Bild: Nuclear Blast
Am Nova Rock Festival verabschieden sich die brasilianischen Thrash-Metal-Giganten Sepultura von der Live-Bühne - mit der neuen EP “The Cloud of Unknowing” im Gepäck. Grund genug, ihre Karriere nochmals Revue passieren zu lassen: Welche sind ihre besten Alben, welche ihre schlechtesten?
Sepultura waren Ende der Achtziger die erste Metal-Band, die von außerhalb der traditionellen Hochburgen des Metals (Europa und Nordamerika) auf internationalen Bühnen einen Eindruck hinterließ: Aus dem brasilianischen Belo Horizonte kommend begleiteten sie damals die deutschen Sodom auf “Agent Orange”-Tour - und gastierten unter anderem auch in Wien, im ehemaligen Rockhaus, das bekanntlich 2007 in den deutlich größeren Wiener Gasometer übersiedelt ist.
Seitdem waren sie fast 60 mal (!) in Österreich zu Gast - noch dazu in jedem Bundesland außer in Niederösterreich. Natürlich spielten sie bereits am Nova Rock Festival (2014), aber auch am legendären 2 Days A Week (2015), sowie am picture on (2018). Aber auch am steirischen Area 53 waren sie 2022 ebenso zu Gast, wie auch 2010 am oberösterreichischen Metalfest Open Air, sowie 2012 am RokkInn Mountain Open Air in Tirol. Und in Wien haben sie sich vom Rockhaus im September 1989 über zahlreiche Shows in der Arena bis hin zur Raiffeisen Halle im Gasometer hochgearbeitet: Dort lieferten sie zuletzt 2024 ein rappelvolles Konzert, das bereits den Startschuss ihrer “letzten Tour” ankündigte. Und nun schließt sich Mitte Juni mit ihrem Auftritt am Nova Rock der Kreis: Es wird dies ihr allerletztes Konzert in Österreich werden - nicht unähnlich zu den Kollegen Megadeth, die sich ebenfalls Mitte Juni im Gasometer von der Bühne verabschieden.
Sepultura bei ihrem letzten Wien-Konzert, am 20. November 2024. Bilder: Stefan Kuback
Kenner und Fans wissen es: Die “klassische” Besetzung von Sepultura zerbrach bereits Mitte der Neunziger mit dem Album “Roots”, als zuerst Sänger und Gitarrist Max Cavalera die Band verließ, und ihm sein Bruder und Schlagzeuger Igor Cavalera 10 Jahre später dann auch noch folgte. Aktuell touren die beiden Brüder unter den Namen Cavalera durch die Welt und spielen die alten Klassiker von “Morbid Visions” bis “Chaos A.D.”: Zuletzt waren sie auf “Morbid Devastation”-Tour auch 2023 in der ((szene)) und 2024 beim Kultursommer in Dornbirn.
Aber natürlich sitzen auch Sepultura selbst nicht still: Max Cavalera wurde damals rasch vom Hünen Derrick Green ersetzt, während auf Igor Jean Dolabella und Eloy Casagrande nachfolgten, wobei letztgenannter 2024 Sepultura wieder verließ und zu Slipknot wechselte. Auf Sepulturas letzter Tour wird Neuzugang Greyson Nekrutman zu hören sein, der auch maßgeblich den Anstoß für ihre letzte EP “The Cloud of Unknowing”, die Ende April erscheinen wird, gegeben hat. Von der klassischen Besetzung sind freilich noch Andreas Kisser (Gitarre) und Paulo Jr. (Bass) mit von der Partie.
