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Konzerte

Lambrini Girls über Incels, Gaza, Künstliche Intelligenz und das Recht auf Abtreibung

17.09.2026 von Stefan Baumgartner

Mit der Single “Bang Bang Bang” kündigt die weibliche Riot-Grrrl-Punkband Lambrini Girls ihr zweites Album “No Refunds” für Jänner an – live kommen sie im Mai in die Arena.

Jede Generation braucht ihre Riot-Grrrl-Punkband, die dem Patriarchat den Mittelfinger zeigt und wütend gegen die Unterdrückung und Übergriffigkeit anlärmt. Die von heute stammt aus dem englischen Brighton und nennt sich nach einem auf der Insel beliebten Kopfwehgetränk (in der Sprache der Werbung: “ein dezent prickelnder Birnenwein”) Lambrini Girls.

Die Anfänge der 2019 als Quartett gegründeten Gruppe verliefen turbulent und waren von Umbesetzungen geprägt, seit 2022 agiert man als Duo: Um Gesang und Gitarre kümmert sich Phoebe Lunny (erste große Liebe: Fleetwood Mac), den Bass bedient Selin Macieira-Boşgelmez (erstes wegweisendes Konzert: Tokio Hotel, no shit!), lange Zeit hieß es, der legendäre und anonyme Streetart-Künstler Banksy hätte ihr Debütalbum “Who Let The Dogs Out” (2025) eingetrommelt. Ob dies nun der Wahrheit entspricht oder lediglich eine schöne Legende ist: Das Album wurde von der Presse regelrecht abgefeiert, man zog Vergleiche zu Amyl & The Sniffers, Bikini Kill und Peaches. Und selbst der Godfather of Punk, Iggy Pop, feierte die Girls ab - kein Wunder bei einem Album, das vor Charisma, Energie und Wut nur so strotzte. Da ging es gegen die Polizei, gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Frauenfeindlichkeit und toxische Körperideale und ebensolche Beziehungen. Immer mit im Spiel nicht nur eine gehörige Portion an angestauter Wut, sondern auch eine schallende Watsche schwarzer Humor.

Mit diesem im Gepäck feierten die Girls vergangenen Dezember im rappelvollen Flex - nicht mit Banksy, dafür mit Multiinstrumentalistin Misha Phillips von Mullholland am Schlagzeug - ihr Österreichdebüt: Ein lauter, roher Abend, der nichts von einer vorweihnachtlichen Beschaulichkeit spüren ließ. Immer wieder warf sich Phoebe ins wogende und pogende Publikum, um mit dem vornehmlich weiblichen Publikum auf Tuchfühlung zu gehen und um in die Queer-Bubble hautnah einzutauchen. Aus hunderten Kehlen dröhnte da der Chorus ihres Überhits “Cuntology 101”: “C-U-N-T, I'm gonna do what's best for me, I'm cunty. C-U-N-T, I'll priortise my own needs, I'm cunty.” Es ist dies ein Manifest, das wohl die Essenz der Lambrini Girls am besten zusammenfasst: rotzfreche Affirmationen, die man am besten jeden Tag nach dem Aufstehen ins Spiegelbild brüllt.

An diesem Abend wurde jedenfalls lautstark deutlich, was selbst eine einzelne Musikgruppe im stiebenden Chaos dieser Zeit anrichten kann: Zerstreuung bieten, gleichzeitig aber auch Hirnfutter liefern und dabei auch noch zumindest für einen kurzen Moment für jede Menge Zusammenhalt sorgen. In Zeiten wie diesen wohl wichtiger denn je, #nohomo.

Und nun kündigt die nach “Cult Of Celebrity” aus dem März bereits zweite neue Single “Bang Bang Bang” auch schon den Nachfolger zu den "Dogs" an: “No Refunds” erscheint am 15. Jänner - und der erste Eindruck verspricht eine konsequente Weiterentwicklung, klingen die Lambrini Girls nun noch drängender als zuvor, ist doch die Welt seit vergangenem Jahr immerhin noch weiter den Bach runtergegangen als zuvor ohnehin schon. Dagegen gibt es nach wie vor nur zwei Mittel der Wahl: ein gesellschaftskritischer Kommentar einerseits, ein scharfzüngiger Humor andererseits.

Dabei war die erste Single eine bissige Abrechnung mit dem grassierenden Promi-Kult, während “Bang Bang Bang” die Geschichte von - in Phoebes eigenen Worten - “einem Mann, der als Christusfigur, wie auch als Teufel verehrt wird”, erzählt - erneut also eine Geschichte über Macht und blinde Gefolgschaft. Entsprechend ist auch die bildliche Umsetzung ein chaotisches Sperrfeuer, das die rohe, konfrontative Energie der Girls zu einem klaustrophobischen Rausch verdichtet.

Aber damit nicht genug: “No Refunds” wird sich, wie weitere Titel von “White Man's World” über “Gaza Beach” und “Is This Ai?” bis hin zu “Don't Talk To Me Until I've Had My Abortion” versprechen, dem Zeitgeist entsprechend noch mit einer Vielzahl an “modernen Schrecken” mehr auseinandersetzen, mit Massenmord und Faschismus, dem scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg von Künstler Intelligenz und nicht zuletzt mit dem schmuddeligen Keller der “Manosphäre”, also dem Online-Netzwerk, in dem antifeministische, frauenfeindliche und reaktionäre Weltbilder von Incel-Köpfen breitgetreten werden. Die Welt gerät immer mehr aus den Fugen - und zwar nicht der einzige, dabei aber mit einer der besten Gegenwinde kommt von zwei einsamen Kämpferinnen auf weiter Flur, einem personifizierten “gallischen Dorf” des Erdballs: Sie sorgen dafür, dass der gegenwärtige Flächenbrand zumindest ein Eizerl niedergepisst wird.

Dass man dabei das bisher gewohnte, industriell-punkige Klangbild ein klein wenig lockert und auch mit einer poppigen Unmittelbarkeit auflädt, ist dienlich: Denn durch diese Messers Schneide gehen Verletzlichkeit und Provokation nochmals stärker Hand in Hand denn zuvor - es ist extrem wichtig, dass es nicht nur im Hinterhof-Indie, sondern auch im Mainstream noch politische Bands gibt. In dem Sinne und, um einen ihrer Songtitel zu zitieren: Wake Up!


Live-Termine


Lambrini Girls

18. Mai 2027 | Wien, Arena
Tickets gibt es ab Freitag, 18. September um 11 Uhr.


Infos auf dem Stand vom 17.09.2026  

Tickets Lambrini Girls
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