Bild: Jasper Graham
Frauen auf der Bühne: Entweder nicht vorhanden oder vom männlichen Publikum sexualisiert, von wegen “T-Shirt hoch, Titten raus!”. Das muss aufhören, meint nicht nur die amerikanische Indie-Musikerin Sofia Isella in ihrem neuen Song “Above The Neck”.
Es gab immer schon Songs, die klangen, wie Lageberichte der jeweiligen Zeit. Allerdings war Wut lange Zeit eine Ressource, die Musikerinnen nur selten zugestanden wurde: Wenn Männer auf der Bühne gegen Ungerechtigkeiten anschrien, war es authentisch, wenn Frauen Position bezogen, dann bekamen sie schnell einmal das Label “hysterisch” oder “überspannt” verpasst.
Doch seit einiger Zeit zeichnet sich ein Richtungswechsel ab, gerade bei weiblichen Musikerinnen ist ihre Wut zur künstlerischen Strategie geworden: Denken wir da etwa an Charli XCX mit “Brat”, an Lily Allen mit “West End Girl”, an Ashnikko mit “You Make Me Sick!”, an Olivia Rodrigo mit “All-American Bitch” oder an VICKY, die in gefühlt jeder Line die Spezies Mann zum “Schwanzvergleich” herausfordert. “Female Rage” nennt sich dieser Trend, der eigentlich mehr ist als das: Es ist eine kulturelle Neuvermessung, eine Antwort auf die jahrhundertelange Objektivierung von Frauen, auf Gatekeeping und strukturelle Unsichtbarkeit. Frauen nehmen in einer naturgegebenen Selbstverständlichkeit mittlerweile ebenfalls ihre Bühne als Plattform der Selbstermächtigung ein und setzen ihre Wut nicht nur ästhetisch, sondern als analytisches Narrativ ein.
Im Spannungsfeld zwischen Gender Gap und Male Gaze bewegt sich da etwa auch die amerikanische Indie-Musikerin Sofia Isella, insbesondere mit ihrem neuen Song “Above the Neck”: Sie beschreibt darin, wie weibliche Körper noch immer durch die rosa Brille eines männlichen Blicks gelesen werden, wie Sexualisierung und Bewertung auch und insbesondere an jungen Frauen kleben wie ungewollte Fingerabdrücke; Wenn Frauen schon in ein von Männern dominiertes Umfeld – der Musik – reingrätschen, dann haben sie vermeintlich auch bestimmte Erwartungshaltungen zu erfüllen, wie sie ausschauen, sich stylen und präsentieren, wie sie sich zu verhalten haben.
Doch einer Erwartungshaltung zu unterwerfen, das ist ihrer Sache nicht: Künstlerinnen wie sie überzeichnen diesen männlichen Blick, konterkarieren ihn, verweigern sich ihm, machen ihn sichtbar, indem sie ihn brechen. Dass Isella da schon einmal auf der Bühne provokativ zur Mittelfinger-Zeile “I’m not trying to seduce you, fuckface” die Hose runterlässt, ist konsequent – wenngleich es hie und da auch für Unverständnis sorgt, ebenso, wieso es als Empowerment verstanden werden soll, wenn man sich auf der Bühne (Stichwort Nessa Barrett) in durchsichtiger Unterwäsche räkelt. Allerdings: Jeder Mensch, der bereits eine Fremdsprache erlernt hat, weiß ob Übersetzungsschwierigkeiten – und nicht anders ist es bei der Körpersprache, die auf unikalen Erfahrungswelten fußt. Konsens, Körperbild und Identitäten – das ist gewissermaßen die Semantik, ein unglaublich komplexes Fundament, das ihr zugrunde liegt: Wer gewisse Erfahrungswelten also nicht durchmessen hat – zum Beispiel ein Mann – der wird mit der Sprache des “Female Rage” ebenso seine liebe Not haben, wie ein Österreicher mit Finnisch oder Japanisch.
Andersrum ist es nur naheliegend, dass gerade die (weibliche) Generation Alpha die vermutlich erste Generation ist, der das Genre und stilistische Schubladen egal sind: In einer Zeit, in der Frauen in der Welt und auf der Bühne weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind und nicht selten selbst außerhalb der Fußnote schwimmen, hört man Musik nach Message, Identifikationswert und Haltung. Songs und Künstlerinnen bekommen von “Digital Natives” dann eine Wertigkeit verpasst, wenn ein Empowerment - von mentaler Gesundheit über Body Positivity und Sexual Identity bis hin zu Anti-Kapitalismus - dahintersteckt. Die klangliche Palette - hybrid und divers wie die Welt - wird da als Träger für Geschichten - nicht selten der eigenen - verstanden, nicht als Eskapismus oder reine Unterhaltungsform.
Vergessen wir an dieser Stelle also zumindest für einen Moment einmal die vorwiegend männlichen Headliner und eine enge Eingrenzung auf ein Genre: In den nächsten Monaten kommen nämlich einige fantastische weibliche Musikerinnen nach Österreich, die es verdient haben, dass man sie nicht nur eines Blickes würdigt, sondern ihnen auch ein Ohr schenkt. Eine kleine (und durchaus subjektive) Auswahl - Playlist inklusive: