Bild: Eva Manhart/APA Pictures
Das Kurator*innen-Duo bestehend aus der Musikerin Sofie Royer und dem Künstler-Produzent-Musiker Wolfgang Lehmann hat für das diesjährige Popfest am Karlsplatz ein formidables Line-up zusammengestellt.
Seit 16 Jahren findet alljährlich im Sommer am Karlsplatz der kleine Bruder vom Donauinselfest statt: Ebenfalls bei freiem Eintritt gibt es hier wie dort kontemporäre Popmusik - am einen der beiden Festivals etwas feinsinniger kuratiert. Unter wechselnden Kuratorinnen und Kuratoren traten da etwa auf der Seebühne vor der Karlskirche schon Bands und Künstler*innen wie Ernst Molden, Der Nino Aus Wien, Kreisky, Elektro Guizzi, 5/8erl in Ehr'n, Attwenger, Yasmo & Die Klangkantine, AVEC, Naked Lunch, Sodl, Christina Stürmer und viele mehr auf - teils, bevor sie wirklich groß wurden oder gar bereits in der Blüte ihrer künstlerischen Existenz.
Dieses Jahr findet das Popfest zwischen 23. und 26. Juli statt, als Kurator*innen-Duo fungieren diesmal die Musikerin Sofie Royer und der Künstler-Produzent-Musiker Wolfgang Lehmann.
Das Popfest steht auch weiterhin sowohl für musikalische Entdeckungen, als auch für teils bereits bestens bekannte Klänge - gemein ist ihnen die unglaubliche Vielfalt. Noch dazu haben sich die diesjährigen Kurator*innen eine ambitionierte Vorgabe gestellt, die man so kaum bei einem anderen Festival wiederfindet: Nämlich Wiederholungen aus den Line-Ups der gesamten (!) Festivalgeschichte zu vermeiden. Denn: “Es wäre ein Leichtes gewesen, das Line-up vorzugsweise mit Musik aus Popfest-erprobten Acts zu besetzen und dabei Bewährtes zu wiederholen”, verraten sie bei der eröffnenden Pressekonferenz.
Und tatsächlich: Zumindest in der Form, in der Besetzung war noch keine*r der Künstler*innen am Popfest zu hören - ein weiterer Beweis dafür, wie reichhaltig und zudem qualitativ hochwertig die zeitgenössische österreichische Pop-Szene tatsächlich ist - wenn man das Formatradio aufdreht, vermeint man ja, es existiere lediglich ein halbes Dutzend heimischer Musiker*innen …
Bereits der Auftakt der 50 Bands beginnt mit einer gigantischen und gewagten Grätsche: Denn da reicht das Programm von Austropop-Königin Marianne Mendt bis hin zur austromexikanischen Tamara Flores, die erst dieses Jahr mit “Infinito” einen der besten Songs des Jahres vorgelegt hat. Dazwischen glänzt aber auch die alternativ-alpenländische Ästhetik von Anna Buchegger, sowie das Neudenken des ehrwürdigen Wienerlieds von den beiden kecken Herren namens Lusterboden, die sich bevorzugt auf Vespa und Tretboot zum Heurigen bewegen.
Am Freitag sollte man sich unbedingt einen Platz bei Ischia sichern - ein Duo, das den Dream-Pop-Indie-Rock der Achtziger und Neunziger revitalisiert. Übrigens: Beide sind auch bei Endless Wellness musikalisch zugange. Und auch am herrlich scheppernden Twee-Pop-Beat von Rahel führt eigentlich kein Weg vorbei, zumal diese Post-Post-Weimar-Exzentrik noch einen weiteren USP bei ihr darstellt.
Am Samstag wäre da einerseits eine Musikerin mit einem bekannten Nachnamen: Rose May Alaba braucht sich auf selbigen jedoch nicht ausruhen, denn ihr Mix zwischen Pop, Afrobeat, R&B und massig Soul spricht eindeutig für sich. Generell gesprochen: Ihre Musik lädt dazu ein, sich zu bewegen und sich von ihr treiben zu lassen. Und dazu ein Kaltgetränk! Darf man den WM-Hype noch über den Namen “Alaba” hinaus ausdehnen? Dann auf zu Cordoba78, die mit einem “Averna Sour” im Händchen wahrlich die Sonne aus dem Popo strahlen haben.
Tja, und dann bleibt da noch der Sonntag - und kein Weg vorbei an Exit Void, der neuen Supergroup bestehend unter anderem aus Anja Plaschg (Soap&Skin), Manfred Engelmayr (Bulbul) und Alex Kranabetter (Voodoo Jürgens). Was ist da zu erwarten? Musik, die donnert und dröhnt, als hätte man sich intrakardial ein Energy-Koffein-Gemisch gespritzt. Egal ob Bläser, Noise oder Drums: Das ist, wie der sonstige Nörgelknabe Schachinger von Der Standard schrieb, eine “teilimprovisatorisch angelegte Überwältigung” irgendwo zwischen Nine Inch Nails und Diamanda Galás. Wer am diesjährigen Donaufestival in Krems war, weiß bereits Bescheid …
Freilich ist die Brillanz mit den genannten Namen noch lange nicht auserzählt, sie seien nur exemplarisch für die Stilsprünge zwischen Rock und Pop, zwischen Jazz und Noise, zwischen Experimenten und Schubladen gedacht: Gerade der Samstag glänzt mit einer unglaublichen Bandbreite, wenn der exaltierte Expressivismus von Cave Club, die rare Aufführung der neuen Rockoper von Anna Grob (von den Leftovers) und vor allem die Brüllwürfel von Bull Nakano uns in die Nacht lassen. Insane!
Das volle Programm und alle Infos rund um das Popfest (Rahmenprogramme, Talks, 50-Jahre-Arena-Ausstellung, etc. pp.) findet man natürlich auf der offiziellen Website.
Aber natürlich geben auch einige der Bands und Musiker*innen demnächst Konzerte über das Popfest hinaus - hier eine kleine Serviceauswahl:
Marianne Mendt lädt am 1. Dezember ins Wiener Konzerthaus, zu einem musikalisch-literarischen Advent-Programm.
Anna Buchegger spielt u. a. in Tulln ein Tribut für Georg Danzer, am picture on sowie mit lovehead & Ankathie Koi in Gmunden.
Lusterboden spielen nicht nur neben Endless Wellness am Ahoi! Pop in Linz, sondern u. a. auch in Graz, Weiz und Hof!
Massig Soul gibt es am 16. Oktober im WUK: Denn da werden sich Sladek als fesselnder Act erweisen, zu dem man tanzen muss.
Cordoba78 spielen sich auf “Muss ich unbedingt verpassen”-Tour quer durch Österreich, und mit Salò am Most + Jazz.
Die World-Rock-Jazzer Shake Stew spielen mit Gästin Naïssam Jalalauch am dritten Konzertabend vom Glatt&Verkehrt.
Oliver Welter lädt am 17. Dezember in den Wiener Stadtsaal und spielt zwar nicht Naked Lunch, aber: Protest-Heimatlieder!
Anna Grob spielt mit “ihren” Leftovers und dem dritten Album “Es kann sein, dass alles endet” im Herbst in Graz, Wels & Salzburg.