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Von Gender Gap bis Male Gaze: 12 Frauen, denen man ein Ohr schenken sollte

12.12.2025 von Stefan Baumgartner

Frauen auf der Bühne: Entweder nicht vorhanden oder vom männlichen Publikum sexualisiert, von wegen “T-Shirt hoch, Titten raus!”. Das muss aufhören, meint nicht nur die amerikanische Indie-Musikerin Sofia Isella in ihrem neuen Song “Above The Neck”.

Es gab immer schon Songs, die klangen, wie Lageberichte der jeweiligen Zeit. Allerdings war Wut lange Zeit eine Ressource, die Musikerinnen nur selten zugestanden wurde: Wenn Männer auf der Bühne gegen Ungerechtigkeiten anschrien, war es authentisch, wenn Frauen Position bezogen, dann bekamen sie schnell einmal das Label “hysterisch” oder “überspannt” verpasst.

Doch seit einiger Zeit zeichnet sich ein Richtungswechsel ab, gerade bei weiblichen Musikerinnen ist ihre Wut zur künstlerischen Strategie geworden: Denken wir da etwa an Charli XCX mit “Brat”, an Lily Allen mit “West End Girl”, an Ashnikko mit “You Make Me Sick!”, an Olivia Rodrigo mit “All-American Bitch” oder an VICKY, die in gefühlt jeder Line die Spezies Mann zum “Schwanzvergleich” herausfordert. “Female Rage” nennt sich dieser Trend, der eigentlich mehr ist als das: Es ist eine kulturelle Neuvermessung, eine Antwort auf die jahrhundertelange Objektivierung von Frauen, auf Gatekeeping und strukturelle Unsichtbarkeit. Frauen nehmen in einer naturgegebenen Selbstverständlichkeit mittlerweile ebenfalls ihre Bühne als Plattform der Selbstermächtigung ein und setzen ihre Wut nicht nur ästhetisch, sondern als analytisches Narrativ ein.

Im Spannungsfeld zwischen Gender Gap und Male Gaze bewegt sich da etwa auch die amerikanische Indie-Musikerin Sofia Isella, insbesondere mit ihrem neuen Song “Above the Neck”: Sie beschreibt darin, wie weibliche Körper noch immer durch die rosa Brille eines männlichen Blicks gelesen werden, wie Sexualisierung und Bewertung auch und insbesondere an jungen Frauen kleben wie ungewollte Fingerabdrücke; Wenn Frauen schon in ein von Männern dominiertes Umfeld – der Musik – reingrätschen, dann haben sie vermeintlich auch bestimmte Erwartungshaltungen zu erfüllen, wie sie ausschauen, sich stylen und präsentieren, wie sie sich zu verhalten haben.

Doch einer Erwartungshaltung zu unterwerfen, das ist ihrer Sache nicht: Künstlerinnen wie sie überzeichnen diesen männlichen Blick, konterkarieren ihn, verweigern sich ihm, machen ihn sichtbar, indem sie ihn brechen. Dass Isella da schon einmal auf der Bühne provokativ zur Mittelfinger-Zeile “I’m not trying to seduce you, fuckface” die Hose runterlässt, ist konsequent – wenngleich es hie und da auch für Unverständnis sorgt, ebenso, wieso es als Empowerment verstanden werden soll, wenn man sich auf der Bühne (Stichwort Nessa Barrett) in durchsichtiger Unterwäsche räkelt. Allerdings: Jeder Mensch, der bereits eine Fremdsprache erlernt hat, weiß ob Übersetzungsschwierigkeiten – und nicht anders ist es bei der Körpersprache, die auf unikalen Erfahrungswelten fußt. Konsens, Körperbild und Identitäten – das ist gewissermaßen die Semantik, ein unglaublich komplexes Fundament, das ihr zugrunde liegt: Wer gewisse Erfahrungswelten also nicht durchmessen hat – zum Beispiel ein Mann – der wird mit der Sprache des “Female Rage” ebenso seine liebe Not haben, wie ein Österreicher mit Finnisch oder Japanisch.

Andersrum ist es nur naheliegend, dass gerade die (weibliche) Generation Alpha die vermutlich erste Generation ist, der das Genre und stilistische Schubladen egal sind: In einer Zeit, in der Frauen in der Welt und auf der Bühne weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind und nicht selten selbst außerhalb der Fußnote schwimmen, hört man Musik nach Message, Identifikationswert und Haltung. Songs und Künstlerinnen bekommen von “Digital Natives” dann eine Wertigkeit verpasst, wenn ein Empowerment - von mentaler Gesundheit über Body Positivity und Sexual Identity bis hin zu Anti-Kapitalismus - dahintersteckt. Die klangliche Palette - hybrid und divers wie die Welt - wird da als Träger für Geschichten - nicht selten der eigenen - verstanden, nicht als Eskapismus oder reine Unterhaltungsform.

