Bild: Ingo Pertramer
Wäre die Gegenwart ein Film, hätte sie ein Drehbuchproblem. Unter dieser Prämisse blickt Thomas Maurer in seinem neuen Solo “Im falschen Film” auf multiple Krisen, einen Überschuss an Superschurken – und den Mangel an positiven Identifikationsfiguren. Immerhin: Lachen soll helfen, mit dem galoppierenden Wahnsinn umzugehen.
Thomas Maurer, 58, gönnt sich als Kabarettist eine breite Palette an Betätigungsfeldern. Mit seinen Kollegen (und Freunden) Florian Scheuba und Robert Palfrader bildet er das Satire-Trio "Wir Staatskünstler", in dem er sich ebenso tagesaktuellen Themen widmet wie in seinem wöchentlichen Podcast “Maurer & Cik” mit dem Journalisten Thomas Cik (dem Leiter des Kärnten-Ressorts bei der Kleinen Zeitung). Als Alleinunterhalter spürt der dreifache Vater aber lieber den größeren Zusammenhängen nach: Sein neues, bereits 21. Solo-Programm “Im falschen Film”, das am 17. Februar im Wiener Stadtsaal Premiere feiert, dreht sich um das immer stärker werdende Gefühl, dass eh alles ein Wahnsinn ist.
Der sprichwörtlich “falsche Film” ist das Leitmotiv; es geht um dieses Gefühl der Surrealität, das einen in der Gegenwart ständig beschleicht. Etwa, wenn man sich anhört, was Donald Trump mit Grönland vorhat. Oder dass Donald Trump überhaupt amerikanischer Präsident ist. Oder auch im Alltag, wenn du in den Supermarkt einkaufen gehst und dir beim Zahlen denkst: “Hab' ich irrtümlich einen Kaschmirpullover aufs Förderband gelegt?”
Das hängt vom Thema ab. In “Trotzdem” (Anm.: Thomas Maurers 20. Soloprogramm 2024) ist es zuletzt ja ganz stark um Social Media gegangen und deshalb habe ich Inhalte auf sozialen Netzwerken wie X ausgiebig konsumiert. Vor ein paar Monaten habe ich diese Apps aber wieder vom Handy gelöscht, weil ich das Gefühl hatte, deppat zu werden. Das Hirn kann nämlich nicht unterscheiden; es glaubt, dass das wirklich Bedeutung hat, was du die ganze Zeit an Informationen konsumierst.
Aus Gründen der Programmbewerbung betreibe ich einen Instagram-Account, an den auch ein Facebook-Account gekoppelt ist. Darüber werde ich eh in einer Nummer in “Im falschen Film” sprechen: Ich sehe mich von der Welt und den Strukturen ein bisschen gewaltsam gezwungen, auf diesen Kanälen aktiv zu sein. Für mich beißt sich da die Katastrophenkatze in den Schwanz: Diese Konzerne bringen den Journalismus um, aber ohne Journalismus gibt es keine Demokratie. Und dadurch, dass klassische Medien komplett an Relevanz verloren haben, bin ich – wie viele andere Menschen – darauf angewiesen, mich Social Media zuzuwenden. Und das, obwohl ich sie gern von der Erdoberfläche verbannen würde.
Mir war von Anfang an wichtig, mich selbst nicht auf einen bestimmten Stil, auf einen “Einserschmäh”, festzulegen. Und deshalb grüble ich zu Beginn auch meistens sehr lang darüber nach, wie ich einen Abend am besten präsentiere. Nachdem “Trotzdem” zuletzt wieder ein monothematisch in sich geschlossenes Stück war, wird “Im falschen Film” Stand-uppiger. Es wird Blödel-Passagen geben, in denen es aber sehr wohl um etwas geht, und es wird böse Stellen geben, die sich in Pointen auflösen. Für mich hat diese Form aber vor allem einen großen Vorteil.
Ich gehe unter anderem auf die vielen Superschurken ein, die es momentan gibt, und auch auf die vielen Krisen, die gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit fordern. Angesichts der Geschwindigkeit, wie sich die Dinge gerade überschlagen, hätte ich mich in einer geschlosseneren Form gehemmt gefühlt. Bei diesem galoppierenden Wahnsinn will ich mir die Möglichkeit offenhalten, auf Entwicklungen zu reagieren.
Die werden eher am Rande gestreift. Solche Themen verarbeite ich eher mit den Staatskünstlern oder in meinem wöchentlichen Podcast mit dem Innenpolitik-Journalisten Thomas Cik. In einem Solo-Set geht es mir eher um größere Zusammenhänge – wie jetzt im europäischen oder überhaupt im gesamtwestlichen Wutbürgertum. Da gibt es seit einigen Jahren dieses irreale Gefühl: “Es ist alles ein Wahnsinn! Da gehört einmal dreing'haut und alles neu aufgebaut!” Ich persönlich denk mir dann aber: “Wo kommt das her, ihr Trotteln?”
