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Kabarett & Comedy

Sonja Pikart ist (nicht nur) "stark"

08.09.2026 von Hannes Kropik

In ihrem neuen Programm “Stark” beobachtet Sonja Pikart machthungrige Männer, die sich den Planeten einverleiben, übermotivierte High-Performer im Fitnesscenter und Helden, die nie welche waren. Im folgenden Interview erzählt sie, wie sie selbst eskaliert, welche extremsportliche Höchstleistung sie zum roten Faden ihres Programms macht – und warum sie trotz allem das Spiel der Leistungsgesellschaft mitspielt.

Sonja Pikart ist gebürtige Deutsche und entdeckte erst nach dem Studium der Humanbiologie (mit einer Diplomarbeit über die Detektion von ADAM-Proteinen in menschlichen Gehirntumoren) ihre Liebe zur Bühne. Sie übersiedelte nach Wien und absolvierte am MUK, der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, ein Schauspiel-Studium, das sie 2013 mit Bachelor of Arts abschloss. 2015 gewann sie den Kleinkunstpreis “Neulingsnagel” des Theaters am Alsergrund, weitere Auszeichnungen wie der Österreichische Kabarettpreis (2024) und der Salzburger Stier (2026) folgten. Ihr erstes Solo-Programm “Gluten Abend!” brachte Sonja Pikart, die Ende Oktober ihren 42. Geburtstag feiert, 2016 auf die Bühne. Am 23. September feiert ihr fünftes Solo-Programm “Stark” im Wiener Kabarett Niedermair Premiere.

Liebe Sonja, ich habe einen Verdacht: Es geht in “Stark” gar nicht nur um Stärke …

Richtig, hauptsächlich geht es um Schwäche (lacht).

Wie bist du auf dieses Thema für dein Solo-Programm gekommen?

Ich finde es bemerkenswert, wie wir alle dauernd versuchen, ein Bild von Stärke zu vermitteln – und zwar nicht nur körperlich, sondern auch mental. Ich habe das Gefühl, wir halten an einem alten Gesellschaftsbild fest, und niemand lässt Schwäche zu. Über Schwächen wird gar nicht geredet – und das wollte ich mir mal genauer anschauen. 

Am Plakat zum Programm trägst du eine Action-Figur von dir selbst am Rücken.

In einer der größeren Nummern in “Stark” beschäftige ich mich mit den aktuell so beliebten Extremsport-Dokumentationen, von denen es auf Netflix gefühlt jeden Tag eine neue gibt. Für mich ist es spannend zu sehen, dass diese Menschen so gefeiert werden, als wären sie echte Helden. Das ist sogar so etwas wie das Grundthema des Programms: Ich mache eine Extremsport-Dokumentation über mich selbst – und dabei geht natürlich einiges schief…

Welche extremsportliche Leistung dokumentierst du?

Eine, die ich tatsächlich aus dem Leben gegriffen habe. Ich renne ja selbst wie blöde ins Fitnesscenter und habe tatsächlich ein Jahr lang versucht, einen Klimmzug zu schaffen. Ohne zu viel zu verraten: Er ist mir letztendlich gelungen!

Nicht, dass ich es selbst könnte, aber: Was ist so schwierig an einem einzigen Klimmzug?

Das dachte ich ursprünglich auch: Was soll schon sein? Ich trainiere das drei Monate und dann ist es erledigt. Weit gefehlt! Warum Klimmzüge gerade für Frauen so schwierig sind, weiß ich nicht genau; es hat vielleicht etwas mit unserer Muskulatur zu tun, die für diese Bewegung nicht ausgelegt ist. Wenn man noch dazu eine so große Frau ist wie ich mit meinen 1,76 Metern, wird es noch schwieriger. Trotzdem habe ich nicht aufgegeben, bis ich es geschafft habe.

Bist du ein ehrgeiziger Mensch?

Ja, ich bin wahnsinnig ehrgeizig. Ich würde das aber nicht nur als positive Eigenschaft bezeichnen. Durch übertriebenen Ehrgeiz verrennt man sich schnell in einer Aufgabe. Manchmal kommen Erfolge eher daher, dass man Fünfe mal gerade sein lässt. Ich muss bewusst darauf achten, mir zwischendurch Phasen der Erholung zu gönnen. Aber ich bin wie so viele andere ein Opfer dieser Leistungsgesellschaft und spiele dieses Spiel teilweise mit, ohne dass ich es merke. Umso interessanter finde ich es, dieses eigene Verhalten zu hinterfragen und zu überlegen, ob das denn alles überhaupt richtig ist.

