Bild: Nils Sandmeier
Die beiden Halbfinale sind noch nicht einmal angelaufen, da heißt es schon allerorts Finnland, immer nur Finnland: Dabei sind die besten Beiträge vom diesjährigen ESC eigentlich ganz andere ...
Heute um 21 Uhr geht es endlich los mit dem 70. Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle: Im ersten Halbfinale werden da 15 der 35 teilnehmenden Nationen um ihren Einzug ins Finale - fix gesetzt sind nur das Gastgeberland Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich - rittern. Moldau, Schweden, Kroatien, Griechenland, Portugal, Georgien, Finnland, Montenegro, Estland, das vermeintliche “Problemkind” Israel, Belgien, Litauen, San Marino, Polen und Serbien werden da erstmals ihre Beiträge offiziell auf der großen Bühne präsentieren, bevor übermorgen das zweite Halbfinale mit weiteren 15 Nationen stattfindet: Lediglich 20 der 30 teilnehmenden Länder werden dann ins Finale vorrücken.
Ohne die optische Wirkung der Live-Darbietung gesehen zu haben, kann man sich zumindest akustisch schon einmal einen Eindruck sämtlicher Beiträge in unserer ESC-Playlist machen - und für sich selbst den persönlichen Liebling herauskristallisieren.
Noch ist kein Ton gespielt, noch keine Darbietung über die Bühne gegangen, da heißt es allerorts seit Wochen, dass die diesjährige ESC-Trophäe nach Finnland, an das Duo Linda Lampenius & Pete Parkkonen mit “Liekinheitin” geht. Bereits im Februar (!) stieg in den Wettbüros die Gewinnchance von ihnen auf dreißig Prozent, und der Abstand zu den Zweitplatzierten (aktuell Griechenland) steigt stetig.
Neben den offiziellen Wettbüros versucht auch die eingeschworene, gigantische Fanszene, ihre Favoriten herauszukristallisieren: Auf eurovisionworld.com stimmen jedes Jahr mehr als hunderttausend Useri*nnen und User über die Titelaspiranten ab: Auch hier liegt Finnland deutlich vorne, jedoch nicht vor den (hier: drittplatzierten) Griechen, sondern mit knapp 10 Prozent Abstand vor Dänemark.
Aber wie treffsicher sind diese Einschätzungen? Nun, bekanntlich entscheidet über Sieg oder Niederlage im Finale sowohl eine Jury-, als auch eine Publikumswertung: Und hier sind die Diskrepanzen in der Vergangenheit schon merklich gewesen - wobei die Trefferquote auf beiden Seiten in den letzten Jahren beeindruckend war. Allerdings: Sowohl in den Wettquoten, als auch bei eurovisionworld.com war JJ vergangenes Jahr da etwa hinter Schweden, aber deutlich abgeschlagen “nur” Zweitgereihter. Insofern ist ein finnischer Sieg freilich noch nicht gesetzt, aber mit den beachtlichen Quoten doch hochwahrscheinlich.
Während bisher nur von den Spitzenpositionen die Rede war, blicken wir doch auch einmal an das andere Ende der sprichwörtlichen, nicht Conchita Wurst: Auf beiden Seiten - der der Wettbüros, als auch der der Fans - wird Österreich mit COSMÓs “Tanzschein” aktuell als Schlusslicht gehandelt, dicht gefolgt vom Vereinigten Königreich, das Sam Battle alias Look Mum No Computer mit dem deutschsprachigen Titel “Eins, Zwei, Drei” ins Rennen schickt. Dabei wird dem griechischen Philosophen Sokrates ein derbes, im Internet verbreitetes Zitat in den Mund gelegt: “Meinungen sind wie A … (man denke sich den Rest) - jeder hat eins.”
