Bild: Michelle Rassnitzer
Oliver Welter ist seit 35 Jahren der Sänger und kreative Kopf der großartigen heimischen Indieband Naked Lunch. Sein Sohn Oskar Haag ist in seine Fußstapfen getreten und veröffentlicht am 25. September sein zweites Album “Lost Cause”. Wie eng sind die beiden und was verbindet, was trennt sie? Höchste Zeit für ein Vater-Sohn-Gespräch.
Nach einer ausgedehnten Schaffenspause - das letzte Studioalbum “All Is Fever” datiert aus dem Jahr 2013 - hat Sänger und Songschreiber Oliver Welter in langer Arbeit noch einmal ein großes Opus geschaffen: Das aktuelle Album “Lights (And A Slight Taste Of Death)” seiner Kultband Naked Lunch erschien vergangenes Jahr - ein Album über Liebe und Tod und mit Saxofon. Aber auch seinen Sohn Oskar Haag kennt man mittlerweile - zumindest die, die sich für Populärmusik abseits des Mainstreams interessieren.
Während Oskar Haag sich in wenigen Tagen anschickt, sein neues Album “Lost Cause” quer durch ganz Österreich auch live zu präsentieren, ruht Naked Lunch live aktuell gerade. Aber dafür lädt Oliver Welter am 17. Dezember in den Wiener Stadtsaal, um ein ganz besonderes Projekt zu präsentieren: Er hat nämlich, auf Zuruf seines Freundes Ernst Molden, endlich das getan, was er nach eigener Aussage vor Ewigkeiten schon hätte tun sollen - nämlich eine Platte in seinem, wenn man denn so will, “heimatlichen” Kärntner Dialekt zu schreiben. Unter dem für Welter typischen, leicht fatalistischen Titel “Des wird nix mehr” ist so eine Sammlung von Protest-Antiheimat- und, eh klar, Liebesliedern entstanden.
Aber vor “Lost Cause” und “Des wird nix mehr” haben Oskar Haag und Oliver Welter noch die Zeit für ein Vater-Sohn-Gespräch gefunden.
Oskar Haag: Es gibt Zeiten, wo einer von uns viel unterwegs ist. Dann sehen wir uns einmal zwei Monate nicht, aber wir telefonieren dann recht viel. Sonst treffen wir uns sehr regelmäßig.
Oliver Welter: Uns beide interessieren die zwei zentralen Themen des Lebens brennend. Das sind - ohne Reihung - Musik und Fußball. Darüber können wir uns stundenlang austauschen.
Oskar Haag: Meistens ist es so, dass er mich wegen irgendwas anruft. Wir haben ja gemeinsam ein Label gegründet. Da gibt es was zu besprechen, was meist in ein paar Minuten geklärt ist. Und dann frage ich ihn noch, ob er am Tag davor das Barcelona-Match gesehen hat. Aus dem Fünf-Minuten Gespräch wird schnell eine halbe Stunde über Fußball.
Oliver Welter: Oder wir unterhalten uns über Musik. Oskar ist musikalisch wahnsinnig offen, das freut mich total. Ich staune immer wieder, mit welchen Artists oder Platten er daherkommt. Er ist zum Beispiel ein ausgewiesener Hip-Hop-Experte. Aber er kann mir nicht nur Details über Kendrick Lamar erzählen. Er kennt sich auch im 1990er-Jahre-Hip-Hop besser aus als ich. Was eigentlich eine Frechheit ist, weil ich die Zeit damals live gut mitbekommen habe.
Oskar Haag: Der Generationenkonflikt existiert bei uns in der Form wirklich nicht. Aber natürlich gibt es Sachen, die mir an ihm am Arsch gehen. Manche Eigenschaften. Wir haben eine mittlerweile 20-jährige Beziehung. Da gibt es eingefahrene Muster, die nicht so lässig sind. Aber das ist ganz normal. Zwischen uns steht nichts Großes, worüber man nicht hinwegschauen kann. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu ihm. Wie auch zu meiner Mutter. Ich komme aus einer Familie mit zwei coolen Eltern. Ich kenne es von Freunden anders. Die reden kaum mit ihren Eltern, weil sie null gemeinsame Interessen haben.
Oliver Welter: Es passiert, dass ich ewig lang bei ihm daheim sitzen bleibe, weil wir Musik hören und ein bisschen Wein miteinander trinken. Er spielt mir immer wieder erstaunliche Sachen vor, die ich noch nie gehört habe, und umgekehrt auch. Ich glaube, ich bin der bestinformierte Endfünfziger, was aktuelle Musik betrifft. Neulich hat er mir Ikkimel erklärt. Aber nicht im Sinne eines Feuilleton-Artikels, weil das sind ja auch Leute in meinem Alter, die die schreiben, sondern in zwei, drei Worten. Das finde ich sehr erfrischend und bereichernd.
Oliver Welter: Wir haben ihn ganz früh ins Theater oder zu Konzerten mitgenommen. Auch die Leute, die uns zu Hause besucht haben, kommen zu 95 Prozent aus dem künstlerischen Umfeld. Das befruchtet sich halt schon auch. Mich wundert es also nicht, dass er Musiker geworden ist anstatt Finanzbeamter oder Jurist.
