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In der HEADLINER-Serie "Bücherwurm" empfehlen wir euch in regelmäßigen Abständen aktuelle Bücher und Lesungen. Denn Lesen ist, so finden wir, eine der wertvollsten Gewohnheiten, die das Leben bereichern: Wir tauchen ab in eine andere Welt, unsere Gedanken werden entfesselt und unser Bewusstsein erweitert. Wir lernen dazu, werden unterhalten oder schaffen es, für einen kurzen Moment aus der Realität auszubrechen. Lesen ist Entspannung und Bildung gleichzeitig!
Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen, damit sie aufwachen.
(Jorge Bucay)
Vor drei Jahren erschien mit “Nackt” das Debütalbum der Ex-Jennifer-Rostock-Sängerin Jennifer Weist - und nun ein Buch dazu? Nicht ganz, das wäre wohl nur für eine sehr spitze Bubble spannend. Zwar orientiert sich “Nackt” – diesmal als Buch – lose an den Songs, im Kern aber verarbeitet Weist anhand ihrer Biografie große Zeitgeistfragen: Sexismus und Machtmissbrauch, soziale Ungleichheit und Rassismus. Entstanden ist ein humanistisches Pamphlet, das auf zwei einfachen Forderungen beruht, erstens: Männer sollten öfter einmal ihren Mund halten. Zweitens: Frauen den ihrigen öfter aufmachen. Die Erfahrungen, die Weist selbst gemacht hat, sind teils erschütternd - und auch wenn man nicht mit jedem ihrer Gedanken bis ins letzte Detail d'accord geht: Viele richtige Denkanstöße für eine gerechtere Welt!
Kommt Yaenniver mit ihrem neuen Album “Angry Woman” (10. Oktober) auch nach Österreich? Meldet euch beim oeticket-Ticketalarm an, um rechtzeitig informiert zu werden!
“Aber” - ein kleines Wort mit großer Wirkung, oft im Zentrum hitziger Debatten! An vielen kontemporären Diskursen arbeitet sich auch der deutsche Sprachkünstler Max Goldt in seinem ersten Buch nach über 10 Jahren ab, an “Banalitäten des Alltags” oder dem Humorverständnis etwa. Doch während er gerade in den auf den ersten Blick belanglos wirkenden Themen noch als subtiler, wenngleich angriffslustiger Lebens-Begleiter erscheint, blitzt in Kapiteln, in denen er sich einer grundlegenden Gegenwartsanalyse (etwa Feminismus) widmet, hie und da ein aus der Zeit gefallener Altherrenhumor hervor. Das wirkt, im Gegensatz zu seiner ungebrochenen Rhetorik, dann punktuell wie ein eloquent verpacktes „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen“. Bei Schwänken aus der eigenen Vergangenheit – etwa, wenn er auf gemeinsamer Lesereise Wiglaf Droste Parodien von Schlagersängern zu verbieten trachtet – will man ihn jedoch knuddeln.
Max Goldt liest aus “Aber?” am 8. Oktober im Rabenhof Theater.
Der “beliebteste Deutsche in Österreich” ist gemeinsam mit Christoph Grissemann als Host von “Willkommen Österreich” seit 18 Jahren fixer Bestandteil der hiesigen Fernsehlandschaft. Als Autor hat er bisher und losgelöst von seinem Kompagnon mit sehr unterschiedlichen Sujets aufhorchen lassen, zuletzt etwa mit einem aus bewegenden Gesprächen entstandenen Buch über die Psychoanalytikerin Erika Freeman. Nun legt er eine irrwitzige Geschichte vor: In einem fiktiven Freistaat führen Anarchisten, Faschisten und Futuristen einen grotesken staatspolitischen Versuch durch - mit dem Leitsatz, eine verrückte Welt müsse von Verrückten regiert werden. Dabei liegt neben der absurden Erzählung das größte Geschick Stermanns zwischen den Zeilen begraben: Je bizarrer und verrückter die von ihm geschilderten Situationen werden, desto kontrollierter und nüchterner wird sein Erzählton.