Woher kommt dein Ehrgeiz?

Ach, ich glaube, das ist einfach, wie unsere Gesellschaft immer noch aufgebaut ist. Ich bin ein Kind der 1990er-Jahre. Meiner Generation wurde vermittelt: Du musst in allem die Beste sein, du musst dich durchkämpfen, durchbeißen, zusammenreißen. Ich merke, dass viele Menschen in meinem Alter mit diesem Thema ihre Probleme haben. Aber es ist unglaublich schwierig, sich von diesem Denken zu lösen, weil wir es richtig internalisiert haben.

Unsere Gesellschaft ist auf einem Prinzip der Stärke aufgebaut. Aber glaubst du nicht, dass da schön langsam ein wenig Bewegung hineinkommt?

Natürlich, Gott sei Dank! Durch diese neue feministische Welle hat sich in den vergangenen Jahren glücklicherweise einiges getan. Männer können mehr Schwäche zeigen, was ich für eine sehr positive Entwicklung halte. Aber nicht nur ich: Mir wird öfters von Männern bestätigt, dass es angenehm ist, nicht immer die harte Sau sein zu müssen. Wobei ich glaube, dass das ein Bubble-Phänomen ist.

Inwiefern?

In progressiven Kreisen dürfen Männer schwach sein. Gesamtgesellschaftlich ist Stärke aber weiterhin männlich konnotiert. Die meisten Staaten werden von vermeintlich starken Männern angeführt. Und wenn du dir die vielen Kriege anschaust, die es gerade an allen Ecken und Enden gibt, so sind die doch alle aus diesem verqueren Verständnis von Stärke heraus entstanden. Darüber denke ich auch auf der Bühne nach: Warum man Stärke weniger aus Zusammenhalt und Gemeinschaft zieht, sondern vor allem aus Blockade und Abgrenzung. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was die Zukunft bringt.

Laut Pressetext zu deinem neuen Programm beobachtest du “wie ‘starke’ Männer sich in ihrem Machthunger den Planeten einverleiben”.

Ich finde es sehr interessant, dass gerade dieser eine Satz von den Medien in Interviews am häufigsten aufgegriffen wird. Dabei will ich niemanden anprangern. Im Gegenteil: Das Programm soll eine Ermutigung sein, Stärken und Schwächen in sich selbst zu suchen – und vielleicht mal ein bisschen mit sich selbst und seinem Verhalten ins Gericht zu gehen.

Willst du mit deinem Programm eher Männer oder eher Frauen ansprechen?

Ich will alle ansprechen. Ich glaube nämlich, dass den wenigsten bewusst ist, wie sehr der Leistungsgedanke in ihnen verankert ist. Und wie leicht sie sich deshalb auseinanderdividieren lassen. Schau dir die Debatte um die Teilzeitarbeit an! Das war doch nie ein Problem – aber plötzlich wird darüber diskutiert, ob Menschen, die in Teilzeit beschäftigt sind, sich nicht einfach nur ausrasten, während andere so viel härter arbeiten. Das führt eben dazu, dass die Gesellschaft gespalten wird. Dabei glaube ich, dass gesellschaftliche Stärke nur durch Zusammenhalt entstehen kann.

Kein einfaches Thema – aber gesellschaftlich sehr relevant. Wie schaffst du es, unterhaltsam zu bleiben und nicht permanent den Zeigefinger moralisch drohend zu erheben?

Es liegt ja auch eine sehr große Komik in diesem Thema. Ich musste zum Beispiel vergangenes Jahr ein Belastungs-EKG machen – und bin dabei vollkommen eskaliert. Ich habe komplett die Kontrolle verloren! Die Frau hat gesagt: “Sie können jetzt aufhören”, und ich so: “Nein, ich höre jetzt nicht auf. Ich strample weiter, bis das Ding kaputtgeht!” Als ich vom Rad abgestiegen bin, dachte ich mir: “Sonja, was war das denn?” Dieser Leistungsgedanke lässt uns echt absurde Sachen machen …

In deiner Biografie gibt es einen erstaunlichen Bruch: Bevor du nach Österreich gekommen bist, um in Wien eine Schauspielausbildung zu beginnen, hast du daheim in Deutschland das Studium der Humanbiologie abgeschlossen. Wie stark musstest du damals im Kopf sein, um so eine Entscheidung zu treffen?