Frauen, denen man ein Ohr schenken sollte

Vergessen wir an dieser Stelle also zumindest für einen Moment einmal die vorwiegend männlichen Headliner und eine enge Eingrenzung auf ein Genre: In den nächsten Monaten kommen nämlich einige fantastische weibliche Musikerinnen nach Österreich, die es verdient haben, dass man sie nicht nur eines Blickes würdigt, sondern ihnen auch ein Ohr schenkt. Eine kleine (und durchaus subjektive) Auswahl - Playlist inklusive:

  • Am 21. Jänner verneigen sich Yasmo und Anna Buchegger im Theater Akzent vor der "weiblichen Stimme", anschließend geht Buchegger auf “Soiz”-Tour nach St. Pölten, Graz und Melk: Da hören wir Alpenland-Folklore, der den Heimatbegriff von engstirnigem Denken befreit und beweist, dass urige Regionalität auch ganz groß, grenzübergreifend klingen kann. [Tickets gibt es bei oeticket]
     
  • Am 16. Februar heißen wir die Norwegerin Anna of the North in der Grellen Forelle Willkommen: Nicht nur verlieh sie “Flower Boy” von Tyler, the Creator ihre ganz eigene Magie, auch sie selbst brilliert in der Pop-Welt mit einem ganz speziellen Sound. Da hören wir unglaublich sanfte Klanggebilde, melancholisch gezupfte Gitarren und eine Stimme, die einhüllt wie eine Flauschedecke. “Looking for true love”? Somit gefunden! [Tickets gibt es bei oeticket]
     
  • Nicht verpassen sollte man am 27. Februar im dasWERK die Schwedin Maude Latour, die vergangenes Jahr mit “Sugar Water” eines der besten, spannendsten, aber auch verspieltesten Pop-Alben des Jahres veröffentlicht hat. Die Message dahinter: "Live life to the fullest and do not fear extreme emotions!" [Tickets gibt es bei oeticket]
     
  • Am 19. März erleben wir im FLUCC mit Eileen Alister eine der vielversprechendsten neuen Namen aus der Schweiz: Irgendwo zwischen Billie Eilish und Lana Del Ray zelebriert sie mal energetische, mal introspektive Pop-Banger, die das Chaos der Zwanziger zwischen Erwachsenwerden und Kontrollverlust einfangen. [Tickets gibt es bei oeticket]
     
  • Am 14. April spielen im Rahmen der “Introduction Night” im Wiener Chelsea gleich zwei fantastische Künstlerinnen: Einerseits Luca Malina aus Wien, die meiner Meinung nach mit “I Don't Wanna Be So Slow” eines der besten heimischen Alben dieses Jahres veröffentlicht hat, und andererseits mit Oslo Twins aus UK eine Perfektion zwischen Indie-Synth und Lo-Fi-Pop, der auch schon im Vorprogramm von etwa The Last Dinner Party zu hören war. [Tickets gibt es bei oeticket]
     
  • Sofia Isella gastiert am 20. Mai in der Arena: Mit einem Sound, der sowohl bei Nine Inch Nails als auch bei Lana Del Ray in die Schule gegangen ist und markant scharfen Texten ist sie definitiv eine der ausdrucksstärksten Künstlerinnen unserer Zeit. Kein Wunder, dass sie da auch schon mit etwa Taylor Swift gemeinsame Sache gemacht hat. [Tickets gibt es bei oeticket]
     
  • Am 5. Juni kann man sich auf Taylor Acorn im FLUCC freuen: roh, verletzlich, gleichzeitig kraftvoll und überraschend zeitlos klingt ihr Pop, ihre Shows sind weniger eine reine Performance, sondern viel mehr eine Begegnung in einem gemeinsamen Safte Space, in dem Verletzlichkeit zur Stärke wird. [Tickets gibt es bei oeticket]
     
  • Am 16. Juni spielt Yonaka, eine britische Indie-Rock-Band, in der Szene: Irgendwo zwischen Rock, Metal und Hip-Hop hat das Quartett rund um Theresa Jarvis einen verdammt unikalen Sound gefunden - roh und emotional gleichermaßen. [Tickets gibt es bei oeticket]
     
  • Am 1. August ist ein Besuch vom Szene Open Air in Lustenau Pflicht: Nicht nur, dass die eingangs angesprochene VICKY zwischen “T-Shirt hoch, Titten raus” und “Schwanzvergleich” einfach nur unglaublich geile Hyperpop-Banger im Gepäck hat, die Selbstbestimmung mit eregiertem Mittelfinger feiern, außerdem gastiert am selben Tag auch Kayla Shyx am Festival: Eine junge Frau, laut im Patriarchat - und die sogar Till Lindemann ans Bein pisst. [Tickets gibt es bei oeticket]
     
  • Namen wie Lorde, Zara Larsson und Noga Erez muss man wohl nicht mehr vorstellen: Aber sie alle spielen ebenso zwischen 20. und 22. August am FM4 Frequency, wie auch Ashnikko: Soeben erschienen ist ihr zweites Album “Smoochies”, auf dem sich die Rapperin mal bewusst sexy, mal bewusst hässlich präsentiert und Frauenbilder thematisiert. Achja: Vor Billie Eilish hat sie auch schon gespielt - das sollte Argument genug sein, sich das nicht entgehen zu lassen. [Tickets gibt es bei oeticket]

Live-Termine


Sofia Isella - "Her Desire, The Nemesis"

20. Mai 2026 | Wien, Arena


Infos auf dem Stand vom 11.12.2025  

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