Bild: Ingo Pertramer
Robert Palfrader kehrt mit seinem “Testament” auf die Kabarettbühnen zurück. In seinem neuen Solo-Programm soll der Wiener eine Grabrede halten und erkennt, dass man Erinnerungen nicht wirklich trauen kann. Im folgenden Gespräch über das Leben, den Tod und den ganzen Rest wird klar: Wir sollten uns nicht immer ganz so wichtig nehmen.
Seine Karriere begann 2003 mit der TV-Serie “Echt fett”. Kultstatus erlangte der Wiener, der im November seinen 58. Geburtstag feiert, ab 2007 als Kaiser Robert Heinrich I. in der Satireshow “Wir sind Kaiser”. Der frühere Gastronom entwickelte sich zu einem der gefragtesten Schauspieler, sowohl vor der Kamera ("Braunschlag", “Altes Geld”, “Totenfrau”) als auch auf der Theaterbühne ("Geschichten aus dem Wiener Wald"); seit 2024 moderiert er gemeinsam mit dem Journalisten Thomas Hangweyer wöchentlich den Podcast “Hangweyer & Palfrader”. Neben der fortlaufenden Comedyshow “Wir Staatskünstler” (mit Thomas Maurer und Florian Scheuba) debütierte Robert Palfrader 2018 mit “Allein” als Solo-Kabarettist. Sein zweites Programm “Testament” feiert am 8. Oktober im Wiener Stadtsaal Österreich-Premiere.
Die Idee dahinter ist recht einfach: Man soll das Sterben nicht zu ernst nehmen. Es wird jeden erwischen, niemand kommt hier lebend raus.
Der Ausgangspunkt war ein sehr privater. Ich bin nämlich draufgekommen, dass wenn dieses Programm im Oktober Premiere feiert, ich nur noch knapp drei Jahre jünger sein werde, als es mein Vater bei seinem Tod war. Und dann ist mir eingefallen: Mein Vater hat damals kein Testament hinterlassen. Überhaupt hat in meiner Familie nie jemand ein Testament hinterlassen – wahrscheinlich, weil es sich nicht ausgezahlt hätte. So ein Testament kostet ja mehr als alles, was es zu erben gegeben hätte. (hält kurz inne) Ich komm gerade drauf, dass ich selbst auch noch kein Testament aufgesetzt habe.
Mein Vater war ein außergewöhnlicher Mensch und hat eine riesige Rolle in meinem Leben gespielt. Aber das Programm handelt nicht von ihm. Die Klammer des Abends ist, dass ein – zum Glück fiktiver – Freund verstorben ist und mir seine Erinnerungen vermacht hat. Mit der Auflage, dass ich seine Grabrede halte.
Ich erzähle unsere gemeinsame Geschichte – und erkenne, dass ich mich an unsere Kindheit, unsere Freundschaft, das Erwachsenwerden ganz anders erinnere als er. Im Zuge der Recherchen zu diesem Programm habe ich mich näher damit beschäftigt, wie unser Gehirn mit Erinnerungen umgeht. Und habe ein paar sehr spannende Sachen gelernt.
Darauf werde ich auf der Bühne eh eingehen: Jedes Mal, wenn wir uns an etwas erinnern, verändert sich diese Erinnerung ein bisschen – weil in unserem Hirn jedes Mal neue neuronale Verbindungen aufgebaut werden und neue Assoziationen entstehen. Und das bedeutet letztendlich, dass unsere Erinnerungen wahnsinnig trügerisch sind und wir uns eigentlich nicht wirklich auf sie verlassen können.
Viel. Sehr viel. Es bedeutet zum Beispiel, dass wir damit beginnen sollten, uns selbst nicht für so leiwand zu halten, wie wir glauben zu sein. Und es bedeutet, dass wir uns hin und wieder hinterfragen und nicht ganz so wichtig nehmen sollten. Vielleicht wäre es dann möglich, ein bisserl entspannter durchs Leben zu gehen und mit anderen Menschen ein bisserl respektvoller umzugehen.
Es ist einer der Kerngedanken des Abends: Viel bleibt nicht über von so einem Leben. Das Einzige, was wirklich bleibt, sind die Erinnerungen der Menschen, die dich geliebt haben. Aber die verlieren sich, auch wenn diese Menschen dann sterben.
