Bild: Werner Redl
Kabarettist Andreas Vitásek geht zu seinem 70er mit seinen besten Nummern auf Tour. Ein neues Programm will er sich vorerst nicht antun: “Bob Dylan ist mein großes Vorbild.”
Ein neues Programm schreiben? Nein, das will Andreas Vitásek sich vorerst nicht antun. Dahinter steckt aber weniger Faulheit als ein Konzept, erklärt er im Gespräch. Er befindet sich nun in der Genussphase seiner Karriere. “Wie es ihm gefällt” ist eine Art Best-of-Abend mit seinen Lieblingsnummern aus diversen Jahrzehnten seines Bühnenschaffens. Ohne starren Ablauf, sondern an Bob Dylans “Never Ending Tour” angelehnt: in stetem Wandel und immer ein bisschen anders.
Zudem ist Andreas Vitásek aber auch in “Der Herr Karl” zu erleben, einer “ultimativen Horror-Show der österreichischen Grauslichkeiten”. Ob die Wiederauferstehung des Blockwarts im Tarnanzug von Hipster-Bobo-Helikopter-Eltern, Impfgegnerinnen, Kleinwalsertal-Fanboys (und -girls), Staatsverweigerern oder Ibiza-Verharmloserinnen - die Liste der österreichischen Grauslichkeiten ist lang und wird immer länger. Wer wäre passender, um mit seinen Wiener Wurstfingern in den Wunden zu bohrln, als der “Herr Karl” und wer, wenn nicht Andreas Vitásek, sollte den ewigen Denunzianten aus der Quarantäne auf die Vorstadtbühne holen?
Und: Nicht nur Andreas Vitásek steht diesen Herbst auf der Bühne, auch Bob Dylan gastiert im Rahmen seiner “never ending tour” in Wien und Salzburg. Was das mit Vitásek zu tun hat? Das erzählt er uns selbst.
Es soll variabel sein, im Fluss. Ich habe so viel Material, dass ich mir vorgenommen habe, die Nummern während der Spielzeit auszutauschen. Vielleicht auch je nachdem, was gerade passend ist. Einige Sachen habe ich adaptiert. Es gibt eine neue Nummer über meinen Vater. Und ich versuche dramaturgische Bögen zu bauen. Es soll keine Wuchtelparade werden.
Wirklich interessant war, dass an vielen Sachen der Zahn der Zeit genagt hat. Die sind gleich weggefallen, weil sie nicht mehr lustig sind und auch nicht mehr passen. Der Humor selbst ändert sich nicht, der ist eine menschliche Eigenschaft. Aber wie man Humor produziert und vermittelt, das hat sich verändert. Und zwar stark. Manches würde ich so nicht mehr sagen. Nicht, weil es nicht politisch korrekt ist. Es ist aus der Zeit gefallen.
Das stimmt. Ich gehe meistens von etwas sehr Privatem aus und versuche, es zu einer Allgemeingültigkeit zu bringen. Ich habe das Gefühl, dass ich ein sehr durchschnittlicher Mensch bin. Alles, was mich betrifft, geht dadurch auch sehr viele andere Leute was an.
Es soll ein bisschen das Theater mitschwingen, deshalb Shakespeare. Ich habe auch vor, ein paar Theatertexte reinzubringen. Ein Lied von Ferdinand Raimund ist drin, das passt sehr gut am Ende. Samuel Beckett kommt auch vor. Das sind beides Autoren, in deren Stücken ich an verschiedenen Theatern gespielt habe.
Genau das war mein Gedanke! Es gibt ja Websites, die Dylans Wege verzeichnen. Und da sieht man, dass der fast jeden Abend spielt. Der ist wahrscheinlich nicht gern daheim. Manche Nummern wandern bei ihm eines Tages in die Zugaben. Andere fallen raus oder kommen wieder rein. Das ist ständig in Bewegung. Eigentlich ist Bob Dylan mein großes Vorbild. Es ist schon länger mein Wunsch, aus diesem Korsett auszubrechen, dass man als Kabarettist alle zwei Jahre ein neues Programm machen muss. Und jedes Mal hat du 90 Minuten zu stemmen. Ganz ehrlich: Wirklich gelungen sind davon maximal drei Nummern. Der Rest ist irgendwie zusammengebastelt. Er funktioniert schon, aber mehr als Übergang zur nächsten guten Nummer.
