Bild: Ela Angerer
In seinem Solo-Debüt "Saugfrast" stellt sich der Oberösterreicher Klaus Oppitz die Frage: Bringt uns gutes Benehmen irgendetwas?
“Saugfrast”, also: Das ist, süddeutsch gesprochen, ein hinterfotziger Mensch, der nicht immer unbedingt die besten Absichten für sein Umfeld hat – dafür für sich selbst. Alles in allem ist das nicht wirklich ein Kompliment, aber wenn man in die Weltgeschichte (oder aber auch in das nähere Umfeld) blickt, fällt auf, dass es gerade solche Personen oftmals leichter im Leben haben, weiterkommen als die, die nicht mit Ellbogen durchs Leben stapfen.
Dies fiel auch Klaus Oppitz auf: Der oberösterreichische Kabarettist und Autor war nämlich unter anderem 12 Jahre lang für das Buch der ORF-Satire “Wir sind Kaiser” mit Robert Palfrader verantwortlich – und bekanntlich war „der Kaiser“ schon ein ziemliches Gfrastsackl, während er jedoch stets von seinen untergebenen Gästen das Bravsein einforderte. Und nicht zuletzt widmet er sich seit vergangenem Jahr gemeinsam mit „Kernölamazone“ Caroline Athanasiadis im gemeinsamen Programm „Kinderlieder aus der Hölle“ dem insbesondere archaischen Kinderlied- und Märchengut – da kam die Frage auf: Was lernen Kinder eigentlich so früh in ihrem Heranwachsen in Punkto Zwischenmenschlichkeit, wenn dem Daumenlutscher im “Struwwelpeter” gar die Finger abgeschnitten werden, und sich im Schlaflied „Guten Abend, gut Nacht“ nicht einmal Gott entscheiden kann, ob du am nächsten Morgen wieder erwachst?
Dieses breite Spannungsfeld wird in “Saugfrast” reflektiert: Oppitz selbst wurde kreuzbrav erzogen – aber nun, im fortgeschrittenen Alter, möchte er den Klosterschüler hinter sich lassen und endlich mal weiter kommen im Leben. Ob das tatsächlich so eine gute Idee ist? Das erfahren wir ab der Premiere von “Saugfrast” am 10. März in der Kulisse in ganz Österreich.
Grüß Gott! Servus!
Es ist beides, ich arbeite mich am Bravsein und am Schlimmsein ab, stelle sie gegenüber und schaue mir an, was einem in Leben wirklich weiterbringt. Ich verrate so viel: Keines von beidem. Aber was einem wirklich weiterbringt, ist der Mut - der Mut, wenn man sich Sachen traut, sie ausprobiert und man auch den Mut hat, zu scheitern.
(lacht) Nein. Aber ich hoffe, das Publikum wird sich wiedererkennen, weil wir alle in einer Generation sehr ähnlich erzogen wurden, glaube ich: Zur Höflichkeit, zur Nettigkeit, dazu, nicht aufzufallen. In meiner Generation war es ja noch üblich, in seinem eigenen Biotop zu bleiben – bei mir war es so, dass mein Großvater den Wunsch hatte, dass ich wie mein Vater Anwalt werden sollte und seine Kanzlei übernehmen. Zum Glück habe ich das nicht gemacht, weil ich wäre sicher ein lausiger Anwalt geworden (lacht).
Es war eine sehr große und bürgerliche Familie – alle sehr nett, aber dass ich einen kreativen Weg einschlage, das war nicht selbstverständlich. Sie hatten schon den Reflex, dass ich ein Sozialfall werde, denn sie irgendwie durchbringen müssen. Wobei mich meine Mutter stark beeinflusst hat, sie ist Schriftstellerin – das hat mich viel mehr fasziniert als die anderen Berufe in meiner Akademikerfamilie, all die Ärzte und Anwälte.
Da habe ich tatsächlich ein Trauma: Mein Horrorlied ist “Guten Abend, gut Nacht”. Da gibt es diese tolle Zeile: “Morgen früh, so Gott will, wirst du wieder geweckt.” Schon als Kind habe ich mir gedacht, wenn ich so ferngesteuert bin, dass Gott entscheiden kann, ob ich morgen wieder aufwache, ist das schon ein bisschen kritisch. Caroline und ich haben auch die Märchen der Gebrüder Grimm unter die Lupe genommen – insbesondere das Frauenbild, das aus heutiger Sicht skurril ist. Ich hatte zum Beispiel nicht mehr am Schirm, dass bei “Hänsel und Gretel” eigentlich ganz klassisch die Stiefmutter auf die Idee kommt, die Kinder im Wald auszusetzen – der Vater muss es dann nur tatsächlich auch tun. Am Ende des Märchens wird sie dann mit einem einzigen Satz abserviert – so im Sinne: “Die Frau war gestorben und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.”
Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Da steckt sehr viel schwarze Pädagogik drinnen, sehr viel Drohungen, was dir als Kind passieren kann. Im neuen Programm habe ich zum Beispiel auch eine Passage über den Struwwelpeter und den Daumenlutscher Konrad, dem die Daumen abgeschnitten werden, drinnen – den kennen ja wirklich alle. Das ist ziemlich hart, aber auch ein kollektives Bewusstsein.
Ich bin ja noch dazu in Oberösterreich aufgewachsen, also relativ am Land. In der Volksschule war es üblich, dass immer, wenn ein Erwachsener den Raum betrat, wir aufstehen und im Chor “Grüß Gott!” sagen mussten. Das klingt schon ein bisschen nach Nordkorea. Ich hoffe, diese kollektive Autoritätshörigkeit hat sich verschoben (lacht). Allerdings hoffe ich, dass auch Kinder heute einen Tick anders erzogen werden (lacht) – weil da war schon eine gewisse Form der Unterwürfigkeit dahinter.
Ich glaube, das wandelt sich gerade in Unzufriedenheit. Wir befinden uns in einer Wirtschaftskrise, es herrscht das kollektive Empfinden, dass die Politik nichts dagegen tun. Ich würde das zwar nicht gänzlich so unterschreiben wollen, aber ich glaube, man verzeiht den Mächtigen weniger und weniger. Was ich aber schon feststelle ist, dass es eine gewisse Bewunderung gibt, eine Sehnsucht, auch einmal über die Stränge schlagen zu können und zu dürfen. Auch um diesen Neid geht’s in meinem Programm.
Wir haben diese Sendungen nachmittags vor der Aufzeichnung immer geprobt. Robert Palfrader saß da immer schon auf seinem Thron, aber die Gäste waren natürlich noch nicht da – einmal bin ich in die Rolle des Strohkandidaten geschlüpft und habe am Gästesessel Platz genommen. Da war ich wirklich verblüfft: Ich kenne Robert Palfrader zwar ewig, aber allein der Höhenunterschied, wenn der “Kaiser” auf dich herabschaut, hat unglaublich viel ausgemacht! Das flößt Respekt ein.
Ich glaube, wir brauchen ein gewisses Maß an Anstand, um miteinander umgehen zu können. Aber ich habe schon festgestellt, nicht unsichtbar zu sein und sich immer wieder Dinge zu trauen, bringt einen weiter, als angepasst durchs Leben zu gehen. Gerade wenn du in größeren Arbeitsgefügen, in Hierarchien unterwegs bist, musst du dich hin und wieder auf die Füße stellen, weil du sonst übersehen wirst. Ein Ellbogen gehört schon dazu, aber mit einer sozialen Balance, dass man andere nicht aus dem Feld schuppst. Die Stimme zu erheben, sich behaupten, für eigene Ideen einstehen, ist wichtig.
Gar nicht, es ist wahnsinnig kollegial – und man gönnt sich auch gegenseitig die Erfolge. Das habe ich gerade erst erlebt, weil “Saugfrast” mein erstes Soloprogramm ist. Ich stehe zwar schon mehrere Jahre gemeinsam mit Michael Nikbakhsh und jetzt mit Caroline Athanasiadis auf der Bühne, aber alleine 90 Minuten auf der Bühne zu stehen, das ist dann schon etwas anderes. Deswegen habe ich mein Programm mehreren Kollegen und Kolleginnen aus der Branche vorgespielt, um ein Feedback zu bekommen, was du im Duo automatisch hast. Alle – die Nadja Maleh, natürlich die Caroline Athanasiadis aber auch Der Kuseng, der meine Regie macht – haben sich Zeit dafür genommen.
Ja, aber das empfinde ich gar nicht als so ungesund – solange es nicht zum Schaden anderer geht. Meine Mutter zum Beispiel konnte in ihrer Generation als einzigen akademischen Weg den einer Lehrerin einschlagen. Sie hätte aber viel lieber Germanistik studiert, sie ist mit Leib und Seele Schriftstellerin und schreibt wirklich tolle experimentelle Lyrik. Aber sie musste erst einmal ihr Berufsleben als Lehrerin fristen, weil alles andere undenkbar war. Dass da Dinge aufbrechen, ist schon ein riesiger Fortschritt. Allerdings erlebe ich es teilweise noch am Land, dass es immer noch diese konservativen Strukturen gibt – aufgeweichter als früher, aber ich kenne auch junge Paare, wo diese Trennung zwischen Beruf und Haushalt immer noch existiert.
Genau, das ist ein neuer Konservativismus, der eindringt. Dabei sind diese Influencerinnen in Wahrheit alle erfolgreiche Unternehmerinnen – also das Konstrukt eine einzige Lüge. Ich weiß nicht, wieso dieses Rollenbild nun wieder so stark auftaucht, ob das mit einem Wunsch nach Sicherheit, einer Sehnsucht nach etwas Simpleren zu tun hat.
Es ist eine düstere Theorie, aber vielleicht, weil das mit einem gewissen Gefühl an Freiheit einhergeht. Ich habe im ersten Teil meines Programms eine Kunstfigur, die sehr brav und angepasst ist. Sie empfindet sich dann für den zweiten Teil des Programms neu und tritt dann als Saugfrast in Erscheinung, das sich alles erlaubt. Da merke ich an mir selbst schon, dass das etwas sehr Lustvolles hat, diese Rolle, in der man tun und lassen kann, was man will zu spielen.