Das war natürlich unglaublich schwierig. Ich finde die Biologie des Menschen immer noch sehr faszinierend. Aber ich habe mich einfach nicht in der Forschung gesehen; ich wollte nicht jahrelang im Labor über irgendeinem Protein herumbrüten, um dann herauszufinden, dass es nicht krebserregend ist. Klar, das ist auch sehr wichtig. Aber nach dem Studium ist mir bewusst geworden: Ich muss etwas anderes machen. 

Hast du den Schritt je bereut?

Ich komme aus einem kleinen Dorf, in dem man an eine künstlerische Karriere in einer Großstadt nicht einmal denken konnte. Deshalb waren meine Familie und mein ganzes Umfeld anfangs sehr skeptisch – aber trotz allem war es die beste Entscheidung meines Lebens.

Zumal du längst an der Spitze angekommen bist. Du hast 2024 den Österreichischen Kabarettpreis gewonnen, heuer bist du mit dem renommierten Salzburger Stier ausgezeichnet worden. Was bedeuten dir solche Preise?

Es macht mich stolz und unheimlich glücklich, solche Preise zu gewinnen. Und es ist ein wunderschönes Gefühl zu wissen, dass man nicht nur beim Publikum gut ankommt, sondern auch bei den Leuten in der Kabarett-Branche.

Dein Kollege Hosea Ratschiller hat dich bei deinem Auftritt im Rahmen der “Prater-Sterne” als “herausragende Vertreterin der mühelosen Symbiose von Satire und Stand-up” angekündigt. Ist das eine Kategorisierung, mit der du dich wohlfühlst? 

Ich finde, das hat Hosea sehr schön formuliert. Mich irritieren diese Genre-Grenzen ein bisschen, und diesen Kampf zwischen Comedy und Kabarett, den finde ich sowieso lächerlich. Wir unterscheiden uns vielleicht darin, wie wir Komik auf der Bühne darstellen. Aber wir gehören doch alle zusammen, und es gibt so viele schöne Übergänge und Symbiosen zwischen Stand-up-Comedy und Kabarett.

Du suchst gern die Abwechslung und spielst hin und wieder Abende mit Kolleginnen und Kollegen (Anm.: “Ghöst” mit Berni Wagner und Christoph Fritz wurde 2024 mit dem “Programmpreis des Österreichischen Kabarettpreises” ausgezeichnet). Was findest du in solchen Kooperationen, was dir ein Solo-Programm nicht bieten kann?

Der Beruf der Solokabarettistin ist relativ einsam. Vor allem auf Tournee: Du sitzt allein im Zug, du machst allein deinen Soundcheck, spielst allein dein Programm und kommst dann allein zurück in dein kaltes Hotelzimmer. Dazu kommt, dass du auch schöne Erlebnisse mit niemandem teilen kannst. Schon allein fürs Sozialleben ist es gut, sich mit anderen Leuten zusammenzutun. Aus künstlerischer Sicht kannst du aber ebenfalls einen Nutzen daraus ziehen, weil du dich weiterentwickelst und damit besser wirst in dem, was du tust.

Wie, zum Beispiel?

Ich werde ab Februar eine Late-Night-Show mit Magdalena Leeb spielen. Wir werden sehr viel improvisieren – was eigentlich überhaupt nicht mein Steckenpferd ist. Aber ich habe riesige Lust darauf, wieder einmal etwas anderes zu machen und mich selbst herauszufordern.

Sind wir da wieder beim Ehrgeiz und bei der Stärke? Dass man sich als Künstlerin ständig weiterentwickeln und besser werden will?

Absolut! Ich bin auch immer noch vor jedem Auftritt nervös. Vor jeder Premiere sowieso. Weil ich mir jedes Mal denke: “Hoffentlich habe ich mich mit diesem Stück wieder selbst übertroffen!”


Live-Termine


Sonja Pikart - "Stark"

01. Oktober 2026 | Tulln, Danubium
08. Oktober 2026 | Linz, Posthof
09. Oktober 2026 | Wien, Kabarett Niedermair
16. Oktober 2026 | Salzburg, kleines theater
22. Oktober 2026 | Wagna, Josef-Baumann-Saal
28. Oktober 2026 | Wien, Kulisse
05. November 2026 | Wien, Kabarett Niedermair
26. November 2026 | Wien, Kabarett Niedermair
06. Dezember 2026 | Wien, Kulisse
17. Dezember 2026 | Wien, Kabarett Niedermair
20. Februar 2027 | Wien, Kulisse
26. Februar 2027 | Hofkirchen im Mühlkreis, Pfarrheim


Infos auf dem Stand vom 08.09.2026  

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