe seit den radikalen Anfangstagen wenig geändert haben: Die Parolen auf der Bühne wie auch im Publikum sind immer noch laut und wütend, direkt und simpel. Aber für viele sind sie auch ein notwendiger Katalysator, ein therapeutischer Moment, der hier, im geschützten Rahmen, ohne Reibungspunkte nach außen ausgetragen werden kann. Ein Ventil braucht jeder von uns: Die einen machen Yoga, die anderen gehen ins Fitnessstudio - und andere wiederum knipsen sich eben zu Harte-Macker-Weisheiten das Licht aus. So böse ist das nun auch wieder nicht - und wenn man ein bisserl weltoffen ist (und nicht nur so tut), somit nicht ausschließlich in höchstgradig limitierenden Schwarz-Weiß-Stufen denkt, dann können die Böhsen Onkelz vielleicht auch gleichzeitig die Nicen Onkelz sein.

"Mitten unter euch"

Während die Onkelz gerade auf Hallen-Tournee sind und im Dezember auch in der Wiener Stadthalle frontal spielen, erreicht uns soeben die digitale Depesche mit einer besonders erfreulichen Nachricht: 2026 werden die Onkelz zum ersten Mal in über vier Jahrzehnten eine 360-Grad-Center Stage bespielen - mitten im Happel-Stadion, mitten unter den Fans. Dabei wird die Bühne mehr als nur ein Aufbau, vielmehr ein Statement. Nicht nur nah an den Fans, sondern auch groß gedacht - technisch und visuell auf einem Level, das viele Stadion so noch nicht gesehen haben. Meine Vermutung: Die Onkelz werden damit Geschichte schreiben - oder zumindest: einen Abend kredenzen, an dem man für einen Moment zumindest fernab vom Alltags-Bullshit ist.


Live-Termine


Böhse Onkelz - "Mitten Unter Euch"

20. Juni 2026 | Wien, Ernst-Happel-Stadion
Tickets ab Samstag, 29. November um 12 Uhr.


Infos auf dem Stand vom 26.11.2025  

Tickets Böhse Onkelz
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