Viel fleißiger. Wenn man meine Programme zählt, komme ich wahrscheinlich nicht auf mehr als 15, höchstens 20. Ob mich das zu einem faulen oder fleißigen Kabarettisten macht, hängt auch davon ab, mit wem ich mich vergleiche: Wahrscheinlich stehe ich in der Mitte zwischen Josef Hader und Lukas Resetarits.
Manche schon. Zum Beispiel der “Wochenendvater”. Da könnten Sie mich in der Nacht wecken, ich könnte ihn aufsagen. Anderes muss ich schon ab und zu auf meiner Arbeitscouch durchgehen. Manchmal schlafe ich dabei ein. Dann liegt der Hund schon bei meinen Füßen und wundert sich, warum ich halblaut rede. Wahrscheinlich kann er den Text längst mitreden.
Das war alles intensiv und schön. Der Bundespräsident hat mir den Professorentitel verliehen. Ich würde lügen, wenn ich sage, das hat mich kalt gelassen. Professor ist ja kein Ehren-, sondern ein Berufstitel. So ähnlich wie Kammerschauspieler. Aber ich werde das jetzt nicht auf meine Visitenkarten schreiben. Ich habe gar keine. Vielleicht war ich ganz kurz überpräsent. Im Supermarkt gehe ich neulich an einem Pärchen mit Kinderwagen vorbei. Sagt er zu ihr: “Schon wieder der.” Aber das hört auch wieder auf und es ist Ruhe.
Genau. Ich habe mir zwar vorgenommen, weniger zu machen, aber komischerweise wird es dann wieder mehr. Meine Frau achtet aber darauf, dass ich nicht ewig lange auf Tour bin. Ich spiele Blöcke und habe dazwischen auch länger frei. Da fahren wir weg. Im Frühjahr waren wir in Japan, das war toll, unglaublich schön.
Ganz stimmt es leider nicht. Der erste Auftritt war in der Volkshochschule Stöbergasse. Das Haus gibt es in der Form nicht mehr. Es wurde abgerissen und neu errichtet. Ich habe mir gedacht: Hoffentlich ist das kein Zeichen. Danach bin ich in der Kulisse aufgetreten. Eigentlich wollte ich mich mit “Wie es mir gefällt” chronologisch durch die Wiener Spielstätten meiner Karriere raufarbeiten. Aber das Spektakel gibt es heute so nicht mehr und das Vindobona hat auch ein ganz anderes Programm. Im Orpheum, Stadtsaal und Rabenhof werde ich aber spielen.
Das waren keine ganzen Abende, sondern ich durfte nach dem Haupt-Act noch auftreten. Der war der deutsche Kabarettist Sigi Zimmerschied, damals eine große Nummer. Von 200 Leuten sind 140 geblieben und haben sich angeschaut, was ich mache. Es hat gut funktioniert.
Lukas Resetarits war mit seinen Soloprogrammen schon der Urvater des neuen Kabaretts. Zuvor sind meist Ensembles aufgetreten. Er hatte auf der Bühne immer ein kleines schwarzes Tischerl. Meine Verehrung ging so weit, dass ich auch unbedingt eines wollte. Also habe ich mich nach einer Vorstellung von ihm hinter die Bühne geschlichen, es abgemessen und mir auch ein Tischerl wie der Lukas gekauft.
Sehr stark. Gut ist, dass die Frauen irrsinnig aufgeholt haben. Ich finde momentan fast interessanter, was sie machen. Der zweite Trend ist die Fixierung auf einzelne Darsteller. Die Leute wollen nicht ein bestimmtes Programm sehen, sondern gehen zu Alex Kristan oder Gery Seidl. Durch Comedy und Social Media werden die Nummern auch immer kürzer. Bei mir bauen sie sich langsam auf. Ich brauche auf der Bühne Zeit, bis ich richtig reinkomme und mir das Publikum hole. Und die nehme ich mir.