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Rosalía: Zwischen Euphorie und Elegie

06.05.2026 von Stefan Baumgartner

Zwischen Euphorie und Elegie: Während die spanische Sängerin Rosalía aktuell auch bei uns in der dritten Staffel der Serie "Euphoria" zu sehen ist, ist sie eine der weiteren Superstars, die - im Zuge ihrer “Lux”-Tour - konsequent an Österreich vorbei touren.

Als das Coming-of-Age-Drama “Euphoria” mit Zendaya in einer der Hauptrollen 2019 anlief, galt die Serie als neue Messlatte: Mit der provokanten Erzählung über eine Generation zwischen Identitätssuche, Sex, Kriminalität und Drogen sorgte man für starke Wellen – nicht minder auch mit der rasch nachgeschossenen Staffel zwei.

Vier Jahre musste man nun auf die Rückkehr warten – vier Jahre, in denen sich Zendaya endgültig zum Weltstar und Jacob Elordi Richtung Oscar-Radar spielten und Sydney Sweeney mit ihren “guten Genen” als eines der neuen, festen Gesichter Hollywoods avancierte. Allerdings häuften sich hinter den Kulissen auch die Tragödien und Vorwürfe eines toxisches Arbeitsumfeldes – und für viele Kritiker kann Staffel drei, die Mitte April anlief, auch nicht an die etablierte Messlatte heranreichen. Ein paar cringen Momente von insbesondere Sydney Sweeney zum Trotz eher unbegründet, wie ich meine.

Allerdings trifft in der aktuellen Staffel ein Phänomen auf das andere, konnte doch die spanische Sängerin Rosalía, von der New York Times vor Kurzem etwas großkotzig als “einziger Popstar der Gegenwart” bezeichnet, für eine Nebenrolle gewonnen werden – nicht ihr erster Berührungspunkt mit “Euphoria”, war sie doch mit “Lo Vas A Olvidar” gemeinsam mit Billie Eilish immerhin schon in der Episode “Fuck anyone who’s not a sea blob” zumindest zu hören. Nun ist sie in “Euphoria” aber auch in ihrem Schauspieldebüt zu sehen – und zwar als Stripperin Magick in einem ziemlich abgeranzten Club namens Silver Stripper im US-Bundesstaat Mexiko.

Vom Silver Stripper ins Berghain

Mit den Dreharbeiten der acht neuen Folgen hat Rosalía auch die Zeit zwischen ihrem dritten Album “Motomami”, das 2022 erschien, und ihrem aktuellem Album “Lux”, das vergangenen November seine Veröffentlichung fand, überbrückt: War sie bisher ein zwar ausgezeichneter, aber doch ein “Nischen-Star”, hat sie sich mit “Lux” nun sprungartig in absurde Sphären katapultiert – nicht unähnlich zu Sabrina Carpenter, die auch lange zumindest in Europa im Irgendwo herumdümpelte, bevor sie 2024 im Vorprogramm von Taylor Swifts “Eras”-Tour und mit “Espresso” auch hierzulande steil ging.

Werfen wir dazu einen Blick nach Deutschland: Mit ihren ersten beiden Alben “Los ángeles” und “El mal querer” war Rosalía damals noch vor wenigen hundert Personen etwa in der Laeiszhalle Hamburg, einem intimen Konzerthaus, oder im Jazzclub Leerer Beutel in Regensburg zu erleben. Zugegeben, mit “Motomami” erreichten auch bei unserem großen Bruder die Hallen schließlich Gasometer-Größe, aber was mit und nach “Lux” passierte, das sind dann nochmals gänzlich andere Dimensionen: Erst vergangene Woche spielte sie in der Lanxess Arena in Köln, sowie in der Uber Arena Berlin – beide Megahallen waren selbstverständlich bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Zurecht, muss man sagen: “Lux” ist – mit der Leadsingle “Berghain”, die zwar mit Features von Björk und Yves Tumor aufwartet, nicht jedoch vom legendären Berliner Club inspiriert ist – ein komplexes, ausuferndes, grandioses Meisterwerk geworden. Denn erstmals schwimmt sich die katalanische Sängerin aus ihren lateinamerikanischen Traditionen frei und wagt den fast schon größenwahnsinnigen Versuch einer neuen, einzigartigen Popmusik – in gleich 14 Sprachen. Irgendwo zwischen einer Hommage an ihr “altes” Ich, Avantgarde, Rap, Pop, Techno, Krachelektronik, Klassik und Barock geistert sie sich auf “Lux” durch das große Überthema Spiritualität: 18 Songs sind in vier Sätze geteilt, die sich jeweils einer anderen, weiblichen Heiligenfigur widmen. Dabei geht es ihr weniger über die religiösen Codes, sondern vielmehr um eine Art spirituellen Mystizismus – die Erforschung der weiblichen Göttlichkeit, und zwar mit größter Sorgfalt und himmelhochjauchzender Eleganz.