Und so gehört “Eins, Zwei, Drei” für mein subjektives Empfinden tatsächlich mit zu den besten der 35 Beiträge: Battle begann vor 12 Jahren seine Musikkarriere als Frontmann der Indie-Band Zibra und trat mit ihnen etwa auch beim renommierten Glastonbury auf. Als Solokünstler hat er sich seiner Leidenschaft für elektronische Sounds gewidmet, berühmt wurde er durch Furbie-Orgeln (!), Game-Boy-Instrumente, Synthesizer-Fahrräder, flammenspeiende Keyboards und ein “Star Wars”-Droiden-Orchester. Sein ESC-Beitrag entstand übrigens auf einem Synthesizer, der “Kosmo” heißt und somit beinah Namenspatron von unserem COSMÓ ist! In dem Titel geht es darum, der Langeweile des Arbeitsalltags zu entfliehen und in eine Welt der Träume und unendlichen Möglichkeiten einzutauchen - geschrieben wurde das Stück unter anderem mit der Hilfe von Lasse Midtsian Nymann, der auch Autor des Schweizer Siegerliedes “The Code” von Nemo war.
Doch da gibt es noch einige Nationen mehr, die sich über meinen Hammer, Amboss und Steigbügel hinweg in die Gehirnwindungen gefräst haben:
Auch Frankreich - beiderseitig auf Platz 4 gesetzt - finde ich gut: Die französisch-amerikanische Sopranistin Monroe tritt mit “Regarde!” an und sucht darin die Liebe im - natürlich - nächtlichen Paris. Allerdings dreht sich ihre opulente Nummer, die man durchaus mit Rosalías “Berghain” vergleichen kann, auch um die Einsamkeit, die manchmal in zwischenmenschliche Beziehungen reingrätschen kann. Man merkt schon zumindest eine meiner Tendenzen: Denn gut finde ich mit “Bella” von AIDAN auch den Beitrag aus Malta (Platz 8/20) - einen überaus gefühlvollen und symphonischen Bombast-Song, der Fans von JJ und Conchita definitiv abholen sollte.
Auch vor der Schweiz (Platz 26/21) sollte man dieses Jahr die Ohren nicht verschließen: Veronica Fusaro singt in “Alice” über geschlechtsspezifische Gewalt und Grenzüberschreitungen gegenüber Frauen - spannenderweise erzählt aus der Sicht des Täters, der sein Opfer zum Objekt macht, ähnlich wie im aufwühlenden Nirvana-Klassiker “Polly”, den Fusaro als Inspiration nennt.
Politisch wird es auch bei “Dancing On The Ice” von Essyla, dem Beitrag aus Belgien (Platz 30/33), der insbesondere Fans von Billie Eilish in einigen Momenten packen müsste: Generell teilt sie in ihren Texten die Anliegen einer jungen Frau ihrer Zeit, mit einem klaren Schwerpunkt auf weiblicher Selbstermächtigung - dieser Song dreht sich im Speziellen darum, “trotz allem” nicht die Hoffnung zu verlieren. Es ist eine Hymne an die Entschlossenheit der Jugend und ihre Fähigkeit, ihren eigenen Weg zu gehen - und nicht an der Welt zu zerbrechen.
Ich möchte mich an dieser Stelle nicht zu sehr dem Boulevard annähern, der oft von “versexten” Performances zu erzählen weiß: Ja, sex sells - davor muss man die Augen nicht verschließen. Aber bekanntlich sollte neben dem sprichwörtlichen Auge auch das Ohr mitessen: Demnach lasse ich die deutsche Kandidatin Sarah Engels mit “Fire” zwar links liegen, möchte aber mit Jonas Lovv und “Ya Ya Ya” den Beitrag aus Norwegen (Platz 20/26) exponieren.