Im vierzigsten Karrierejahr hießen Sepultura also einen 23-jährigen Jungspund in ihren Reihen Willkommen - ein Wunderkind am Schlagzeug, noch dazu musikalisch breit aufgestellt und somit ein kraftvoller Katalysator für die letzte Inkranation der Band. “Greyson brachte bei den Bandproben ständig auch neue Ideen ein. Ich hatte auch noch ein paar Demos übrig, nichts Fertiges, nur Ideen”, wird Gitarrist Andreas Kisser zitiert - und so reifte auch die Idee, nicht nur auf eine letzte Tour zu gehen, sondern zudem noch einmal ins Studio. Dabei fällt auf, dass Nekrutman tatsächlich neue Gedanken und Impulse eingebracht hat - denn an manchen Ecken klingt die letzte EP erstaunlich jazzig, aber auch orchestral, und nicht zuletzt wird man Ende April mit “Beyond the Dream” sogar eine introspektive Power-Ballade (!) hören.
Während der wenngleich kurze, dabei aber bittersüße Abschied natürlich etwas Besonderes ist, ist der Schwanengesang von Sepultura natürlich Anlass genug, das bisherige Schaffen nochmals durchzuhören und sich zu fragen: Waren wirklich nur die Cavalera-Alben das Beste, was Sepultura je aufgenommen haben? Oder haben sie auch mit Green am Gesang Großartiges veröffentlicht? Aus 15 Alben ergibt sich jedenfalls eine streng subjektive Reihung, über die man herrlich bei ein paar Bier dann am Nova Rock diskutieren wird können!
“A-Lex” (2009): Selten hatte ich ein so großes Verlangen, ein Album von Sepultura gut zu finden, wie hier - immerhin ist es ein Konzeptalbum, das auf dem großartigen Roman “A Clockwork Orange” von Anthony Burgess basiert. Leider will das Album nicht und nicht zünden - es klingt leider von Anfang bis Ende langweilig und ziellos.
"Against" (1998): Zwar haben Sepultura die Tribal-Beats und den Nu-Metal-Wumms vom Vorgänger “Roots” beibehalten, allerdings war der noch frische Verlust von Max Cavaleras Stimme und der deraus resultierenden Aggression deutlich hörbar. Zumindest zwei Stücke - der Titelsong und “Choke” - sind jedoch im Ohr hängen geblieben.
"Machine Messiah" (2017): Sepultura haben bereits mit “Chaos A.D.” die engstirnigen Thrash-Pfade verlassen, dabei ist “Machine Messiah” zum ambitioniertesten Werk ihrer Discographie geraten. Allerdings klingt das Album an vielen Ecken und Enden überfrachtet, es bleibt - bis auf “Sworn Oath” und das proggige “Iceberg Dances” - nur wenig in Erinnerung.
"The Mediator Between Head and Hands Must Be the Heart" (2013): Nach “A-Lex” das nächste Konzeptalbum, diesmal auf dem Stummfilm “Metropolis” beruhend. Vielleicht liegt es auch an Produzent Ross Robinson ("Roots"), dass die erdrückende Atmosphäre des Films gut eingefangen werden konnte - etwa bei “Obsessed” und “The Age Of The Atheist”.
"Nation" (2001): Die Identitätssuche, die mit “Against” begann, wird hier etwas wirr fortgesetzt - dass das Album deutlich besser gerät, dafür sorgen unter anderem zahlreiche Gastmusiker, von Jamey Jasta (Hatebreed) über Jello Biafra (Dead Kennedys) bis hin zu Cristian Machado (Ill Nino). Leider dauert das geilste Stück - “Revolt” - nicht einmal eine Minute.
“Kairos” (2011): Nach dem “A-Lex”-Totalausfall haben Sepultura etwas an alter Stärke wiedergefunden und tatsächlich nicht nur zwei gute Coversongs (Ministry, The Prodigy) aufgenommen, sondern mit “Born Strong”, “Mask”, Seethe", dem Titelstück und “Embrace The Storm” auch hartes wie auch catchiges eigenes Material.
“Roorback” (2003): Es ist dies wohl das erste Album aus der Ära nach Max Cavalera, das wieder annähernd an “Roots” oder “Chaos A.D.” heranreichte: Insbesondere “Come Back Alive” steht wohl programmatisch für die Ausrichtung, aber auch “Mind War” und “Godless” schaden einer Sepultura-Setlist auch heute nicht.