“Lux”, das ist kein einfaches Pop-Album: Es ist laut und leise, es ist unglaublich dynamisch, sehnsüchtig, aber auch fordernd, es ist grazil und zärtlich, dann auch wieder schwer und pastoral, bombastisch. Zugänglich? Kaum. Die Exzentrik, die Rosalía auf “Lux” auslebt, muss ein Hirn erst einmal verarbeiten können – es ist weitaus mehr als ein Crossover zwischen Oper und Pop im Stile von etwa Queens “Bohemian Rhapsody” oder JJs “Wasted Love”. “Lux” ist eine Transzendenz, die in der schnelllebigen ADHS-Popwelt heute eigentlich gar keinen Platz hätte – aber dennoch bei einem Massenpublikum einschlägt.

Vom Berghain nicht in den Volksgarten

Ihre aktuelle “Lux”-Tour führte Rosalía bisher vom Tourstart im französischen Lyon über Paris, Zürich und Mailand bereits zu einem viertägigen Gastspiel in Madrid, einem zweitägigen in Lissabon und einer ebenfalls viertägigen Residenz in ihrer Heimatstadt Barcelona. Neben den bereits angesprochenen zwei Deutschland-Terminen in Köln und Berlin wurden lediglich noch die Niederlande und London besucht: Österreich kennt auch Rosalía nicht. Damit ist sie ein weiterer Hype, der einen großen Bogen um Österreich macht: Wie auch für etwa Reneé Rapp oder FKA twigs, aber auch Slayyyter und Angine De Poitrine diesen Herbst, oder Olivia Rodrigo kommendes Frühjahr muss man sich also um eine Reise bemühen – ein miserabler Zustand, der sich mit der neuen, in einigen Jahren kommenden Eventarena in Wien-St. Marx hoffentlich zum Besseren wendet.

Köln also, die Stadt des Biers im Fingerhut: Dort spielte Rosalía am 29. April in der Lanxess-Arena – und lud bei meinem Livedebüt auch auf der gigantischen Bühne zu einem transzendentalen Erlebnis, das beinah zum Niederknien zwang.

Rosalía in Köln

Pressefotografen waren bei Rosalía – wie auch bei vielen ihrer Kolleginnen – nicht erwünscht: Ein grassierender Zustand, den die Fan-Bubble vermutlich umjubelt, aber freie Berichterstattung erschwert. Dies sei hier jedoch nur am Rande erwähnt, falls die Frage auftaucht, wieso mein Eindruck lediglich von schlechten Handy-Fotos begleitet wird.

Aber vermutlich würden nicht einmal die besten Fotos dieser Welt diesem diversen Schauspiel gerecht werden, das Rosalía in Köln mit zahlreichen Kostüm- und Bühnenbildwechseln darbot: Zerbrechlich sah sie bei ihrem Erscheinen auf der Bühne aus, als zierliche Ballerina in Spitzenschühchen, angestrahlt von einem Mond. Zerbrechlich wirkte dann sogleich auch ihre engelsgleiche Sopranstimme, strahlte dabei jedoch eine unglaubliche Potenz aus, als sie begann, von “Sex, Gewalt und einem Reifeprozess” – das “Lux”-Eröffnungsstück “Sexo, Violencia y Llantas” – zu erzählen.

