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Kabarett & Comedy

Michael Mittermeier: "Ich hab' riesigen Respekt vor den Jungen!"

18.09.2026 von Hannes Kropik

Michael Mittermeier, 60, zählt längst zu den Größten des deutschsprachigen Humors. Mit dem Lucky Punch Comedy Club bietet er der nächsten Generation von Comedians in der Wiener Innenstadt ein Sprungbrett, wie er es sich selbst früher gewünscht hätte. 

Sein Durchbruch gelang Michael Mittermeier 1996 mit “Zapped – Ein TV-Junkie knallt durch”. Doch schon davor beschäftigte sich der Bayer intensiv mit dem Thema Humor und verfasste seine Magisterarbeit im Amerikanistik-Studium über amerikanische Stand-up-Comedy. 2023 gründete er in München seinen ersten Lucky Punch Comedy Club, im April 2026 folgte eine gleichnamige Kellerbühne unter dem Wiener Café Prückel in der Innenstadt. Kurz- und mittelfristig will er damit den Comedy-Nachwuchs fördern – “aber vielleicht geht es auch ein bisserl darum, eine Legacy zu hinterlassen.” Neben dem Club arbeitet Michael Mittermeier bereits an seinem neuen Bühnenprogramm: “OLDBOY …sind wir bald da?” ist ab März 2027 mehrmals in Österreich live zu sehen.

Du hast den Lucky Punch Comedy Club im Keller unter dem Wiener Café Prückel im April 2026 eröffnet. Jetzt, knapp ein halbes Jahr danach, erweitert ihr das wöchentliche Programm von drei auf vier Spieltage. Bist du von diesem Erfolg überrascht?

Nein, überrascht bin ich nicht. Ich bin erfreut. Ich geb' zu, ich hab' mir das gewünscht und, ja, eigentlich auch so gedacht. Und tatsächlich ist unser Ziel, dass wir jeden Tag offen haben.

Du hast einen gleichnamigen Club bereits 2023 bei dir daheim in München eröffnet. Warum tust du dir diese Arbeit an und investierst so viel Zeit und Geld in den Comedy-Nachwuchs?

Weil ich so einen Club zu Beginn meiner Karriere selbst sehr gut brauchen hätte können. Vor 30, 35 Jahren konntest du vielleicht ein-, zweimal pro Monat irgendwo auf einer freien Bühne auftreten und etwas ausprobieren. Aber eigentlich wollten die Veranstalter, dass du gleich ein abendfüllendes Programm spielst. Ich war zu dieser Zeit aber viel in New York und habe selbst sogar im legendären Comedy Cellar gespielt. Dort waren Mixed-Shows ganz normal. An einem meiner Abende ist Jimmy Carr nach mir aufgetreten; der hatte am Tag zuvor im Club angerufen und gefragt, ob er eine neue Nummer probieren darf. Natürlich durfte er. 

Warum funktioniert das mittlerweile auch bei uns?

Ich habe schon vor Corona gesehen, dass sich eine ganz neue, junge, alternative Comedy-Szene bildet. Ich habe 2019 zum ersten Mal daran gedacht, so einen Club zu eröffnen, aber – naja, du weißt ja. Jedenfalls ist diese Szene nach Corona noch einmal explosionsartig gewachsen. Und ich wusste: Jetzt ist es so weit, ich will und muss das tun.

Das Konzept mit den Mixed-Shows und den Open-Mics, bei denen jedes Mal mehrere Stand-up-Comedians auftreten, kommt nicht nur beim Publikum sehr gut an, sondern offenbar auch bei den Künstlerinnen und Künstlern.

Wir haben da unten im Keller unterm Prückel einen Comedy Club hingezaubert, der genauso gut in New York stehen könnte. Die Bühne ist wahnsinnig toll, auch die Lichtanlage – und, was ganz wichtig ist: Wir haben drei Kameras installiert, mit denen wir jeden Auftritt mitschneiden. Die Comedians bekommen bei uns eine Gage, mit der sie natürlich keine riesigen Sprünge machen können, weil der Club ja maximal 160 Leute fasst. Aber sie bekommen die Aufnahmen ihrer Auftritte gratis zur Verfügung gestellt und können sie dann auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen oder auf YouTube verwenden. Und auf eines bin ich dabei schon ein bisserl stolz.

Worauf?