Wenn mir jemand eine Methode verrät, wie die Welt zu einem besseren Ort wird, nachdem der 100.000ste Besucher mein Programm verlassen hat, dann bitte her damit. Tatsächlich habe ich natürlich keine Lösungen anzubieten. Aber zumindest ist es so, dass manche Dinge – und sei es nur eingebildeterweise – beherrschbarer erscheinen, sobald sie ausformuliert sind. Mir geht es als Zuschauer oder Leser selbst ja auch so: Es hat etwas Erleichterndes für mich, wenn jemand anderer ein dumpfes Gefühl, das mich selbst schon lange beschäftigt, in einen konzisen Satz gegossen hat. Das ist etwas, das ich sehr schätze, und ich versuche das mit dem, was ich tue, auch anzubieten.
Grundsätzlich ist es so, dass ich eigentlich Schreib-Phobiker bin und sehr ungern schreibe. Aber ich habe später sehr gern etwas geschrieben, das mir selbst gefällt. Der Beginn fällt mir aber jedes Mal sehr schwer, ich trete den Schreibprozess an wie eine Haftstrafe (lacht). Aber ich hatte von Anfang an großes Selbstvertrauen, dass mir schon genug einfallen wird. Damals, 1988, habe ich nach einem Auftritt bei einem Nachwuchswettbewerb einen Vertrag für einen Premierentermin bekommen, bevor ich überhaupt an meinem ersten Programm zu schreiben begonnen habe.
Relativ unbekümmert. Ich bin ja gelernter Buchhändler; ich habe nicht damit gerechnet, dass ich das Kabarett zu meinem Beruf mache. Ich hatte aber damals schon gewisse Ansprüche an das, was ich mir selbst anschaue oder was ich selbst lese und höre. Und ich wollte deshalb auf der Bühne etwas machen, wo ich mir nachher nicht denken muss: “Oida, das hast du jetzt notwendig gehabt.”
Ich bin ja nie davon ausgegangen, dass die Welt auf mich hört – sonst hätte ich mich vielleicht eines größeren Ernstes befleißigt. Tatsache ist, dass wir in sehr unruhigen Zeiten leben. Viele Menschen haben Angst – aber Angst macht tendenziell deppat. Und dazu kommen diese Social-Media-Kanäle. Ich habe das in “Trotzdem” schon gesagt: “Wir alle nehmen an einem globalen neurologischen Experiment mit offenem Ausgang teil.” Und teilweise kennen wir die Ergebnisse dieses Experiments: Diese Plattformen machen hochgradig süchtig. Es gäbe einfache Wege, diese Gefahr zu entschärfen, doch das würde den dahinterstehenden Geschäftsmodellen widersprechen. Und die Konditionierung unseres Gehirns auf immer kleinere Informationshäppchen ist auch nicht optimal.
Ja, aber generell kohärenten Beschäftigungen. Ich glaube, es ist uns allen schon so gegangen, dass wir gesagt haben: “Früher hab' ich viel mehr gelesen, aber irgendwie kann ich mich nicht mehr so richtig konzentrieren.” Das sind sicher nicht die besten Voraussetzungen, einer zunehmend komplizierteren, zunehmend unberechenbareren Welt Herr zu werden. Aber um auf die Frage zurückzukommen, warum ich nicht zynisch werde: Analytisch bin ich Pessimist, aber ich habe ein relativ ausgewogenes Gemüt.
Das klingt jetzt alles sehr küchenpsychologisch. Aber es ist wichtig, nicht in einem Zustand des permanenten Suderns und Jammerns zu verharren, sondern sich Dinge zu vergönnen, die einem Freude machen.
Vermeintlich banalste Kleinigkeiten, von denen ich gerade auch meine Kinder zu überzeugen versuche: Konzentriert euch auf eine Sache. Ich versuche, ein Buch zu lesen, ohne nebenbei Musik rennen zu haben. Oder ich setze mich hin und höre einfach nur Musik. Oder ich gehe spazieren und lasse das Handy daheim.
Wild, oder? Eigentlich sollte mich dafür Red Bull als Extremsportler sponsern. Aber im allgemeinen Wirbel gelegentlich das eigene Hirn zu Wort kommen zu lassen, halte ich für sinnvoll. Außerdem schaue ich, dass ich körperlich einigermaßen gut beinander bin und gehe deshalb wieder regelmäßig ins Boxtraining. Ich koche gut und esse gern. Und ein toller Wein hat für mich eine ähnliche Wirkung wie ein leiwandes Konzert oder ein feiner Theaterabend: Da haben Leute sich erfolgreich bemüht, was wirklich Gutes herzustellen. Und auch, wenn die das natürlich nicht für mich persönlich gemacht haben, fühl ich mich gemeint – und das ist schön.