Bild: Lisa Ramacher
Dass Frauen auch in der Kulturszene immer noch unterrepräsentiert sind, ist ein Fakt. Damit möchte das neue Buch “We are Austria” aufräumen: 77 “außergewöhnliche Frauen aus Österreich” kommen hier zu Wort und erzählen ihre überraschenden Lebensgeschichten. Das Problem dabei, wie Musikerin Anja Plaschg alias Soap&Skin nun aufdeckte: Viele wurden gar nicht gefragt, werden ohne ihr Wissen zitiert.
Man kann es nicht oft genug betonen: Immer noch haben Frauen ein oftmals schweres Los, auch im aufgeklärten, vermeintlich progressiven Mitteleuropa. Und immer noch sind sie vielerorts unterrepräsentiert, auch in der Kulturbranche - auf und hinter der Bühne gleichermaßen. Aus diesem Grund haben wir es uns am HEADLINER auf die Fahnen geschrieben, Frauen vermehrt eine Bühne zu bieten - etwa [hier], [hier], [hier], [hier] und [hier].
Auch eine neue Buchpublikation zum Thema scheint auf den ersten Blick nicht nur unsererseits unterstützenswert, sondern gesellschaftlich relevant: Im Herbst erschien unter dem Titel “We are Austria” ein Buch von Nina Pavicsits, das es sich zum Ziel gesetzt hat, “77 außergewöhnlichen Frauen aus Österreich” eine Bühne zu bieten. Es sind “Frauen, die Großes erreicht, unbequeme Wege beschritten oder ganze Generationen inspiriert haben” verrät der Pressetext zum Projekt. Im “farbenprächtig illustrierten Bildband” erzählen “starke Frauen” wie Maria Theresia, Christine Nöstlinger, Elfriede Jelinek, Christina Stürmer, Stefanie Sargnagel und Anja Plaschg alias Soap&Skin in der Ich-Form über ihren Lebensweg, ihre Passion und ihre Träume. Das hehre Ziel: Den interessierten Leser*innen zu zeigen, wie vielfältig weibliche Stärke in Österreich ist - “Empowerment” ist das programmatische Stichwort.
Das Problem jedoch ist: Die inspirierenden Lebensgeschichten wurden teilweise mit Fehlern und ohne Einwilligung der in Szene gesetzten Frauen publiziert, wie Plaschg vergangene Woche den Stein auf Social Media ins Rollen brachte.
“Ich möchte etwas richtigstellen. Ich habe noch nie mit der Autorin gesprochen, noch den Text über mich jemals freigegeben”, schreibt Plaschg am 22. Dezember auf ihren Social Media-Kanälen. In ihrem Text - wohlgemerkt, in zitierter “Ich-Form” - wiedergegebene Behauptungen wie "Zu spüren, dass jemand weint, gibt mir Kraft" widersprächen ihrem Erleben und Selbstverständnis sogar grundlegend, so Plaschg.
In den Kommentaren schließt sich etwa auch die Autorin und Illustratorin Stefanie Sargnagel an: Zwar seien ihr in ihrem Fall keine falschen Aussagen in den Mund gelegt worden, aber auch sie sei vom Verlag oder von der Autorin im Vorfeld nicht kontaktiert worden - obwohl sie eigentlich “einfach zu erreichen” sei.
Die Styria Buchverlage beteuern hingegen in einem Antwort-Posting, man habe alle noch lebenden Porträtierten “zeitlich ausreichend vor Drucklegung” kontaktiert - eine Kontaktaufnahme mit etwa Maria Theresia oder Christine Nöstlinger ist ja natürlich nicht möglich. “Nicht in jedem Fall kam dazu eine Rückmeldung” heißt es weiter. Auch Journalistin Corinna Milborn bestätigt, nicht kontaktiert worden zu sein - ganz im Gegensatz zu etwa der ebenfalls vertretenen, ehemaligen Skirennläuferin Nicola Werdenigg, die einen eigenen Text übermittelt hatte und der Kabarettistin Toxische Pommes, die jedoch nicht Teil des Projekts sein wollte, was tatsächlich respektiert wurde. Sie habe, so heißt es in der Tageszeitung Der Standard, die Mail an sie "komisch formuliert" gefunden und erachtete zudem das Konzept als “seltsam, dass Texte über Personen mit öffentlich abrufbaren Informationen als Buch verkauft werden, ohne dass Interviews oder eine sonstige Mitwirkung der porträtierten Personen stattgefunden hätten. Vor allem in Ich-Form”. Dass der Text über sie erschienen wäre, hätte sie nicht widersprochen, scheint ihr "außerdem sehr befremdlich”.
Im Standard wird die Autorin Nina Pavicsits zitiert: “Ich wollte Dinge hervorheben, die mir an den Biografien wichtig erschienen sind. Deshalb musste ich auch keine Interviews führen, denn ich wusste, wie ich die Texte gestalten will, damit sie für Leserinnen und Leser interessant sind. Ich habe also die Texte verfasst und sie zur Freigabe verschickt.” Tatsächlich geführte Interviews hätten “eine immense Textfülle erzeugt, die dann für eine Buchseite wieder eingedampft hätte werden müssen”, springt ihr dort Verlagsleiter Matthias Opis bei.
Beide Aussagen sind durchaus legitim: Ganz gleich ob für wissenschaftliche Arbeiten oder im Journalismus - es ist durchaus en vogue, aus Quellen zu zitieren. Dies tue ich in diesem Artikel ja auch. Das Problem dabei ist jedoch, dass aufgrund der gewählten Text-Form aus der Ich-Perspektive den Frauen Aussagen in den Mund gelegt werden, teils verkürzt oder aus dem Kontext gegriffen. Zumindest räumt der Verlag ein, dass es ein Fehler gewesen sei, dass man es nicht geschafft habe, den “Anfrage- und Freigabeprozess” tatsächlich konsequent umzusetzen. Wobei an dieser Stelle auch erwähnt gehört: Wir haben für den HEADLINER zu Jahresanfang ein Gespräch mit Anja Plaschg geführt - und warten bis heute, trotz mehrfachen Rückfragen, auf eine Rückmeldung, auf Änderungswünsche oder Freigabe von Seiten ihres Managements.
Unterm Strich haftet dem Buchprojekt allen Widrigkeiten, die Autoren und Autorinnen, Journalisten und Journalistinnen mit ihren Gesprächspartner*innen durchlaufen zum Trotz ein fahler Beigeschmack an. Leider war dies nur grundsätzlich eine gute Sache. Oder wie es eine Posterin auf Facebook formuliert: “Da hat man die schöne Idee Frauen sichtbar zu machen, und dann nimmt man ihnen die Stimme? Sehr schade!”