Bild: Ingo Pertramer
Für sein neues Solo-Programm begab sich "der beliebteste Deutsche in Österreich", Dirk Stermann, auf eine Zugfahrt. Warum? Und wieso braucht man 20 Spritzer und eine Käsleberkässemmel bis nach Amstetten?
Für sein erfolgreiches Kabarett-Solodebüt “Zusammenbraut” wurde Dirk Stermann mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Für den neuen Abend, der den sehr schönen Titel “20 Spritzer bis Amstetten” trägt, musste er aber erst mal in sich gehen und Inspiration finden. Er begab sich dafür auf eine Zugfahrt.
Wir haben mit dem guten Deutschen über Licht und Schatten seines Berufs gesprochen. Er hat uns von seinem Trink- und Arbeitsgewohnheiten, Auftritten in Kleinkunstkellern und auf der Donauinsel, Josef Hader und eher nicht so lustigen Social-Media-Comedians erzählt.
Inzwischen ja. Ich habe letzte Woche vier Tage in Innsbruck verbracht und Vorpremieren vor kleinem Publikum im Treibhaus Keller gespielt. Du musst ein Programm immer mit Leuten proben, um zu sehen, was funktioniert und was nicht. In der Woche davor habe ich zu Hause den Text laut gesprochen. Es war gerade ein Freund da, der bei uns einen Kasten gebaut hat. Der Freund ist zwar eh Schauspieler. Aber mir war diese Situation unendlich peinlich. Und in Tirol war es mir auch wieder peinlich, weil ich den Text eben noch nicht konnte.
Im Treibhaus haben sie mich beruhigt. Josef Hader liest die ersten drei Wochen erst mal, bevor er sich überhaupt vom Tisch erhebt. Und Andreas Vitásek kann seinen Text gar nicht. Okay, dann kann ich auch ablesen.
Ich habe eine halbe Stunde rausgehaut. Gleich am ersten Abend habe ich bemerkt, dass das Programm zu lang ist. Großflächig streichen finde ich gut. Bei Kabarett ist es leider so, dass es erst nach 100 Vorstellungen wirklich stimmt. Du musst ganz viel ausprobieren.
Nein, ich mache halt meine Arbeit. Ich vergleiche mich da immer mit meinen Ruhrgebietsverwandten. Bei denen hat auch niemand gesagt: Du bist so fleißig, so irre, dass du da jeden Tag in der Fabrik bist. Und fällt dir da überhaupt was ein?
Amstetten steht für mich in einer Reihe mit Orten, die keine Sehnsuchtsorte sind. So wie Duisburg. Man will da keinen Urlaub machen. Bis auf Fritzl ist es ein Ort ohne besondere Vorkommnisse. Der Titel geht auf eine befreundete Musikerin zurück: Sie hat mir erzählt, dass sie mal mit einem anderen Musiker im Zug gesessen ist, der tatsächlich von Wien bis Amstetten 20 Spritzer getrunken hat.
Ich glaube, sie sind mit dem langsamsten Regionalzug gefahren, der braucht anderthalb Stunden. Aber das ist natürlich trotzdem unglaublich viel Alkohol in kurzer Zeit. Für mich klingt der Titel in erster Linie schön und musikalisch. Er lässt sich gut sagen: “20 Spritzer bis Amstetten”.
Es war noch schlimmer. Ich hatte Lust, ein neues Programm zu machen, aber keine Idee. Schlechte Voraussetzungen. Der befreundete Fotograf Ingo Pertramer hat mir geraten, ich soll doch eine Zugfahrt machen. Das dauert ungefähr so lange wie ein Kabarettprogramm, je nachdem, wohin man fährt. Und so kam ich auf die Idee, die Geschichte im Zug spielen zu lassen.
