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Konzerte

The Dresden Dolls: ein dreifacher "Fruchtikuss" für Wien

01.09.2026 von Stefan Baumgartner

Vergangenen Sonntag gaben die Dresden Dolls ein kostenloses Pop-Up-Konzert am Karlsplatz – und sammelten einen ordentlichen Obolus für das Open Music Project. Gestern spielte man eine intime Show in der Szene – die Generalprobe für das heutige große Konzert im Open-Air-Areal der Arena: Da wird das 20-jährige Jubiläum von ihrem Kultalbum “Yes, Virginia …” zelebriert. Achtung: Es sind nur mehr wenige Restkarten erhältlich!

Wenn in Werbungen gesungen wird, verheißt das zwar aufgrund hochfrequenter Wiederholung auch eine starke Wiedererkennung – für das leidgeprüfte Ohr der Schauer linearen Fernsehen jedoch selten Gutes: Ich denke da an die Familie Lutz in den Wochen vor dem Eurovision Song Contest oder das krakeelende S-Budget-Börserl. Es gab und gibt aber auch einige wenige Ausnahmen, etwa wenn die Traditionsmarke Schärdinger dereinst auf Fendrichs Ballade und heimliche Bundeshymne “I Am From Austria” setzte, um eben ihre Tradition hervorzuheben. Der vermutlich gelungenste Jingle datiert aufs Jahr 2006: nachts, in einem Museum, erwachen da in einem Werbespot Malereien zum Leben. Eine großgewachsene, rothaarige Frau schleicht durch die Gänge. An ihrem goldenen Kleid erkennt man sie sofort: Sie ist die Geküsste aus Gustav Klimts berühmtem Bild “Der Kuss”. Was sie zu so später Uhrzeit macht? Genussvoll ein Glas Fruchtikus von Darbo, dem österreichischen Marmeladehersteller, löffeln. Im Hintergrund spielt es eine eingängige Melodie, das Lied “Coin-Operated Boy” – 2004 vom amerikanischen Duo The Dresden Dolls für ihr selbstbetiteltes Debütalbum geschrieben.

Auch wenn die Musik der Dolls Amanda Palmer und Brian Viglione – die Schublade nennt sich “Punk Cabaret” – eigenwillig klingt: Mit ihrem “Coin-Operated Boy” haben sie sich zwanglos ins kollektive Bewusstsein eingespielt, Stücke wie “Girl Anachronism”, “My Alcoholic Friends” und “Backstabber” werden sowohl von Patti Smith und Nine Inch Nails, als auch Lady Gaga und Billie Eilish abgefeiert. Die beiden letztgenannten Songs entstammen dem zweiten und bisher letzten Album der Dresden Dolls, “Yes, Virginia …” aus dem Jahre 2006 – eine Auseinandersetzung mit Themen wie Sexualität, Identität, Holocaust-Leugnung, Sucht, Kapitalismus und sozialer Isolation: Diesen August erschien davon und angelehnt an Taylor Swift eine neu eingespielte Aufnahme, die “Tailor’s Version”.

Musste man vergangenes Jahr noch nach St. Pölten fahren, um die Dresden Dolls auch live zu erleben – ihr erstes Konzert auf österreichischem Boden seit ihrem Auftritt am FM4 Frequency 2008 (!) spielten sie natürlich vor einem rappelvollen Domplatz –, melden sie sich im Zuge des Jubiläums von “Yes, Virginia …” mit gleich drei Konzerten unterschiedlicher Größenordnung nun auch in Wien zurück:

Wer vergangenen Sonntag über den Wiener Karlsplatz mäanderte, um die letzten Sommersonnenstrahlen zu genießen, war wohl bass erstaunt. Um 11 Uhr schipperten nämlich die beiden Dolls auf einem rosa Flamingo über den Teich vor der Karlskirche, um anschließend bei Kaiserwetter und vor einigen hundert Fans vier ihrer Songs bei einem roughen Pop-up-Konzert zu spielen: Natürlich “Coin-Operated Boy”, aber auch “Backstabber”, das Jacques-Brel-Cover “Amsterdam” und “Sing”. Zumindest für Amanda Palmer kein Neuland: Bereits 2019 spielte sie solo am Karlsplatz, wenige Stunden vor ihrem offiziellen Konzert im ehrwürdigen Konzerthaus. Diesmal war es jedoch mehr als sonntägliches Kurzweil: Beim kostenlosen, öffentlich zugänglichen Konzert wurden sage und schreibe 4.000 Euro für das Open Music Project von DoReMi gesammelt – ein Verein, der soziale Teilhabe durch musikalische Bildung fördert.

Vor den Dresden Dolls war aber auch Agnes Verano zu hören, eine Harfen- und Klavierspielerin und “Geschichtenerzählerin” aus Wien: Ihre Songs sind sanft und lyrisch, zart in ihrer Verletzlichkeit und zugleich unverwundbar. In ihren Texten verschmelzen erlebte Begegnungen mit bittersüßen Abschieden, Melancholie trifft auf warme Nostalgie. Mit Leichtigkeit entsteht so ein Gefühl von Geborgenheit – eine Einladung zum Tagträumen, getragen durch eine klar flirrende Stimme, die von fragiler Schönheit lebt.

Agnes Verano eröffnete auch das zweite Konzert der Dresden Dolls, eine intime Show in der Szene Wien, die am Montagabend vor vollem Haus über die Bühne ging. Da spielten sie zum Hauptabendprogramm die Generalprobe für ihre große Sause, die heute im Open-Air-Areal der Wiener Arena über die Bühne geht: Schwerpunkt lag freilich vom eröffnenden “Sex Changes” über “My Alcoholic Friends und ”Delilah" bis zum Abschluss mit “Sing” auf “Yes, Virginia …”, aber “Girl Anachronism” musste natürlich gestern in der Szene ebenso sein. Besonders schön: Für “Sing” wurde Agnes Verano an der Harfe erneut auf die Bühne geholt – und mit “Eisbär” gab es ein Cover der Schweizer NDW-Band Grauzone obendrauf.

War die gestrige Generalprobe nach lediglich 11 Stücken schon wieder Geschichte, darf man sich für das heutige Konzert in der Arena natürlich eine ausuferndere Setlist erwarten – wohl mit einigen Stücken mehr von Debütalbum und vielleicht sogar “Yes, Virginia …” in voller Länge?

Agnes Verano und The Dresden Dolls am 31. August 2026 in der Szene. Bilder: Stefan Baumgartner

Aber wir wollen bei aller zeitgemäßen Brillanz der Lieder nicht nur in der Vergangenheit schwelgen: Können sich die Dresden Dolls nun auch endlich einmal dazu durchringen, nach 20 Jahren ein neues Album aufzunehmen? Daraufhin muss Amanda Palmer lachen: “Es ist kompliziert. Aber: Ich habe eine Unzahl an Songs.” Die Hoffnung stirbt zuletzt – und heute pilgern wir erstmal zu einem der letzten Open-Airs in Erdberg, bevor Dick Brave, Von Wegen Lisbeth, The Bosshoss, Heinz aus Wien, 5/8erl in Ehr’n und Voodoo Jürgens innert der nächsten Tage dem Sommer ebda. den Stecker ziehen.


Live-Termine


The Dresden Dolls - "Yes, Virginia ... (Tailor's Version)"

01. September 2026 | Wien, Arena Open Air


Infos auf dem Stand vom 01.09.2026  

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