Bild: Fun Facts
Ab Oktober haben kluge Köpfe wie Benedikt Mitmannsgruber und Toxische Pommes bei der neuen Programmschiene “Fun Facts” im Wiener Stadtsaal „Spaß mit Fakten“. Geht sich das aus?
Am Anfang meiner Studienzeit gab einer der Professoren den Studierenden ein zwar simples, aber doch elementares Vehikel mit auf den Bildungsweg: “Sie müssen nicht alles wissen, aber Sie müssen wissen, wo Sie nachschlagen können”, so sein Leitfaden. Und dieser Leitfaden, der hört freilich nicht bei der universitären Bildung auf, sondern ist ab der Geburt auch elementarer Teil des täglichen Lebens, der fortschreitenden Menschwerdung bis zum Tod. Unsere Eltern bringen uns bei, dass eine eingeschaltete Herdplatte heiß ist und bei Hautkontakt schmerzt, in der Volksschule lernen wir, dass eins plus eins zwei ergibt, und sobald eine Leidenschaft, ein Hobby in uns aufkeimt, tauchen wir mittels Mentoren – zumeist ältere Freunde – immer tiefer in die Materie ein. Im Laufe des Lebens erlernen wir so Erquickliches, aber auch Überlebensnotwendiges – etwa, wie man kocht, ein Fahrzeug lenkt oder den Steuerausgleich macht. Und damit sammeln wir Wissen an, Wissen, das unseren Führer durch eine immer kompliziertere Welt darstellt. Durch Erfahrungen und Wissen können wir so Dinge einordnen und daraus unsere zukunftsweisenden Schlüsse ziehen.
Allerdings: Wenngleich Erfahrungen subjektiv und persönlicher Natur sind, so ist das “Wissen” selbst ein schwammiges Unterfangen, denn je nachdem woher wir unser Wissen beziehen – wo wir “nachschlagen”, um im Uni-Sprech zu bleiben – entscheidet über den tatsächlichen Wahrheitsgehalt. Vermutlich muss man weltweit sehr lang suchen, um einen derart versprengten Mathematiker zu finden, der die Gleichung “1+1=2” in Frage stellt – aber es würde mich nicht wundern, wenn demnächst ein Orang-Utan aus dem Oval Office ein entrüstetes “Fake News!” brüllt. Und wem nun Glauben schenken? Dem Mathematiker, der sich dieses Wissen erarbeitet hat (aber dafür vielleicht einem universitären Geheimbund unterliegt), oder dem “Führer der freien Welt”, naturgemäß ein vifer, honorabler Leitwolf? Vielleicht, nur vielleicht hat ja sogar ein einziger Irrer Recht in seinem wahnwitzigen Postulat, denn immerhin hat uns die Geschichte schon oft genug gezeigt: Irren ist menschlich, was gestern noch wahr war, kann morgen auch falsch sein.
“Fake News” also. Wenngleich US-Präsident Donald Trump diese Begrifflichkeit bereits vor einem Jahrzehnt für sich beanspruchte – “I think one of the greatest of all terms I’ve come up with” – sind Falschnachrichten selbstredend schon so alt wie die Menschheitsgeschichte, und werden gezielt verbreitet, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und damit bestimmte politische, soziale oder wirtschaftliche Ziele zu verfolgen.
Waren sie früher noch einfacher zu erkennen und die Kluft zwischen vertrauenswürdigen, gutmeinenden Meinungsbildnern und manipulativen Ränkeschmieden noch größer und damit eindeutiger, ist heute nicht nur diese Kluft geschrumpft, sondern insbesondere dank Künstlicher Intelligenz “wahr” von “falsch” auch nicht mehr so eindeutig zu unterscheiden – dazu benötigt es mittlerweile schon ein gehöriges Maß an Medienkompetenz, weitaus mehr als für “X-Factor”.
Denn “Fake News”, das sind nicht nur etwa Videos von einem frechen Kätzchen, das mitten in der Nacht mit Banjo ins Schlafzimmer einmarschiert, sondern beispielsweise auch Videos von Aufständen: So kursierten 2022/23 im Netz Videos von heftigen Randalen in Berlin-Neukölln. Das Problem: Es zeigte tatsächlich Proteste in Hongkong 2019. Dank rascher viraler Verbreitung und medialer Hysterie ging der Wahrheitsgehalt hier jedoch verlustig. Oder aber auch die Geschichten von Donald Trump aus seinem letzten Wahlkampf, in denen er in den Raum stellte, Einwanderer würden Haustiere verspeisen und Demokraten Babys nach der Geburt hinrichten: Beweise lieferte er dafür keine, aber wer seiner Anhänger fragt da schon genauer nach? Geschichten sind doch lediglich nur “alternative Fakten” – und kein Schwindel, oder? Und wer weiß schon, was diese verlotterten Migranten und Demokraten so treiben, wenn man nicht allzu genau hinschaut, denen ist ja schließlich alles zuzutrauen!
