Bild: Gudrun Nikodem-Eichenhardt
“Die Japanische Schreivase” ist ein Programm, das im wahrsten Sinn des Wortes aus dem Innersten kommt. In ihrem Solo-Debüt reflektiert Gudrun Nikodem-Eichenhardt die schwerste Zeit ihres Lebens – und beweist mit einer großen Portion Humor und Selbstironie, dass Wut ein starker Motor sein kann. Und zeigt so nebenbei, dass sie sich auch abseits der Kernölamazonen auf der Bühne so richtig wohlfühlt.
Sie nennt sich selbst “die steirische Eichin”. Und doch ist die vermeintlich so starke Gudrun Nikodem-Eichenhardt – bekannt als eine Hälfte des Kabarettduos Kernölamazonen – vor Krisen und persönlichen Dramen nicht gefeit. Im Gegenteil. Nach langjährigen Therapien zur Traumabewältigung verarbeitet die 46-jährige Steirerin ihre Familiengeschichte in einem überraschend unterhaltsamen Abend – an dem die ausgebildete Musicalsängerin natürlich auch die Musik nicht zu kurz kommen lässt.
Ich wollte das schon sehr lang machen. Aber vor einigen Jahren sind Dinge passiert, die meine Prioritäten verschoben haben. Und das ist gleich die Ausgangssituation für dieses Programm.
Rund um meinen 40. Geburtstag bin ich – gefühlt – vor dem Nichts gestanden. Während der ersten Corona-Phase 2020 sind all meine Standbeine zerbrochen: Wir konnten nicht auftreten, und mein Mann – der Vater unseres damals zweieinhalbjährigen Kindes – hat sich überraschend von mir getrennt. Ich musste den Wohnort wechseln. Dazu ist gekommen, dass mein Vater zwei Jahre davor verstorben ist und ich mit meiner Mutter und meinen Schwestern immer noch sein Erbe regeln musste. All das hat dazu geführt, dass ein Kindheitstrauma aufgesprungen ist. So schlecht ist es mir noch nie zuvor gegangen.
Ja. Ich erzähle zum Beispiel von meinen Besuchen bei meiner Traumatherapeutin. Mit ihrer Hilfe bin ich Schritt für Schritt aus diesen Ängsten, diesen Unsicherheiten, aber auch aus dieser Muscle Memory herausgekommen. Es war eine extrem schwere Zeit, denn so ein Trauma ist vollkommen unkontrollierbar! Du stehst im Supermarkt und bekommst plötzlich einen Weinkrampf – und nichts und niemand kann dir in diesem Moment helfen. Vor allem hilft es überhaupt nix, wenn jemand sagt: “Reiß dich zamm!”
Ja. Aber es hat nach der Trennung lang gedauert, bis diese Gefühle nicht mehr in mir gewütet haben. Bis dahin war ich körperlich, geistig, seelisch vollkommen von der Rolle. Ich hatte keine Macht über all diese Emotionen, die meine Decks permanent geflutet haben.
Vor zwei Jahren, also gut vier Jahre nach Beginn der Krise, hat sich mein Leben wieder so weit stabilisiert, dass ich mir gedacht habe: Okay, jetzt pfeift's! Ich bin wieder Frau der Lage. Jetzt kann ich mir meinen langgehegten Wunsch erfüllen und endlich mein Solo-Programm angehen.
Während meiner Krise haben mir Freunde tatsächlich so eine Vase geschenkt. Sie haben gemeint: “Gudrun, du weißt nicht, wohin mit all deiner Wut. Brüll' sie doch in diese Vase!”
Ja. Weil du all diese aufgestaute negative Energie in diese Vase hinein brüllst, und sie dämpft den Lärm. Das war sehr praktisch, weil ich nicht jedes Mal auf einen Berg hinaufsteigen und ins Tal hinunterbrüllen konnte. Wenn zum Beispiel mein Kind bei mir war und wieder so ein Traumaschub gekommen ist, habe ich in die japanische Schreivase hineingebrüllt und das Kind konnte nebenan selig weiterschlafen.