Ich glaube, wir kommen dem nicht aus – weil wir eine sehr egoistische Spezies sind. In Wahrheit sind wir uns alle selbst am nächsten.
Wir brauchen die Moral, um zu überleben – ansonsten machen wir viel kaputt. Das bekommen wir in der Weltgeschichte ja gerade auch überall mit: dem Planeten geht es nicht wahnsinnig gut. Tatsächlich bin ich ja schon längst aus der Kirche ausgetreten, aber mein Vater hat jahrelang die Kirchensteuer weiter für mich bezahlt – keine Ahnung, wie das genau gelaufen ist. Jedenfalls bin ich irgendwann einmal draufgekommen und wollte dann wirklich aus der Kirche austreten, aber man hat mich versucht, vom Gegenteil zu überzeugen – weil ohne die Kirche hätte ich ja keinen moralischen Kompass. Aber ganz ehrlich: Wenn ich einen Gott brauche, der mich straft, wenn ich mich nicht gebührlich verhalte, dann mache ich etwas falsch (lacht).
Ich bin selbst nicht religiös, aber ich akzeptiere, dass anderen Menschen die Religion hilft – vielleicht auch, um mit der eigenen Endlichkeit umgehen zu können, vielleicht sogar tatsächlich als moralischen Kompass. Ich sehe es nur dann sehr kritisch, wenn andere in Mitleidenschaft gezogen werden – wenn über die Religion beispielsweise ein bestimmtes Frauenbild vermittelt wird. Das muss jetzt jedoch nicht nur der Islam sein, weil das habe ich in der katholischen Kirche auch schon erlebt. Ich möchte der Menschheit Religion aber nicht absprechen, das wäre zudem illusorisch.
In meinem Programm habe ich auch eine Szene über meine ehemalige Religionslehrerin drinnen, die uns vermittelt hat, dass wenn wir brav sind, wir im Jenseits unseren Körper behalten dürfen. Und das vor einer Gruppe an heranwachsenden Volksschulkindern (lacht)! Das war schon ein fatales Signal – es hat mich zwar nicht nachhaltig traumatisiert, aber es ist für mich interessant, mich jetzt im Rahmen vom Programm an so biographischen Skurrilitäten auch abzuarbeiten.
Ich finde vor allem dieses “Grüß Gott!” sehr faszinierend: Du begrüßt jemanden, indem du ihm eine völlig schwachsinnige Anweisung gibst. Und wer antwortet auf dieses “Wie geht’s dir?” schon ehrlich? Und wenn du einmal ehrlich antwortest, dann herrscht schnell auch einmal Stille (lacht).
Lügen ist vor allem ein soziales Werkzeug – mitunter auch, um jemanden nicht zu beleidigen und zu verletzen. Es hilft keinem weiter, wenn man der Begleitung verdeutlicht, dass das Kleid doch ein bisschen zu sehr aufträgt.
Ich mag niemanden schädigen, aber ich erlaube mir schon, mich zu behaupten. Aber das war schon ein langer Weg – weil erzogen wurde ich zur Anpassung. Was ich bisher an Resonanz bekommen habe: Damit bin ich jedoch nicht allein.
Meine Mutter wird die Premiere besuchen – und ich werde mich nach dem Stück dann gleich einmal bei ihr entschuldigen (lacht). Wobei: Sie kommt eh ganz gut weg!
Das kann ich so gar nicht beantworten. Grenzüberschreitungen, wo jemand zu Schaden kommt, widerstreben mir. Alles andere erlaube ich mir mittlerweile ohnehin. Wobei: Ich arbeite ja schon länger am Text und habe immer wieder in der Kulisse bei „Die Katze im Sack“ Auszüge ausprobiert – da habe ich gemerkt, dass eine Passage, wo ich mich über meinen Vater sehr fantasievoll ein bisschen lustig mache, für das Publikum schon eine gewisse Grenzüberschreitung war. Dieses religiöse “Du musst Vater und Mutter ehren” ist wohl sehr tief in uns verwurzelt. Mittlerweile habe ich diese Passage etwas bunter und liebevoller abgewandelt (lacht).
Das kommt auf die Ausrichtung an. Beim politischen Kabarett sehr, weil da geht es ja auch gegen die Mächtigen. Sensibler sind die Leute, wenn es ins Private geht. Aber das kann auch sehr reinigend sein.
Ich scheue mich immer davor, Botschaften zu vermitteln. Ich denke mir, die Menschen können das selbst für sich ausmachen. Ich hasse nichts mehr als “Zeigefinger-Kabarett”. Aber wenn sie mutiger aus dem Stück herausgehen, dann finde ich, habe ich etwas erreicht. Und wenn sie sich einfach nur gut unterhalten gefühlt haben, dann freue ich mich auch (lacht).