Aber geh, nicht einmal von Künstlern bleibt etwas – wenn du nicht gerade ein Mozart oder ein Picasso bist. Ich geb dir ein Beispiel.
Mein großer Held war immer der Helmut Qualtinger. Man sucht sich im Leben ja unerreichbare Vorbilder, denen man nie das Wasser reichen wird können – um selbst so groß wie möglich zu werden. Meinen Kindern bin ich mit Qualtinger bis zum Geht-nicht-mehr auf die Nerven gegangen. Ich habe ihnen seine Filme gezeigt, seine Platten vorgespielt, seine Texte vorgelesen. Immer und immer wieder! Und deshalb kennen die beiden den Qualtinger. In ihrer Generation sind sie jedoch schon eine große Ausnahme. Aber in ein paar Jahren wird außer ein paar Nerds niemand mehr wissen, wer der Qualtinger war; geschweige denn der Palfrader …
Gute Frage! Tatsächlich habe ich einen Weg gefunden, wie man dank eines Testaments auf sehr subtile Art und Weise ein Teil des Lebens aller Lebenden sein kann.
Ja. Aber nicht hier. Da musst du dir schon mein neues Programm anschauen.
Ich habe natürlich ein paar ganz persönliche Erinnerungen an meine Kindheit und an meine Schulzeit verarbeitet. Und damit auch an Menschen, mit denen ich meine Kindheit und Schulzeit verbracht habe. Es muss niemand Angst haben, dass man sie oder ihn erkennt – aber ich bin neugierig, ob sie sich selbst vielleicht erkennen können.
Ich habe mir im Rückblick vor allem gedacht, wie großartig die gesellschaftlichen Veränderungen seit meiner Kindheit waren. Ich bin damals schon in die Volksschule gegangen, aber meine Mutter hätte ohne schriftliche Genehmigung meines Vaters kein Bankkonto eröffnen dürfen. Das muss man sich einmal vorstellen! Alle, die sich jetzt über all diese gesellschaftlichen Veränderungen aufregen, sollen sich überlegen, wie scheiße es früher war. Und gegen welche Widerstände all diese Veränderungen, die wir heute als vernünftig und selbstverständlich erachten, durchgesetzt werden mussten.
Diese Errungenschaften, die uns als Gesellschaft erlaubt haben, zu wachsen und besser zu werden, sind uns nicht kampflos zugefallen. Es gab ja immer Interessen, die solche Entwicklungen verhindern wollten. Ich zitiere gern einen Satz, der leider nicht von mir ist: “Tradition ist sozialer Druck von toten Menschen.” Wobei ich Traditionen nicht per se ablehne. Sie können etwas Wunderschönes sein. Sie können aber auch ein irrsinniger Hemmschuh sein, eine Last, die die dich nach unten zieht.
Ich nähere mich dem Thema natürlich humoristisch an. Die Wahrheit ist: Ich war 15, als mein bester Freund vollkommen überraschend gestorben ist. Und seitdem nehme ich den Tod nicht mehr ernst. Ich kann ihn nicht ernst nehmen. Würde ihn ernst nehmen, würde ich zerbrechen.
Na sicher! Dazu kommt, dass ich Atheist bin. Für mich zählt ausschließlich das Leben, und nicht die Zeit danach. In meiner Welt gibt es keine Zeit danach. Es hat etwas Befreiendes, Atheist zu sein. Aber gleichzeitig beraubt man sich einer wunderschönen Vorstellung, dass da später noch irgendwas sein wird …
Nein, der Text war zu diesem Zeitpunkt längst fertig. Aber natürlich hat dieses kleine medizinische Problem ein paar Sachen in mir ausgelöst, über die ich nachdenken musste. Und ich habe in weiterer Folge ein paar Dinge überdacht und neu bewertet.
Ich arbeite wahnsinnig gern. Und ich arbeite auch sehr gern sehr hart. Es war für mich nie ein Problem, viel zu arbeiten. Aber ich habe mir die Frage gestellt: Was will ich noch machen in meinem Leben? Womit würde ich mich gern beschäftigen, was würde mir Freude machen?
Ja. Die Arbeit an meinem ersten Roman habe ich sehr gemocht. Ich werde mich also hinsetzen und mein zweites Buch in Angriff nehmen. Ein komplett anderes Thema, komplett anderer Stil. Schauen wir mal, ob mir die Übung gelingt.