Rasch wird, wie auch schon am Covermotiv von “Lux”, aus der Ballerina eine Heilige: “Ich bin (auch) deine Reliquie”, heißt es im folgenden “Reliquia”: Alles klar, nicht nur Nick Cave kann zur Messe ausrufen, auch sie – und das sieht man im Publikum widergespiegelt, denn viele der Menschen, die an diesem Abend in die Arena (man muss es fast sagen) gepilgert sind, tragen reines Weiß und Schleier. Ihre Göttin: Rosalía eben, die an diesem Abend ihren Schwerpunkt auch auf ihr aktuelles Album legt – lediglich die Hälfte der Stücke stammt von ihren anderen Alben und – während “CUUUUuuuuuute” von “Motomami” – einem kurzen Schwenk zu Eurythmics “Sweet Dreams”, das nicht nur Marilyn Manson kann.

Begleitet wird sie bei diesem Gesamtkunstwerk, das sich über die folgenden zwei Stunden immer mehr steigert, von einem großen Orchester – geleitet übrigens von der in Deutschland lebenden kubanischen Komponistin, Organistin und Dirigentin Yudania Gómez Heredia: Sie hatte letztes Jahr auf Social Media ein Erklär-Video zu den Klassikanleihen in “Berghain” hochgeladen und wurde daraufhin von Rosalía gleich für die Tour angeworben.

Apropos “Berghain”: Hier erscheint dann Rosalía weniger göttlich, sondern viel mehr diabolisch auf der Bühne, mit schwarzen Hörnern, während sich ihre Tänzer*innen in einer wahrlich lodernden Raserei um sie scharren. "Seine Angst ist meine Angst, seine Wut ist meine Wut", donnert es da mit einer an Alfred Schulers Dichtungen erinnernden Wucht von der Bühne, die Streicher werden schließlich von wummernden Technobässen abgelöst: So und nicht anders muss die Ekstase klingen, etwa, wenn Mechthild von Magdeburg im “fließenden Licht der Gottheit” ihre Entrückung erlebt …

Doch Rosalía inszeniert sich nicht nur als von Gott gesandt, sondern lädt auch live auf der Bühne in einen Beichtstuhl: Bei jedem Tourstopp öffnet da ein weiblicher Gast seine Seele. In Madrid sorgte etwa Pop-Prinzessin Aitana mit einer Fremdgeh-Geschichte für Gesprächsstoff, in Köln wurde das Model Rachel Marx geladen: Ihr passierte es, so gestand sie dann, dass dereinst ihr Periodenblut in die Bolognese-Sauce geriet, die ihre Ex-Schwiegermutter darob unwissend kostete und als vorzüglich empfand. Der einzige Moment des Abends, der die eigene Seele nicht zwingend ins Licht stieben ließ: Da lieber am verbotenen Apfel ("Divinize") naschen und selbst als alter, weißer Mann die Erhabenheit der Frau erkennen und eingestehen. Übrigens: “Sex sells” gilt wie überall in der Popwelt auch bei Rosalía, aber bei allen knappen Kostümchen und bei allen lasziven Posen – ihr “Lux”-Theater wirkt zu keinem Zeitpunkt billig, sondern stets ästhetisch.

Kurz vor Ende gewandet sie sich dann noch in Engelsflügelchen und beendet das Programm auch mit dem letzten Stück von “Lux”, “Magnolias”: Hier gestattet sie dem Tod keine makabre Fratze, sondern vielmehr eine sanfte Umarmung, der aus dem sündhaften Leben in die versöhnliche Ewigkeit geleitet – und entschwindet dann auch, weg von der Bühne, ins goldene Licht.

Die Erwartungshaltung an Rosalía war immens – und wurde vielleicht sogar noch übertroffen: Da wurden selbst bei einem vergleichsweise reduzierten Bühnenbild alle Register gezogen, musikalisch und künstlerisch war es nicht nur ganz großes Kino, sondern Kirche gar - zumal Rosalía nicht nur während ihrer zeitweiligen Tuchfühlung mit ihren Fans dabei überaus sympathisch wirkte. Nur bitte dann spätestens mit dem nächsten Album auch im nicht minder sakralen Österreich!


Live-Termine


Rosalía

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Infos auf dem Stand vom 06.05.2026  

Ticketalarm Rosalía
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