Bild: R. Derick Photography
Mit "Hate To Go (Take Out Or Delivery)" begräbt Al Jourgensen im Oktober die Industrial-Legenden Ministry, die letzte Tour folgt im Frühjahr.
Wenn eine legendäre Band wie Ministry (zum bereits dritten Mal, übrigens) ihren Abschied ankündigt, endet weit mehr als nur eine Bandkarriere: Vielmehr zieht Bandkopf Al Jourgensen damit einen Schlussstrich unter eines der bedeutendsten Kapitel des Industrial, sind Ministry doch zweifelsohne in einem Atemzug mit Nine Inch Nails, Killing Joke, Rob Zombie und Marilyn Manson zu nennen. Mit dem 17. und letzten Studioalbum “Hate To Go (Take Out Or Delivery)”, das im Oktober erscheint, und einer Abschiedstournee gemeinsam mit Die Krupps endet nun ihre Geschichte.
Die erste neue Single “Burned Out” zeugt davon, dass Altersmilde kein Grund hierfür ist: Man zeigt sich zu harten, maschinellen Beats mit Bezügen zu den Epstein Files, ICE und Russlands Krieg in der Ukraine politisch wie eh und je. Es ist jedoch viel mehr als ein klassischer Protestsong (man denke an U2): Statt einzelne Ereignisse in den Mittelpunkt zu stellen, beschreibt “Burned Out” das Gefühl kollektiver Erschöpfung in einer Welt, die von Kriegen, gesellschaftlicher Polarisierung, Korruption, Desinformation und permanenter medialer Reizüberflutung geprägt ist. Die Botschaft ist eindeutig: Nicht nur politische Systeme geraten an ihre Grenzen, sondern auch die Menschen, die täglich mit den Folgen dieser Entwicklungen konfrontiert werden.
Für Fans nichts Neues: Während Ministry 1981 eigentlich als Projekt irgendwo zwischen Synth-Pop und New Wave begann und erst peu à peu klanglich härter, radikaler wurde, waren gesellschaftliche Missstände, politische Konflikte und unbequeme Themen generell immer schon Mittelpunkt von Al Jourgensens Schaffen, man denke da exemplarisch an “Psalm 69”, “Filth Pig”, “The Last Sucker” und “AmeriKKKant”.
Mit “Burned Out” beginnt nun das letzte Kapitel: Musikalisch knüpft man an den Sound an, der Ministry seit Jahrzehnten auszeichnet: treibende Elektronik, brachiale Gitarren, maschinenhafte Rhythmen und Jourgensens markanter Gesang. “Burned Out” ist einer von insgesamt 10 letzten Songs, die gebündelt am 30. Oktober den Schlussstrich unter eine prägende Diskografie setzen werden. Für langjährige Fans hält das Album zudem eine besondere Überraschung bereit: Nach 23 Jahren kehrt Bassist und Co-Songwriter Paul Barker auf einem Song - “We’re Still Here” - zurück. Dass Barker ausgerechnet für den letzten Song am Album noch einmal an Al Jourgensens Seite steht, verleiht dem Abschied eine zusätzliche emotionale Ebene. “There's a republican in the White House and I only write good records when that's happening”, hat Al Jourgensen zur “Houses Of The Molé”-Zeiten einmal gesagt - und das letzte Ministry-Album dürfte dies erneut bestätigen.
Einziges Ärgernis: Eines der Stücke, “The White Man Lied”, wird nur auf der CD, nicht jedoch auf den Vinylversionen und Kassetten erscheinen. Man wird also wieder einmal mehrere Varianten kaufen müssen. Apropos: Nicht nur Tickets für die letzte Tour, auch das Album ist - nebst einer Merch-Kollektion - bereits vorbestellbar.
Was wohl Al Jourgensen nach dem Aus von Ministry so treibt? Vielleicht bleibt er uns unter einem auf einer seiner zahlreichen (und vielleicht wieder revitalisierten) Spielwiesen - etwa mit Revolting Cocks, der Cabaret Voltaire-Kollaboration Acid Horse, Lard mit Dead Kennedys' Jello Biafra oder Surgical Meth Machine - ja doch erhalten. Oder er fliegt mit Hilfe irgendwelcher Space-Drogen ins All. Zuzutrauen wäre ihm viel oder gar alles, denn Grenzen kennt der Mann bekanntlich kaum: William Borroughs, der es irgendwie geschafft hat, Jahrzehnte im Heroinrausch zu verbringen, ohne zu sterben, und Timothy Leary, der mit seinen LSD-Experimenten zur Hippie-Ikone wider Willen mutiert, sind für ihn und seinen eigenen Selbstzerstörungstrieb erst Vorbilder, später sogar Freunde. In dem Sinne: Just one (more) fix!