Bild: Matt Crockett
Geschmäcker sind verschieden, und auch Witze sind wie Magneten: Sie können auch abstoßen. Der britische Comedian Jimmy Carr ist für viele Menschen ein sehr starker Magnet ... Aber was ist eigentlich sein anstößigster Witz?
Britisches Humorverständnis gilt generell als stark von Ironie, Understatement und Selbstentwertung geprägt. Es funktioniert oft über das Unausgesprochene, die Pointe ist versteckt und zeigt sich gern erst nach einigem Nachdenken: Gerade Klassiker wie Monty Python arbeiten mit Absurdität, Sprachspielen und einem Hang zum Grotesken - stets mit der Bereitschaft, sich selbst lächerlich zu machen. Ganz im Gegensatz zum amerikanischen Humor, der stärker auf Explizitheit setzt: US-Comedians arbeiten ähnlich wie ihre deutschen Kollegen auf Punchlines hin, mit prägnanten, gerne auch harten Pointen und gesellschaftlichem Kommentar. Sie arbeiten mit dem Vorschlaghammer, nicht wie ihre britischen Kollegen mit dem Skalpell.
Aus dieser vereinfachten Unterscheidung sticht jedoch der britisch-irische Komiker Jimmy Carr heraus: Wer etwa bereits auf Tiktok über seine kurzen Show-Ausschnitte gestolpert ist, der merkt rasch, dass Carr gern und fast ausschließlich Punch-Lines und One-Liners droppt, die ziemlich abstoßend sind und nicht selten unter die Gürtellinie gehen. Dabei tritt er für gewöhnlich glattrasiert, in feinem Zwirn und mit akkuratem Seitenscheitel auf - was im krassen Gegensatz zu seinen nicht selten provokanten und beleidigenden Äußerungen auf der Bühne steht.
Ein konkretes Beispiel gefällig? Natürlich kennt niemand von uns die Online-Plattform OnlyFans. Deswegen zur Erklärung: Das ist eine Website, auf der weibliche und männliche “Models” Fotos und Videos online stellen können, die von Usern nach Übermittelung eines Obolus angesehen werden dürfen - im Normalfall handel es sich hierbei um erotische oder pornografische Inhalte. Eines dieser OF-Models ist nicht nur Laura, Playboy-Starlet und Freundin vom skandalträchtigen Schlagersänger Michael Wendler (im Mai live bei den Pfingstdays Mürzhofen), sondern auch eine gewisse Bonnie Blue. Aber Bonnie Blue ist nicht nur ein OF-Model, das sich gerne nackig zeigt, sondern auch ein popkulturelles Phänomen: Gemeinsam mit dem ebenfalls OF-Sternchen Lily Phillips hat sie nämlich ein Fernduell. Es geht dabei um einen Sex-Rekord: Wer kann innerhalb eines Tages mit mehr Männern schlafen? Lily Phillips legte mit 101 Männern vor, Bonnie Blue fertigte daraufhin nicht 102 oder 103, sondern gleich 1057 Männer ab.
Natürlich kann man diese Zahlen anzweifeln und mehr noch die Sinnhaftigkeit, aber auch die körperlichen wie seelischen Auswirkungen dieses Rekordstrebens hinterfragen, aber zumindest haben es beide Damen damit auch in die Medien geschafft, die üblicherweise selten über Pornographie berichten - weil: Sex sells.
Und auch Jimmy Carr kommentierte die Aktion: “Welchen Rekord hat Bonnie Blue versucht zu brechen? Den Rekord des ‘enttäuschten Vaters’?" Natürlich reagierte Bonnie Blue auf diesen Angriff, der im englischen Original besser funktioniert; Carr postete den entsprechenden Videoausschnitt online mit der Unterschrift: “I made Bonnie Blue gag.” - wobei “gag” nicht nur die Übersetzung für “Witz” ist, sondern auch für “verschlucken”. Und nachdem man sich an vielen Flüssigkeiten - auch an körperlichen - verschlucken kann, folgte von Bonnie Blue als Antwort: “I would give you a cumback but I just finished scraping it off my teeth.” - wobei “comeback” (also: “Retourkutsche”) bewusst falsch geschrieben wurde, denn “cum” ist das englische Wort für “Sperma”.
Offensiv? Definitiv. Aber Jimmy Carr kann noch mehr.
Charakteristisch für Jimmy Carrs Auftritte ist es, dass Zwischenfragen aus dem Publikum kommen. Nicht selten beleidigt Carr daraufhin den Fragesteller auf eine irgendwie dann doch wieder charmante Art und Weise. Aber hie und da, da gibt es auch nachvollziehbare Fragen - und konstruktive Antworten. Vergangenen Sommer wurde er da etwa gefragt, was denn eigentlich sein abstoßendster Witz überhaupt sei. Natürlich sei das eine Frage der "eigenen Schmerzgrenze", antwortet Carr da vorerst diplomatisch. Aber schießt dann gleich ein paar Beispiele aus seinem Talon nach, die wahrlich streitbar sind: Etwa, wenn er meint, dass er zumindest nicht so extrem wie die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo ist. Weil wegen ihm wurden noch keine Menschen erschossen.
Aber auch in einem Interview mit The Comedy Center wurde Jimmy Carr gefragt, was seiner Meinung nach seine größte humoristische Grenzüberschreitung war. Darauf Carr: “If only Africa had more mosquito nets, then every year we could save millions of mosquitos from needlessly dying of AIDS.”
Man merkt also schon: Egal ob es schlüpfrig wird, oder "politisch inkorrekt" - für Jimmy Carr ist kein Fettnäpfchen, in das er treten kann, zu weit entfernt. Allerdings zahlen, lachen und klatschen die Leute im Publikum gerade deswegen bei ihm - eine Tatsache, die ihm selbst durchaus bewusst ist: “You paid good money to see an edgy comedian right?”, sagt er da etwa in seinem Programm “His Dark Material” und führt aus: “It’s never about offending people, it’s about making people laugh … That being said, this next five minutes is going to be closer to the bone than a fat girl eating KFC.”
Eine Compilation über seine weiteren heftigsten Witze - und somit eine durchaus treffende Einführung, was dem geneigten Besucher von Jimmy Carrs neuem Programm “Laughs Funny” im Juli im Wiener GLOBE erwarten wird - hat Jokes On Us zusammengestellt:
Aber da gibt es noch mehr englischsprachige Comedians, die es sich zu entdecken lohnt - allesamt ein deutliches Eck weniger angriffslustig als Jimmy Carr, aber nicht minder witzig!
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