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Die “Tailor's Version” der Dresden Dolls: Zum 20. Geburtstag des bahnbrechenden Albums "Yes, Virginia…" erscheint selbiges als neu “geschneiderte” Version - inklusive Feier in der Wiener Arena.
Wenn in Werbungen gesungen wird, verheißt das zwar aufgrund hochfrequenter Wiederholung auch eine starke Wiedererkennung - für das leidgeprüfte Ohr der Schauer linearen Fernsehen jedoch selten Gutes: Ich denke da an die Familie Lutz in den Wochen vor dem Eurovision Song Contest, den Song aus der Hofer-Werbung oder das krakeelende S-Budget-Börserl.
Es gab und gibt aber auch einige wenige Ausnahmen, etwa wenn vor Jahren das Einrichtungshaus Leiner seine Kunden frug, wie groß ihre Liebe zu Möbeln ist - entlehnt zu Klängen, die letztlich Take That populär gemacht haben. Oder wenn die Traditionsmarke Schärdinger dereinst auf Fendrichs Ballade und heimliche Bundeshymne “I Am From Austria” setzte, um eben ihre Tradition hervorzuheben. Wir erinnern uns vielleicht sogar noch an die noch ältere Teekanne-Werbung “Wenn der Teekessel singt” aus den Siebzigern - eine Coverversion von Cat Stevens' “Father and Son”.
Die vermutlich jüngste, wirklich gelungene Umsetzung datiert aufs Jahr 2006: Nachts, in einem Museum, erwachen da in einem Werbespot Malereien zum Leben. Eine großgewachsene, rothaarige Frau schleicht durch die Gänge. An ihrem goldenen Kleid erkennt man sie sofort: Sie ist die Geküsste aus Gustav Klimts berühmtem Bild “Der Kuss”. Was sie zu so später Uhrzeit macht? Genussvoll ein Glas Fruchtikus von Darbo, dem österreichischen Marmeladehersteller, löffeln. Im Hintergrund spielt es eine eingängige Melodie, das Lied “Coin-Operated Boy”, 2004 von Amanda Palmer für ihre Band The Dresden Dolls und das Debütalbum geschrieben.
2013 spielte Amanda Palmer solo am renommierten Blue Bird Festival im nicht minder renommierten Porgy & Bess, ineinander stolpernd verriet sie damals: “Die Marmelade schmeckt super. Und sie bezahlt Jahr für Jahr meine und Brians Gesundheitsversicherung.”
Mit Brian ist Brian Viglione gemeint, Schlagzeuger der Dresden Dolls: Gegründet im Jahr 2000 in Boston nach einer zufälligen Begegnung auf einer Halloween-Party, etablierte das Duo ihr “Punk Cabaret” rasch als einzigartige Größe innerhalb der Underground-Musik- und Kunstszene - kein Wunder, bei dieser unikalen Mischung aus Theatralik, Punk-Energie und Cabaret-Ästhetik.
2003 veröffentlichten sie ihr bereits erwähntes Debüt mit eben unter anderem “Coin-Operated Boy”, aber auch “Girl Anachronism” - dieses war später auch Teil der erfolgreichen Serie “Weeds”. Nine Inch Nails griffen ihnen schließlich unter die Arme, und plötzlich spielten die Dresden Dolls und mit ihrem zweiten (und bisher letzten) Album, “Yes, Virginia…” (2006) gemeinsam mit Größen wie Patti Smith oder The Cure - und heute sind es freilich sie selbst, die von Künstlerinnen wie Billie Eilish und Lady Gaga als gigantische Einflüsse genannt werden.
Dass ihr letztes Album nun schon 20 Jahre am Buckel hat, liegt darin begründet, dass Amanda Palmer und Brian Viglione bereits 2008 wieder getrennte künstlerische Wege einschlugen: Er spielte unter anderem mit Nine Inch Nails, sie entwickelte eine vielschichtige Solokarriere zwischen Theater, Literatur und Musik.
Bereits vergangenen Herbst feierten The Dresden Dolls eine umjubelte Rückkehr, und zwar am St. Pöltener Pop am Dom - gemeinsam mit Jehnny Beth, Dry Cleaning und Laundromat Chicks im Vorprogramm. Dort, wiedervereint auf der Bühne, boten sie in einer unglaublichen Frische exakt das, wofür sie gut zwei Jahrzehnte zuvor bekannt wurden: Punk, in seiner urigsten Form. Emotional, laut, nicht poliert. Und das Make-Up wirkte immer noch wie ein Verstärker der Musik.
“Wie kam es, dass ihr nun wieder zusammen aktiv seid”, musste man Amanda Palmer da freilich fragen: “Es ist seltsam mit uns. Wir haben uns nie offiziell verabschiedet. Aber wir sind in den Nuller-Jahren durch eine sehr intensive Phase gegangen, wir haben uns absolut ausgebrannt. Danach sind wir eine Zeit lang unsere eigenen Wege gegangen, um unsere mentale Gesundheit wiederzuerlangen. Dann kamen Kinder. Covid kam. Verzweiflung kam und ging.” Aber schließlich - und glücklicherweise! - fanden die Dresden Dolls also wieder zusammen, der Domplatz war wenig verwunderlich bis auf den letzten Zentimeter restlos gefüllt.
Und natürlich stand auch ein zweiter Elefant im Raum: “Wie sieht es mit einem neuen Album aus?” Auch da zeigte sich Amanda Palmer nach einem kleinen Dämpfer überraschend zuversichtlich: “Es ist kompliziert. Zum ersten Mal haben wir 2015 darüber gesprochen, neue Songs aufzunehmen. Das ist zehn Jahre her. Und wir sprechen immer noch darüber. Je länger es dauert, desto wichtiger wird das Album und desto unglaublicher wird es sein. Ich habe eine Unzahl an Songs.”
Aber jetzt steht erst einmal das Jubiläum von “Yes, Virginia…” an - und zwar in einer neu eingespielten Version, die - natürlich angelehnt an Taylor Swift mit “Tailor's Version” benannt ist. Das halb-neue Album erscheint am 7. August, bereits jetzt wird die Veröffentlichung von einer neuen Version des Fan-Favoriten “Backstabber (Tailor’s Version)” eingeleitet.
“Yes, Virginia… (Tailor's Version)” zeigt The Dresden Dolls erneut bei einer Auseinandersetzung mit Themen wie Sexualität, Identität, Holocaust-Leugnung, Sucht, Kapitalismus und sozialer Isolation - getragen von einer trotzigen, lebensbejahenden Energie. Auch die Tracklist bleibt - abgesehen von einem Bonustrack - unverändert, doch die Performance spiegelt zwei Jahrzehnte persönlicher und künstlerischer Entwicklung wider und verleiht Songs wie “My Alcoholic Friends”, “Sex Changes”, “Backstabber”, “Mrs. O”, “Sing”, “Delilah” oder “Me and the Minibar” eine neue Tiefe und eine neue Intensität.
Man darf also hoffen, dass die Dresden Dolls nach den Geburtstagsfeierlichkeiten bereits diesen Herbst im Open-Air-Areal der Wiener Arena nun erneut ins Studio gehen und endlich ihr drittes (Meister)werk verfassen?! Es ist immer noch Zeit für Punk Cabaret!