Bild: Nuclear Blast
Nicht nur, dass die brasilianischen Thrash-Heroen Sepultura in nur wenigen Wochen am Nova Rock ihr allerletztes Konzert spielen werden: Ein Ur-Mitglied hat sich mit seiner neuen Band auch fürs Salzburger Rockhouse angekündigt - und hat damit wohlige Erinnerungen an die späten Achtziger im Gepäck.
Sepultura waren Ende der Achtziger die erste Metal-Band, die von außerhalb der traditionellen Hochburgen des Metals (Europa und Nordamerika) auf internationalen Bühnen einen Eindruck hinterließ: Aus dem brasilianischen Belo Horizonte kommend begleiteten sie damals die deutschen Sodom auf “Agent Orange”-Tour - und gastierten unter anderem auch in Wien, im ehemaligen Rockhaus, das bekanntlich 2007 in den deutlich größeren Gasometer übersiedelt ist.
Seitdem waren sie fast 60 mal (!) in Österreich zu Gast - zuletzt lieferten sie 2024 in eben der Raiffeisen Halle im Gasometer ein rappelvolles Konzert, das bereits den Startschuss ihrer “letzten Tour” ankündigte. Und nun schließt sich Mitte Juni mit ihrem Auftritt am Nova Rock der Kreis: Es wird dies ihr allerletztes Konzert in Österreich werden - nicht unähnlich zu den Kollegen Megadeth, die sich ebenfalls Mitte Juni im Gasometer von der Bühne verabschieden.
Rollen wir also einmal das Feld von hinten auf.
Ein Abschied ist selten leicht, Sepultura fällt er umso schwerer: Kaum befanden sie sich inmitten ihrer soeben benannten Abschiedstour, verließ sie ihr letzter Schlagzeuger Eloy Casagrande so kurz vor Schluss in Richtung Slipknot. Allerdings wurde nicht lang gefackelt und im Jungspund Greyson Nekrutman ein überaus motivierter und talentierter Neuzugang gefunden, der den altgedienten Mitgliedern Andreas Kisser (Gitarre) und Paulo Jr. (Bass) nebst Derrick Green (Gesang) auch maßgeblich den Anstoß dafür gab, sogar noch einmal ins Studio zu gehen: Ende April erschien also Sepulturas letzte EP “The Cloud Of Unknowing”. Dabei fällt auf, dass Nekrutman massig neue Gedanken und Impulse eingebracht hat - denn an manchen Ecken klingt die EP erstaunlich jazzig, aber auch orchestral - und nicht zuletzt hört man mit “Beyond the Dream” sogar eine introspektive Power-Ballade (!).
Besonders engstirnige Menschen werden aber spätestens jetzt abwinken und sagen: “Sepultura können gar keine letzte EP mehr aufgenommen haben, können nicht auf Abschiedstour gehen, weil Sepultura gibt es seit zumindest 20, viel eher seit 30 Jahren nicht mehr.”
Und damit befinden sich diese Menschen zumindest nicht gänzlich am Holzweg: Klar, Besetzungswechsel sind selten super und manchmal tatsächlich auch einschneidend - sie wirken jedoch noch viel stärker nach, wenn eine Band nicht nur der wortwörtlichen Stimme verlustig geht, sondern sogar noch einem Gründungsmitglied: Sänger und Gitarrist Max Cavalera verließ aufgrund von internen Streitigkeiten nach “Roots” 1996 die Band, gründete Soulfly und Derrick Green übernahm fortan bei Sepultura den Gesang.
Maxens Bruder Iggor am Schlagzeug verblieb vorerst noch als einziges Gründungsmitglied, während Zweit-Gitarrist Andreas Kisser (der 1987 zu “Schizophrenia” zur Band dazu stieß) und Bassist Paulo Jr. (der zwar bereits seit 1984 irgendwie Teil der Band ist, bis 1993 und “Chaos A.D.” tatsächlich aber auf keinem Album zu hören war), selbige fortführten. Ob man ohne die Stimme von Max Cavalera an frühere Glanztaten heranreichen konnte, habe ich [an dieser Stelle] subjektiv aufgeschlüsselt.