Genau. Ich sitze als ich im Zug, treffe Leute und muss verschiedene Dialekte sprechen, was ich sehr gut kann. Außerdem finde ich, dass ich ein sehr guter Sänger bin und zu alt, um Witze zu erzählen. Das interessiert mich nicht mehr. Ich sehe mich eher als Mischung aus Elfriede Jelinek, Roland Kaiser und Lady Gaga. Aber meine Agentur will nicht, dass ich auf Sänger mache. Ich bin also unzufrieden und denke auf der Fahrt nach Amstetten darüber nach. In diesem Programm bin ich ein Schriftsteller im Körper eines Sängers, der von der Agentur in ein Kabarettisten-Kostüm gezwungen wird.
Tatsächlich ist es überraschenderweise ein Gag-Programm geworden. Fast Comedy, was ich ja ablehne. Aber sagen wir mal, es ist gebrochene Comedy.
Es zeigt sich immer mehr, wie gut Leute wie Josef Hader sind. Danach ist ganz wenig gekommen, was auch nur ansatzweise diese Qualitäten erreicht. Durch Social Media kriegen Leute heute schneller Auftritte. Ohne Namen nennen zu wollen, ist das dann meist auch recht dünn. Manche scheinen sich zu denken: Gut, ich habe 10.000 Klicks, dann spiele ich halt im Globe Wien. Aber es ist nicht viel dahinter. In Deutschland treten irgendwelche Komiker, von denen ich noch nie gehört habe, vor 15.000 Menschen auf. Das ist mir alles sehr fremd. Ich komme eher vom Erzählerischen.
Mit Grissemann bin ich auf der Donauinsel mal vor DJ Ötzi aufgetreten. Ich glaube, da waren 100.000 Leute. Sie waren sehr unruhig, weil sie nicht wussten, warum wir da sind. Sie sind ja nicht wegen uns gekommen, sondern wegen DJ Ötzi. Es war bizarr.
Es gibt Kabarettisten, die acht Mal das Globe voll machen. Das bin ich nicht. Auch mit Christoph waren wir nicht in den Top 5. Aber es sind schon fast immer 500 Leute gekommen. Solo bin ich jetzt ein 60-jähriger Nachwuchskünstler, der sich sein Publikum wieder erarbeiten muss. Aber es macht mir Spaß. Ich spiele auf der Bühne einfach gern, sonst würde ich es nicht machen. Und dadurch, dass ich jetzt alleine bin, müsste theoretisch ja auch nur immer die Hälfte des Publikums kommen, damit ich gleich viel verdiene. Das ist gut, dass Christoph gar nichts abbekommt von dem, was ich mache. Sehr gut.
Die Voraussetzung war, dass ich von Anfang an Wien super fand. Durch einen Riesenzufall habe ich einen Ort gefunden, an dem ich gerne leben möchte. Und dann habe ich auch ganz schnell verstanden, warum die Wiener die Deutschen scheiße finden. Ich finde ja auch ganz viel scheiße an Deutschland und habe das deswegen immer nachvollziehen können.
Mein Redakteur bei “Willkommen Österreich” sagt, ich darf erst eine halbe Stunde vor Aufzeichnungsbeginn ein Glas Wein trinken. Er schneidet die Sendung und meint, wenn ich zu früh mit dem Trinken beginne, merkt man mir das an. Darum trinke ich jetzt vorher immer nur ein Glas und dann während der Sendung noch eines. Im hohen Alter trinke ich überhaupt viel weniger als früher, weil ich es auch nicht mehr so gut vertrage. Aber ein bisschen was brauche ich, damit ich in die Laune gerate, vor ein Publikum zu treten. Ich fand das immer gut, dass wir auf der Bühne wirklich Alkohol trinken und nicht nur so tun.
Von Leberkäsesemmeln an Autobahnraststätten. Die große Frage meines Berufes ist: Normaler Leberkäs, Chili- oder Käse-Leberkäs? Das sind die Hauptschwierigkeiten, weil man das immer gefragt wird von der Tankstellendame. Den normalen nehme ich praktisch gar nicht mehr. Weil ich mir denke, die haben sich so viel Mühe gegeben mit den anderen Varianten. Ich möchte nicht, dass sie enttäuscht sind.