Zwar berichtet die Kronen Zeitung exklusiv, dass noch bevor die Performance zu sehen war - er steht erst am Donnerstag im zweiten Halbfinale auf der Bühne -, die EBU sich über seine “etwas zu anzügliche Performance” verstimmt zeigt. Aber: Hier sollten all jene abgeholt werden, die - wie auch ich - 2021 für Maneskin gestimmt haben. Und auch Maneskin haben gekonnt Auge und Ohr gleichermaßen leuchten gemacht …
Und schließlich habe ich auch einen Softspot mit “Bangaranga” von Dara im Beitrag aus Bulgarien (Platz 16/15) gefunden: Zu Recht, wie ich meine - kaum ein anderer Track der diesjährigen Saison pumpt derart amtlich wie dieser hier! Übrigens: Der Titel ist dem jamaikanischen Kreolisch abgeleitet und bedeutet in diesem Kontext wohl “Unruhestifterin” - steht also auch wie die Beiträge aus der Schweiz und Belgien für Selbstbewusstsein und das Entdecken innerer Stärke ein - etwas, das sich viele gerade junge Menschen im Gegensatz zu anderem, hier nicht näher benanntem Bullshit, gerne auf die Fahnen heften können!
Am Samstag hat dann das Glaskugellesen ein Ende und wir alle wissen, ob kommendes Jahr der Eurovision Song Contest tatsächlich in Finnland ausgetragen werden wird. Gesetzt ist jedenfalls, dass mit Veronica Fusaro eine meiner persönlichen Favoritinnen bereits diesen Herbst, am 12. Oktober, in der Wiener Szene gastieren wird - und zwar mit ihrem aktuellen Album “Looking For Connection”, das vergangenen Herbst erschien, im Gepäck. Wie auch auf ihrem Debüt "All The Colors Of The Sky" changiert sie dort gekonnt zwischen Pop und Soul, getragen von einer Stimme, die wie auch die Geschichten, die sie erzählt, einfach nur berühren.
Welche anderen Kandidaten und Kandidatinnen des diesjährigen Eurovision Song Contest uns noch auf den kleineren Bühnen beehren werden, erfahrt ihr natürlich dann auch immer bei uns! Bereits jetzt gibt es aber auch gute Neuigkeiten aus unserem Heimatland - und zwar sowohl von JJ als auch von COSMÓ - zu vermelden:
Vergangene Woche erschien COSMÓs erste EP, die neben seinem “Tanzschein” auch drei weitere neue Songs präsentierte, nämlich “Du machst mich high”, “Den Sommer überleben” und “Alle meine Nachbarn”. Damit legt er den Soundtrack für eine Jugend, die in den 2020er Jahren erwachsen werden muss, vor - zwischen Unsicherheit und Überforderung. Allerdings setzt der 19-Jährige dabei auf eine klare Haltung: Man sollte an der Gegenwart mit all ihren Krisen, Druck und ständigen Veränderungen nicht verzweifeln, sondern weitermachen. Weitermachen wird COSMÓ auch selbst: Denn nach zwei Konzerten Ende Mai bei der Starnacht am Neusiedlersee und seiner Tour-Begleitung von so etablierten Größen wie folkshilfe, AUT of ORDA und Pizzera & Jaus im Sommer, geht er im Herbst auf seine eigene “Lieber tour ich weiter”-Tournee, die ihn und seinen Tanzschein ins Wiener Flex, ins Grazer Orpheum, ins Salzburger Rockhouse, die Music Hall in Innsbruck und das Conrad Sohm in Dornbirn führt.
Und der Vorjahressieger JJ plaudert nicht nur munter mit Conchita Wurst in ihrem gemeinsamen Podcast “Bussi Bla Bla”, sondern veröffentlich bereits übermorgen und somit zur Hochzeit des ESC seine erste EP, die mit “Into The Unknown” betitelt ist - erst kürzlich brachte er mit der aktuellen Single “Ballerina” nicht nur einen tadellosen, sondern auch einen seiner verletzlichsten Songs. Das Titelstück “Unknown” bildet den Mittelpunkt der sechs Tracks starken EP und wird im zweiten Halbfinale des Eurovision Song Contest dann auch live präsentiert werden!