10 Jahre nach Max verließ aber auch Iggor mit dem soeben frisch eingespielten “Dante XXI” Sepultura - und spielt seitdem nun gemeinsam mit seinem Bruder unter dem Banner der Cavalera Conspiracy alte Sepultura-Klassiker aus ihrer gemeinsamen Ära nach, von “Morbid Visions” bis “Roots”. Dass diese brüderliche Kombi aufgeht und ordentlich Wumms hat, haben sie zuletzt in der ausverkauften Wiener ((szene)) bewiesen, während die harten Fakten eindeutig gegen das Kollektiv sprechen, das sich weiterhin Sepultura nennt: Denn bei Sepultura ist tatsächlich kein Gründungsmitglied mehr in den Reihen zu finden.
Fairerweise muss man aber einwerfen: Die britischen Grindcore-Pioniere Napalm Death haben ebenso kein einziges Gründungsmitglied mehr in ihren Reihen, wie etwa auch Judas Priest, nach dem Abschied von Jesper Strömblad 2010 ebenso In Flames, und sogar Opeth, obwohl Mikael Akerfeldt (heute) als das Gesicht der Band gilt.
Allerdings zählt meistens jedoch nicht das urigste, sondern das klassische Line-up - also die Besetzung, die als die beste in einer Bandgeschichte gilt. Und die ist bei Sepultura zweifelsohne Max und Iggor Cavalera, Paulo Jr. und Andreas Kisser, die alle Alben vom Zweitling “Schizophrena” bis hin zur Sollbruchstelle “Roots” verantworteten. Dass es auch ein Leben nach “Roots” gibt, haben wir ja bereits erfahren. Aber: Es gab auch ein Leben vor “Schizophrenia”, eine Band ohne Andreas Kisser an der zweiten Gitarre. Das Debüt-Album “Morbid Visions” (1986) und die EP “Bestial Devastation” (1985) wurden nämlich noch gemeinsam mit einem anderen Gitarristen eingespielt, nämlich Jairo Guedz: Es war dies nach zahlreichen, noch früheren Alternationen (u. a. mit Wagner Lemounier von Sarcófago am Gesang!) die erste stabile Besetzung.
Jairo Guedz verließ Sepultura zwar noch vor “Schizophrenia” in Richtung der übrigens ziemlich geilen südamerikanischen Thrash-Metaller The Mist, aber ohne böses Blut: Hie und da stand er sogar mit Sepultura auf der Bühne - und hat nun, seit sechs Jahren, eine neue Band, die mit The Troops Of Doom betitelt ist. Kenner wissen es: Dies ist der Titel einer der frühesten und besten Stücke von Sepultura, ein Song, an dem Jairo Guedz damals tatsächlich auch mitschrieb.
Während The Troops Of Doom auf ihrer ersten EP “The Rise Of Heresy” (2020) noch zwei Sepultura-Cover - “Troops Of Doom” und “Bestial Devastation” - brauchten, um die Platte voll zu bekommen, hat man bereits am ersten Album “Antichrist Reborn” (2022) und spätestens mit dem Nachfolger “A Mass To The Grotesque” (2024) bewiesen, dass man etwas Eigenes auf die Beine gestellt hat, das natürlich irgendwo zwischen Sepultura und The Mist fischt, sich aber auch nicht zwangsweigerlich auf ein Namedropping verlassen muss.
Klar, ein Song wie “Chapels Of The Unholy” könnte auch auf “Schizophrenia” Platz gefunden haben, während “Dawn Of Mephisto” eher an Slayer zu ihrer “Seasons In The Abyss”-Phase erinnert und man an manchen Ecken und Enden auch frühere Kreator, Celtic Frost und Possessed heraushört - was insgesamt einen spannenden, aber vor allem hochwertigen Kontrast ergibt. Originell und innovativ ist das zwar nicht, aber wer braucht das schon, wenn es dafür ordentlich ballert?
Die wirklich großen Hits - ein zweites “Troops Of Doom”, ein “Necromancer” - fehlen zwar, aber dafür gibt es für das allererste (!) Österreich-Gastspiel von The Troops Of Doom am 2. August im Salzburger Rockhouse und im (eher unpassenden) Vorprogramm von Mushroomhead ein ganz besonderes Schmankerl zu vermelden: In der Live-Besetzung wird auch Frank Blackfire dabei sein - Ende der Achtziger auch Gitarrist von Sodom und somit damals dabei, als diese mit Sepultura erstmals Österreich zerstören: The past reborns the storms …