Während das musizierende Kätzchen vielleicht die Omama rätseln lässt, ob sich possierliche Tierchen in den letzten Jahren rasant über-domestiziert haben – damit aber keine sonders große Gefahr anrichten –, sind Beispiele wie die der Riots und aus dem amerikanischen Wahlkampf nicht nur erschreckend realistisch gestaltet und überzeugend transportiert, sondern damit auch überaus brandgefährlich – erzählen sie doch von einer Parallelrealität. Oder wie es “Investigativkabarettist” Florian Scheuba in seinem neuen Buch “Die Welt geht unter, aber mich nichts an” so schön schreibt: Die Wahrheit ist nur eine gesellschaftliche Konstruktion, die von Eliten gesteuert wird – und “Elite” impliziert, dass sie etwas gegen das gemeine Volk haben. Lügen zu verbreiten ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wer nicht vom “System” gekauft ist, muss sich zwangsweise eine alternative Realität – die wahre! – schaffen, ja selbst, wer weiß, wie spät es gerade ist, ordnet sich letztlich doch nur dem Uhren-Regime unter.
Diese zeitgenössische Krux war Ansporn für ein unabhängiges Kollektiv rund um Autor Marc-Uwe Kling ("Die Kanguru-Chroniken"), erst diesen März das Projekt “Fun Facts” ins Leben zu rufen: “Fun Facts” ist eine fünfzehnminütige Show, die in enger Zusammenarbeit mit dem Recherche-Netzwerk Correctiv ("Geheimplan gegen Deutschland") entsteht, ähnlich wie etwa amerikanische Late-Night-Shows vor Publikum aufgezeichnet und täglich von Montag bis Freitag online – also dort, wo “Fake News” zuvörderst grassieren – veröffentlicht wird.
Dieses Projekt will zwei Entwicklungen zusammenbringen: Einerseits müssen der Trendforschung zur Folge heutzutage Nachrichten nicht nur informieren, sondern auch unterhalten, um angenommen zu werden. Andererseits, so scheint es, hat die konservative Berichterstattung – auf gedrucktem Papier, im Röhren-TV und im Rundfunkäther – “an Meter verloren”: Nachrichtenkonsum passiert heute bei einem Gros der mündigen Bevölkerung zwischen Newsfluencern und plakativen Kachel- und Bewegtbildern auf Social Media, denn dort vermischt sich Information und Unterhaltung ganz natürlich.
Der daraus resultierende Ansatz von “Fun Facts”: Sozialpolitisch relevante Fakten einerseits durch Humor, andererseits durch Prominenz zu mehr Reichweite zu verhelfen – denn als Hosts für die monothematischen Folgen setzt man auf bekannte Gesichter, darunter bisher etwa Michael Mittermeier ("Zwei Euro Pfand"), Hazel Brugger ("Was läuft an deutschen Schulen falsch?"), das Lumpenpack ("Warum geben die Menschen in Jamel nicht auf?"), Luksan Wunder ("Warum jetzt im Internet alle haten"), Fiva ("Luxus-Umbau statt Räume für Künstler*innen"), OK Kid ("Warum echte Bands jetzt gegen KI kämpfen") oder Fatoni ("Wer euch bei Konzerttickets wirklich abzockt").
Rein inhaltlich unterscheidet sich “Fun Facts” damit kaum von anderen news-nahen Satire-Formaten wie etwa der auch hierzulande bekannten “Heute Show”, einzigartig wird das Format – abgesehen von seiner Unabhängigkeit – jedoch tatsächlich durch den offline Live-Moment der Aufzeichnung, die zugleich der Tradition des politischen Kabaretts Tribut zollt: Neben etwa der Münchner Lach- und Schieß-Gesellschaft und dem Berliner Mehringhof-Theater findet der im Oktober anlaufende Österreich-Ableger im Wiener Stadtsaal sein neues Zuhause. Dabei zahlt das Publikum gut 20 Euro Eintritt nicht nur für die Aufzeichnung der 15 Minuten “Fun Facts”, sondern auch für den anschließenden Bonus, meist ein spezielles Programm des Hosts oder eine von ihm zumindest mit-kuratierte Comedy-Mixed-Show.