Unsere Aufnahmen schauen besser aus als alles, was du in einer Comedy-Sendung im deutschen oder auch im österreichischen Fernsehen zu sehen bekommst. Darauf hab' ich von Anfang an großen Wert gelegt. Ich habe immer gesagt: Wir machen das g'scheit – oder gar nicht.

Du bist im April 60 geworden. Wie ist dein Verhältnis zu Comedians, die vom Alter her deine Kinder sein könnten?

Schau, ich verbring' grundsätzlich sehr gern Zeit mit Künstlern, egal, ob das junge sind oder ältere, renommiertere. Aber was die jungen angeht: Die sind mit so einer unglaublichen Freude, einer unglaublichen Energie bei der Sache! Ich hab' riesigen Respekt davor, wie sie da auf die Bühne rauf gehen und irrsinnig gradlinig über sich und die Welt reden. Sie sehen viele Sachen anders als meine Generation – und das bereichert mich einerseits. Und andererseits inspiriert es mich, bei manchen Themen selbst anders hinzuschauen. 

Gibt es Unterschiede im Humor?

In den 40 Jahren, die ich auf der Bühne steh', haben mir hunderte Menschen erklärt, was Humor ist und wie Humor funktioniert. Aber diese Frage hat mich nie interessiert. Humor muss nix und Humor will nix. Das Einzige, was zählt: Du musst die Leute zum Lachen bringen. Ich erzähl' dir eine Anekdote.

Bitte sehr!

In einem meiner ersten Stand-up-Programme, ein paar Jahre vor “Zapped”, habe ich zwei Stunden lang nur über Raumschiff Enterprise geredet. Das war völlig gaga! Aber nach einer dieser Shows ist ein älterer Herr auf mich zugekommen und hat gesagt: “Herr Mittermeier, ich habe keine Ahnung, wovon Sie gesprochen haben. Aber ich werde mir die Serie anschauen.” Das war für mich eine unvergessliche Lektion: Es kommt nicht darauf an, was du auf der Bühne erzählst. Aber du musst es so erzählen, dass es lustig ist! Vor kurzem habe ich in Wien etwas erlebt, was mich wieder an diesen Abend in Berlin erinnert hat: Marina Pesevski hat eine ihrer rotzfrechen Nummern gespielt, und im Publikum hat sich ein älteres Paar, beide um die 70, furchtbar abgehaut. Schmähs funktionieren generationenübergreifend, wenn du sie lustig rüberbringst. 

Bei den Open-Mics und Mixed-Shows im Lucky Punch Comedy Club verratet ihr im Vorfeld normalerweise nicht, wer an den jeweiligen Abenden zu sehen sein wird. Warum?

Weil wir viel spontaner sein und das Programm kurzfristig anpassen können, als wenn wir die Line-ups ein halbes Jahr im Voraus gebucht hätten. Ich hab' ja vorhin vom Comedy Cellar in New York erzählt, wo immer wieder die größten Stars unangekündigt vorbeischauen und Nummern ausprobieren. Wir machen das auch so. Ich hab' zum Beispiel letztens mit dem Michael Niavarani geplaudert, der ja in direkter Nachbarschaft das Kabarett Simpl führt. Wir lieben uns sehr und sehen uns keineswegs als Konkurrenten, sondern als Bereicherung. Und nachdem ich ihm angeboten hab, dass seine Leute jederzeit bei uns auftreten und neue Nummern vor Publikum austesten können, hat er das sofort freudig angenommen – und kurz danach hat schon der Conférencier seiner Revue bei uns angerufen und einen Termin für die Woche drauf ausgemacht.

Das Ziel ist also nicht nur, jungen Comedians eine Bühne zu bieten?

Nein, es kommen immer wieder renommierte Acts zu uns, um sich einzuspielen. Ich kenn' das ja von mir selbst: Ich geh' selbst gern ein paar Mal auf eine kleinere Bühne, wo ich an einer Nummer so lang herumprobieren kann, bis sie wirklich sitzt. Aber natürlich ist es gerade für junge Comedians wichtig, viel zu spielen. Und zwar nicht nur, um sicherer zu werden.

Sondern?

Wenn du 30-mal bei uns gespielt hast, haben dich ein paar hundert Leute gesehen. Und dann kannst du leichter den nächsten Schritt auf eine größere Bühne gehen.

Keine Angst, dass ihr diese Acts dann verliert, wenn sie zu groß sind?