Oskar Haag: Für mich war es eine Normalität, dass Leute mit Kunst ihr Geld verdienen. Das unterscheidet mich von vielen Gleichaltrigen. Wenn ich auf Unipartys gehe, werde ich immer gefragt, was ich studiere. Ich sage dann: Nichts, ich bin Musiker. Dann kommt die Frage: Und was arbeitest du? Nochmal: Ich bin Musiker. Das ist für die arg überraschend, dass man damit Geld verdienen kann.
Oskar Haag: Weil ich durch meine Eltern gewusst habe, es ist möglich, in einem künstlerischen Beruf zu arbeiten und davon zu leben. Eigentlich hat mein Vater sogar den Gedanken in mein Gehirn gepflanzt, die Schule abzubrechen. Er hat gemerkt, wie scheiße ich die Schule gefunden habe.
Oliver Welter: Zum Thema Musik als Beruf fällt mir auch etwas ein. Ich hatte lang eine Hobby-Fußballrunde. Die Leute kamen aus ganz verschiedenen Berufen. Man wusste zwar von allen, was sie machen. Aber es wurde nicht groß darüber gesprochen. Ein Album von Naked Lunch war mal sehr erfolgreich und hat große Artikel in allen Zeitungen und Magazinen bekommen. Einer, mit dem ich damals schon 20 Jahre Fußball gespielt habe, hat zu mir gesagt: Hey, super. Ich habe gedacht, du spielst in irgendeiner Hochzeitsband.
Oskar Haag: Das ist mir auch schon passiert, dass Leute nicht verstehen, wie ich mit meiner Musik erfolgreich sein kann. Meistens meinen sie das eh überhaupt nicht böse, sondern sind einfach überrascht.
Oliver Welter: Aber es kann sich ständig ändern. Der Schritt zum Prekariat ist immer ein kleiner. Das muss man einfach dazusagen. Ich kenne es von meiner Karriere, in der es Jahre absoluter Dürre gab. Wo du nicht weißt, wie du übermorgen deine Miete zahlen sollst.
Oliver Welter: Ja, ich weiß über viele Seiten in diesem Business Bescheid. Als er mit 15 Jahren sein erstes Konzert in der Karlskirche Wien gespielt hat, sind danach sofort große Firmen mit unmoralischen Angeboten gekommen. Ich dachte, so etwas gibt es gar nicht mehr. Aber auf einmal stand ein wichtiger Mann aus Deutschland in der Tür und wollte Oskar unbedingt unter Vertrag nehmen. Er hat es auch durchs Hintertürchen versucht. So nach dem Motto: Wir können uns ja vorher schon mal ohne deinen Vater treffen. Da wurden große Zahlen kolportiert. So will die Musikindustrie immer noch Leute fangen. Ein schöner Vorschuss klingt super, aber man soll sich nicht täuschen lassen.
Oliver Welter: Ich habe leider ganz oft den Fehler gemacht, mir Vorschüsse zu holen, weil es nicht anders gegangen ist. Weil ich das Geld in dem Moment gebraucht habe. Damit verkaufst du aber die Rechte an deinen Liedern. Und das ist ganz schlecht. Oskar schreibt viele Lieder. Wenn nur ein paar davon halbwegs erfolgreich werden, kannst du dir später zumindest dein Altenteil damit aufbessern.
Oskar Haag: Gott sei Dank gibt es ihn. Irgendwann einmal waren wir beide schon ein bisschen betrunken und sind kurz sentimental geworden. Da hat er gesagt: Vielleicht habe ich die ganzen Fehler machen müssen, damit sie dir nicht passieren. Er ist mein Beschützer.
Oliver Welter: Natürlich.
Oskar Haag: Es stimmt ja auch. Auf das erste Album wartet kein Mensch, das kannst du dir in Ruhe überlegen. Beim zweiten bist zu zum ersten Mal mit Erwartungen konfrontiert. Ich bin es auch ziemlich verkrampft angegangen am Anfang. Ich dachte, ich brauche ein Konzept. In der Situation hat er mir wieder sehr geholfen. Er hat gesagt: Vergiss einmal das Album. Schreib einfach Lieder, weil du es gerne tust. Mach Musik. Dieser Ratschlag war extrem wichtig. Ich habe in drei Jahren wahrscheinlich 70, 80 Songs geschrieben. Und die besten 15 ausgewählt.
Oliver Welter: So viele?
Oskar Haag: Ich schreibe jeden Tag.
Oliver Welter: Jetzt verstehe ich, warum ich deine Mails beantworten muss.
Oskar Haag: Ich zum Glück nicht so extrem. Er hat für Naked Lunch eine Nummer geschrieben, “Dream On” heißt sie. Die ist so unglaublich gut, dass ich nicht verstehen kann, warum er sie nicht auf das Album gepackt hat. Ich habe gesagt: Wenn du die nicht rausbringst, werde ich sie aufnehmen. Das mache ich bestimmt noch.
Oliver Welter: Ich glaube, mittlerweile er. Früher haben sie gesagt: Da kommt der Naked-Lunch-Sänger. Und heute bin ich der Papa von Oskar. “The times they are a-changin'", fällt mir dazu ein.
Oskar Haag: Mir geht es aber auch so. Ich bin auf einem Festival und höre sofort: Du bist ja der Sohn von Oliver Welter. Was ist mit Naked Lunch, wann bringen die ein neues Album raus?
Oliver Welter: Das kann manchmal nerven. Aber meine Güte. Ich freue mich so dermaßen über seinen Erfolg. Eigentlich ist das Schönste, dass er das gefunden hat, was ihm offensichtlich Spaß macht im Leben.