Ich hatte Angst vor meiner Wut. Weil mir nie jemand beigebracht hat, wie man mit seiner Wut umgeht. Unsere Gesellschaft lässt Wut nicht zu, und deshalb wundert es mich nicht, dass so viele Menschen Depressionen haben oder in andere Krisen geraten – weil wir unsere Emotionen nicht gesund auszuleben gelernt haben. Dabei kann Wut sehr wohl ein Motor sein, der dich in Bewegung setzt und antreibt. Wut kann Lebendigkeit erzeugen.
Ich habe kein Problem damit. Im Gegenteil. Wenn ich so offen über meine Krise spreche, zeige ich den Leuten: Man braucht sich für nichts zu schämen! Vielleicht kann ich anderen Menschen damit sogar ein Werkzeug in die Hand geben, wenn sie sich in ähnlichen Situationen befinden: Holt euch Unterstützung! Wenn so ein Trauma losgetreten wird, kommt ihr da allein nicht raus. Schämt euch nicht, holt euch professionelle Hilfe!
Ich habe mir diese Hilfe geholt, weil ich wusste: Ich muss mich wiederfinden und mein Leben neu ausrichten. Zum Glück habe ich einen riesigen Überlebenswillen, einen Überlebensdrang. Ich habe nach Mitteln und Wegen gesucht, dass es irgendwie weitergeht, dass ich meinen Beruf wieder ausüben und vor allem, dass ich eine stabile Mutter für mein Kind sein kann.
Ich habe das Programm mit der großartigen Regisseurin Petra Dobetsberger erarbeitet (Anm.: Sie führte unter anderem Regie bei Thomas Maurers aktuellem Programm “Im falschen Film”, bei Hosea Ratschillers “Happy Place” und bei Omar Sarsams “Stimmt” – sowie bei einer Vielzahl der Programme von Josef Hader). Sie hat es geschafft, die grundlegende Schwere und Ernsthaftigkeit durch eine große Leichtigkeit zu ersetzen.
Sie hat mich von Anfang an sehr gut verstanden und hat erkannt, dass in mir eigentlich eh sehr viel Leichtigkeit steckt. Sie hat mir dann klar gemacht, dass ich den Fokus, den Blickwinkel auf all das Erlebte in einem anderen Licht präsentieren kann. Ich bin ja in meinem Leben in sehr vielen Situationen gewesen, die nicht besonders super waren – auf der Bühne fokussiere ich mich aber auf das Skurrile in diesen Situationen, und damit kommt sehr viel Humor in die Geschichte.
Natürlich, Musik ist essenziell für mich! Ich werde Musicalnummern singen und auch ein paar Lieder performen, für die ich selbst die Texte geschrieben habe. Ich habe im Vorfeld mit zwei Musikern zusammengearbeitet: Mit Alexander Leitsoni habe ich die eigenen Songs geschrieben, und Michael Schallmayer hat mir geholfen, die ganzen Playbacks herzurichten. Insgesamt war das eine erfüllende, bereichernde Zusammenarbeit. Aber auf die Bühne gehe ich tatsächlich ganz allein.
Das ist ein interessanter Punkt! Bei den Proben hat mich Petra immer wieder korrigiert: “Du musst in die Mitte gehen!” Nach so vielen Jahren stehe ich aus etablierter Gewohnheit seitlich der Mitte – aber das geht bei einem Solo-Programm nicht. Dazu kommt: In einem Duo herrscht natürlich eine gewisse Dynamik. Und weil Caro kleiner und quirliger ist, bin ich bei den Kernölamazonen der stoische, geradlinige, fast schon furchteinflößende Kontrapunkt.
Habe ich die Möglichkeit, ganz andere Seiten von mir zu zeigen! Auch in mir steckt sehr viel Quirligkeit, sehr viel Lebendigkeit. Im Lauf der Proben habe ich definitiv an Sicherheit und Selbstverständlichkeit gewonnen. Und das ist letztendlich ebenfalls eine Form der Selbstermächtigung.
Für mich ist das, als würde ich zwei verschiedene Sportarten betreiben. Es ist mein Körper, aber einmal nutze ich ihn zum Schwimmen und einmal zum Tennisspielen. Diese Abwechslung, diese Vielfalt mag ich sehr. Und das ist ja auch ein riesiges Learning und damit ein großer Nutzen meiner Krise.
Ich kann frei entscheiden, was ich gern machen möchte. Ich mache jetzt lauter Sachen, die mir wirklich Spaß machen.