Als Hosts fungieren im Wiener Stadtsaal an den aufeinanderfolgenden Samstagen ab 3. Oktober jeweils ab 11 Uhr Toxische Pommes, Berni Wagner, Florian Scheuba, Barbara Blaha, Benedikt Mitmannsgruber gemeinsam mit Schwesta Ebra, Sonja Pikart, sowie Klaus Oppitz im Doppel mit David Friedrich. Über welche Fakten sie uns aufklären, wird im Vorfeld jedoch leider nicht verraten. Dass im großen Nachbarland Vorstellungen schon Wochen im Voraus ausverkauft sind und sich die “Fun Facts” auch im Netz hoher Beliebtheit erfreuen, spricht jedoch nicht nur für die Idee, sondern auch die kreative Umsetzung: Die einzelnen Programme werden in enger Zusammenarbeit zwischen den jeweiligen Hosts und einem journalistisch-komödiantischem Team hierzulande unter der Leitung von Klaus Oppitz ("Wir sind Kaiser"), Philipp Kaindl ("Gute Nacht Österreich") und David Friedrich (nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Schlagzeuger von Electric Callboy, nun bei Ghostkid) aufbereitet.
Bei all seinem journalistischen Anspruch: Obwohl die bisherigen “Fun Facts” dem Faktencheck im Schnelldurchlauf durchaus standhalten, ist ein gewisses Bias sehr wohl merklich, tragen sowohl die Autor*innen als auch die Hosts ihre progressiv-linke Haltung offen auf dem Revers. So geraten die “Fun Facts” eindeutig zu Meinungsbeiträgen, nicht selten sogar verknüpft mit aktivistischen Aufrufen – und damit nicht allzu weit entfernt von Glossen oder Kommentaren in einer Zeitung.
“Fun Facts” ist somit sicherlich nicht der “Journalismus der Zukunft” und wird wohl kaum den Falter, den Standard, den ORF oder ein anderes vergleichbares Medium ersetzen oder innert der Bubble groß zu einer Neugewinnung von Wissen beitragen: Aber in der Co-Existenz ist “Fun Facts” für die eigene Blase sicherlich der Mehrwert anheim, die Gegenwart zwar ernst zu nehmen, aber das mit einer gewissen Leichtigkeit. Denn: “Ich halte Satire für eine journalistische Kategorie”, betont Oppitz. Und die riesengroße Chance von “Fun Facts” ist es tatsächlich, ein Thema nicht eben nur nüchtern zu betrachten – Falter, Standard, ORF, et.al. – sondern in allen möglichen Blickwinkeln “von vorne bis hinten durchzudeklinieren”. Insbesondere, weil Oppitz gerade in Österreich “ein riesiges Informationsbedürfnis” verortet – die frühkindliche “Warum”-Phase findet hierzulande kaum ein Ende.
Ob “Fun Facts” mit seinem hehren Ansatz, Fakten auch im Netz vermehrt zu verankern und insbesondere außerhalb der eigenen Blase, also fernab der Menschen, die sich ohnehin schon mit der sozialpolitischen Stoßrichtung “linksliberal” identifizieren, ein Umdenken oder Reflektieren erwirken kann, wird sich zeigen: Mühsam ernährt sich nicht nur das Eichhörnchen, sondern auch die Demokratie. Und im “schlimmsten” Fall stößt “Fun Facts” lediglich in der eigenen Echokammer einen konstruktiven Diskurs an, der einerseits eine Varianz an Sichtweisen offenbart und bei aller nachvollziehbaren Ernsthaftigkeit den Frohsinn in die Welt hinaus trägt: Am Ende eines jeden Tunnels ist Licht.
Abgesehen von “Fun Facts” ist Toxische Pommes aktuell mit ihrem zweiten Programm “Wunschlos unglücklich” in Krems, Baden, Tulln, Graz und Wien auf der Bühne zu erleben [mehr Informationen], Berni Wagner tourt mit seinem “Monster” quer durch Österreich und steht bei “Evolution” auf der Bühne im Wiener Rabenhof Theater [mehr Informationen]. Florian Scheuba präsentiert sein neues Buch “Die Welt geht unter, aber mich nichts an” im Wiener Rabenhof, unterhält sich hauptsächlich in Wien mit Falter-Chefredakteur Florian Klenk und wünscht ebenfalls in ganz Österreich “schönen guten Abend” [mehr Informationen]. Barbara Plaha präsentiert ihr aktuelles Programm “Funkenschwestern” ebenfalls in ganz Österreich, lädt aber auch mit Willi Mernyi am 11. Jänner zu einem Jahresrückblick in die Kulisse und am 31. Jänner in den Wiener Stadtsaal [mehr Informationen]. Auch Benedikt Mitmannsgruber ist mit seinem aktuellen Programm “1996” quer durchs Land unterwegs [mehr Informationen], wie auch Sonja Pikart mit “Stark” [mehr Informationen] und Klaus Oppitz mit “Saugfrast”, wobei letzgenannter am 27. November in Winden am Neusiedler See gemeinsam mit Caroline Athanasiadis auch die “Kinderlinder aus der Hölle” präsentiert [mehr Informationen].