Dirk Stermann steht aktuell mit seinen Programmen “Zusammenbraut” und “20 Spritzer bis Amstetten” auf der Bühne.
Erst im Sommer feierte die britische Heavy-Metal-Legende Iron Maiden vor vollem Haus im Wiener Happel-Stadion den 50. Bandgeburtstag - mit etwas Verspätung erscheint nun die “Gratulationskarte”, die mit über 350 Seiten auch überaus umfangreich geraten ist: In “Infinite Dreams” blickt man zurück auf die bewegte Karriere, die nicht erst zu Weihnachten 1975 begann, wie gemeinhin geglaubt wird - sondern tatsächlich bereits im August davor, wie Bassist Steve Harris im Vorwort (erstmals?) erzählt. Es folgt eine Fülle an Fotos: Promo-, Live- und Backstage-Shootings, Bühnen- und Kostümdesigns, Instrumente und frühe Merch-Kollektionen. Dazu gibt es detailverliebte (aber nicht zu nerdige) Hintergründe zu allen Besetzungswechseln, Touren, Alben und Singles - und auch Dickinsons “Nebenjobs” sowie das Bandhobby Fußball kommen nicht zu kurz. Iron Maiden beschenken uns somit im Herbst ihrer Karriere mit einer Chronik, die selbst eingefleischte Fans ins Staunen versetzt.
Iron Maiden kommen am 13. Juni 2026 aufs Nova Rock!
“Hätte ich auf meine Lehrer gehört, wäre ich jetzt vermutlich auf der Straße oder im Knast”: So endet die Autobiografie von Mille Petrozza, einem einstigen Arbeiterkind aus Essen, das mit seiner Band Kreator heute weltweit zu den größten und prägendsten Figuren der Metal-Szene zählt. Seine Lebensgeschichte, die über den Lebensabschnitt von seiner Kindheit bis in die frühen Neunziger erzählt, liest sich dabei weniger wie eine Musikerbiografie, sondern vielmehr wie ein Entwicklungsroman, in dem er aufdröselt, wie der vermeintlich wilde und ungehobelte Heavy Metal ihn davor bewahrt hat, in prekäre Verhältnisse und eine Welt aus harten Drogen abzurutschen: Es ist somit gewissermaßen ein Gegenentwurf zur Sozialstudie “Thrash, Altenessen”, wenn Petrozza wortgewandt davon erzählt, wie die Musik ihm einen (heute: gesunden) Lebenssinn geschenkt hat.
Kreator spielen am 9. April gemeinsam mit Carcass, Exodus und Nails in der Raiffeisen Halle im Gasometer!
Dass sich Autor Holger Schmenk mit dem Ruhrgebiet - dem Birmingham Deutschlands - bestens auskennt, hat er bereits mehrfach mit seiner “Kumpels in Kutten”-Buchreihe bewiesen. Nun widmet er sich der neben Kreator wohl populärsten Band der einstigen Steinkohlen- und Erzbergbauregion: Sodom. Im Fokus der offiziellen, reich bebilderten Bandbiografie, die streng chronologisch aufgebaut ist, aber in separaten Textkästen einzelne Exkurse wagt, steht freilich die einzige Konstante, Frontmann Tom Angelripper, bürgerlich Tom Such. Als junger Erwachsener schuftete er noch nebenbei “unter Tag”, ab “Agent Orange” stand dann ausschließlich die Musik im Fokus - eine Musik, mit der er wie die prägenden Ikonen vor ihm (Motörhead, Venom) einen umfassenden Einfluss auf die Szene ausgeübt hat - mit Die-Hard-Fans von Asien bis Südamerika.
Sodom pausieren aktuell live - genug Zeit für die Lektüre der Biografie.