"Morbid Visions" (1986): An keiner Stelle ist diese Liste so objektiv wie hier: Subjektiv gesehen würde das Debüt in meinen persönlichen Top-3 landen, die rohe Aggression ist schlichtweg unglaublich und gerade “Troops Of Doom” zählt zweifelsohne zu den besten Stücken, die Sepultura je geschrieben haben. Insgesamt klingt's natürlich etwas juvenil.
"Dante XXI" (2006): Auch dies ist wieder ein (erneut: schlüssiges) Konzeptalbum - über Dante Alighieris “Göttliche Komödie”. Es ist dies das letzte Album mit Igor Cavalera am Schlagzeug, aber dafür schöpfen sie hiermit nochmals aus den vollen: Gerade “Convicted in Life” und “Ostia” gehören mit zu den stärksten Stücken, die sie je geschrieben haben.
“Quadra” (2020): Sepulturas “aktuellstes” Album hat mittlerweile auch schon sechs Jahre am Buckel - und geriet tatsächlich zu einem späten Highlight, es hätte mühelos zwischen “Chaos A.D.” und “Roots” erscheinen können - so gute Riffs hat Andreas Kisser schon lang nicht mehr geschrieben, und Eloy Casagrande klingt wie Igor zu Frühzeiten. Geil!
“Schizophrenia” (1987): Der Quantensprung zwischen dem Debüt und dem Zweitling ist hier ähnlich beeindruckend wie bei Kreator - das lag wohl auch an Neuzugang Andreas Kisser, der den Death/Black-Sumpf mit wieselflinken, dabei räudigen Thrashgranaten veredelte. Erstmals standen Sepultura Slayer und Metallica um nur einen Hauch nach!
“Beneath The Remains” (1989): Für viele Fans da draußen wohl das beste Album - und fairerweise muss man sagen, dass gerade “Mass Hypnosis” und das Titelstück mit die besten Songs sind, die sie je geschrieben haben. Auch klangen sie selten so hart und ungebremst wie hier - was nicht zuletzt an den Gästen von John Tardy (Obituary) bis Kelly Shaefer (Atheist) liegt …
“Arise” (1991): Nicht viele Fans weniger bevorzugen hingegen den direkten Nachfolger - wenngleich Sepultura hierauf nicht minder hart zu Werke gehen, aber erstmals auch ihre Industrial- und Hardcore-Einflüsse mit einfließen lassen. Eigentlich gehören hier ausnahmslos alle Songs in eine Live-Setlist - und nicht nur “Arise” und “Dead Embryonic Cells"!
"Roots" (1996): Für viele old-school-Fans war spätestens mit dem letzten Album von Max Cavalera Schicht im Schacht: Zu viele lateinamerikanische Tribal-Einflüsse überlagerten den urigen Thrash-Sound - dabei verkörperten Sepultura damit den Pioniergeist des aufkeimenden Nu Metals wie keine andere Band: “Roots! Bloody Roots!” - Killer!
“Chaos A.D.” (1993): Mein erstes Album von Sepultura - und meine erste große Liebe. Vom ersten Herzschlag von “Refuse/Resist” bis hin zum spooky “We Who Are Not As Others” ist ihr fünftes Album für Fans der frühen Stunde vielleicht eine Enttäuschung gewesen, aber nie paarte sich Thrash, Groove und Tribal so gekonnt wie hier. Ein absolutes Meisterwerk!
Dabei ist Sepultura nicht das einzige Highlight am Nova-Rock-Samstag: Von Kanonenfieber über Sabaton bis Iron Maiden dürfte speziell dieser Tag Metalfans ordentlich dazu anspornen, sich ein paar Bier zu genehmigen. Aber auch an anderen Tagen des Festivals finden sich einige Metal-Highlights - angefangen bei Mastodon und Static X am Donnerstag bis hin zu Black Label Society und Six Feet Under (mit neuem Album im Gepäck!) am Freitag. Dass der letzte Tag, der Sonntag, etwas ruhiger geraten ist, ist für ältere Semester wie mich dann sogar etwas entgegenkommend!