Im Gegenteil, dann haben wir alles richtig gemacht! Wir sehen das in Deutschland: Comedians, die in Clubs groß geworden sind, kehren später gern auf die kleinen Bühnen zurück, um etwas Neues auszuprobieren. Das nenn' ich eine Win-Win-Situation!

Du selbst bist immer wieder im Lucky Punch Comedy Club zu sehen. Aber 2027 wirst du mit einem neuen Programm auch wieder die großen Bühnen bespielen. Was kannst du uns jetzt schon über “OLDBOY …sind wir bald da?” verraten?

Zuerst muss ich sagen, dass es mir heute viel leichter fällt als vor 20, 25 Jahren, ein neues Programm zu schreiben. Früher hab' ich seitenweise Texte geschrieben – und wieder weggeschmissen. Neue Texte geschrieben – weggeschmissen.

Und jetzt?

Heute ist Dienstag (Anm.: der 15. September). Am Freitag hab' ich angefangen, am Programm zu schreiben. Morgen spiel' ich mein erstes Tryout in München, und das wird ein wahnsinnig geiler, wilder Abend. Ich habe zwar ein paar Nummern, die ich in den vergangenen eineinhalb Jahren fürs Fernsehen geschrieben habe – aber ich hab' noch keinen Ablauf für das Programm. Immerhin weiß ich: Es gibt wahnsinnig viel zu reden. Über den Zustand der Welt, über den Humor. Und über den jungen Mann, der mir letztens in der U-Bahn einen Sitz angeboten hat. Er wollt' eh nur höflich sein – und ich war kurz davor, dass ich ihm eine reinhau' (lacht).

Warum das denn?

Weil ich mir gedacht hab': “Oida, bist du deppat, schau' ich echt schon so alt aus?” Ich war so perplex, dass ich zuerst gar nicht wusste, wie ich reagieren soll.

Wie hast du dann reagiert?

Ich hab' sein Angebot angenommen und mich hingehockt. Es war herrlich (lacht). Und dann hab' ich ihn angeschaut und gefragt: “Sind wir bald da?” Da war er verwirrt und hat gefragt: “Wo?” Und ich hab' gesagt: “Am Ende. Endstation. Exit. Exitus.” Er hat sichtlich nicht gewusst, was jetzt los ist – und ich hab' gegrinst: “Passt schon, das kommt rein ins neue Programm.”

Weil du angesprochen hast, dass du auch den Humor thematisierst: Spielt der Humor in unserer Gesellschaft heute eine andere Rolle als früher? Die Welt hat sich ja ganz schön weiterentwickelt, seit du vor 40 Jahren als Comedian begonnen hast …

Er ist genauso wichtig wie früher. Aber früher ist er nicht so wirklich ernst genommen worden und wir haben uns in einem sinnlosen Kulturkampf zwischen politischem Kabarett und Stand-up Comedy verloren. Heute müssen wir Humor auf jeden Fall ernst nehmen. Wenn sich der US-Präsident über die Absetzung des TV-Comedians Stephen Colbert freut und über dessen Kollegen Seth Meyers sagt, dass “Witze über mich eigentlich illegal sein” müssten, dann ist das krass. Für mich führt das letztendlich zu einer großen Frage: Wie hätte ich mich selbst in den 1930er- und 1940er-Jahren verhalten?

Hast du eine Antwort?

Es gab damals Kabarettisten wie Werner Finck, die auf der Bühne Witze gegen Nazis gemacht haben – und wussten, dass Leute von der Gestapo im Publikum sitzen und mitschreiben. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich diesen Mut gefunden hätte. Aber das bringt mich zurück zum Lucky Punch Comedy Club. 

Inwiefern?

Weil das ursprünglich ein jüdisches Kabaretttheater war! Stella Kadmon, eine jüdische Künstlerin, die 1938 aus Wien flüchten musste, hat 1931 unter dem Prückel eine Kleinkunstbühne namens “Der liebe Augustin” eröffnet (Anm.: Wo unter anderem Künstler:innen wie Leon Askin, Gusti Wolf, Fritz Muliar und Fritz Eckhart regelmäßig aufgetreten sind; 1947 kehrte Stella Kadmon nach Wien zurück und übernahm den Lieben Augustin für eine weitere Spielzeit). Ich freue mich sehr, dass wir die Tradition fortsetzen können und der Humor weiterlebt.

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