Bild: Arena (Big Special)
Die britischen Inseln zählen seit gefühlt Äonen zu den produktivsten Brutkästen musikalischer Trends – man denke zurück an Led Zeppelin, The Beatles, The Rolling Stones, Pink Floyd, Black Sabbath, Queen, The Clash, The Who, Oasis und zuletzt Coldplay und Arctic Monkeys.
Und auch heute noch bleiben Städte wie London, aber auch Dublin, Belfast, Birmingham und Brighton stilprägend, bringen mit bemerkenswerter Konstanz Acts hervor, die gesellschaftlichen Frust, working-class-Angst und politische Wut in rohe, kathartische Sounds kanalisieren. Sleaford Mods müssen da natürlich genannt werden, aber auch Fontaines D.C., Big Special, Kneecap und The Murder Capital schlagen eine Brücke zwischen Punk-Erbe und Gegenwartsdiagnose, wühlen sich angepisst und frustriert von der Welt durch Indie, Post Punk und Art Rock.
Zwar trifft dieser Sound knüppeldick den Nerv einer Generation – doch während UK-Festivals und BBC-Playlisten diese Acts längst pushen und feiern, schwappt der Hype aufs europäische Festland erst mit Verzögerung rüber: Und dies hat nur wenig mit dem Brexit zu tun. Erst wenn Plattformen und Showcase-Festivals wie Arte Concert, Eurosonic oder Reeperbahn aufspringen, greift der Hype dann schließlich auch auf unsere Hauptstädte über, nur Wien ist nicht selten das verhaltene Schlusslicht.
Einige der bereits gehypten, aber auch up-and-coming Bands möchte ich euch an dieser Stelle vorstellen – einige davon spielen sogar demnächst in Österreich!
Die Gallionsfigur der neuen Post-Punk-Welle: kritisch, wütend und asselig, dabei aber doch irgendwie knuffig. Ihr Sound wurde mit jedem Album ein Stück komplexer und verspielter, zuletzt begeisterten sie vergangenen Sommer mit ihrem fast schon orchestralen Art-Rock von „Romance“ im Gepäck im ausverkauften Open-Air-Areal der Wiener Arena. Diesen Sommer spielen sie am 21. August in der Freiluftarena B in Graz.
Der Vierer von der Isle Of Wight hat in den letzten Jahren mit einigen EPs und dem euphorisch aufgenommenen Debütalbum „Killjoy“ (2023) nicht nur in UK für Aufsehen gesorgt. Mittlerweile gelten sie als eine der spannendsten Indie-Newcomer-Bands und spielen im September auch beim Reeperbahn Festival. Ihr großes Geschick liegt darin, sensible Themen wie mentale Gesundheit oder gesellschaftliche Spannungen aufzugreifen – und diese in einen nostalgischen, aber treibenden Feel-Good-Sound zu kleiden, der trotz aller Schwere stets zugänglich bleibt.
Irgendwo zwischen Joy Division und Interpol pendeln sich die irischen Post-Punker auch auf ihrem dritten Album „Blindness“ ein: Weniger überfrachtet als bisher klingen sie mittlerweile dringlich und dreckig. Das große Geschick des Gossenpoeten James McGovern: Mit einem unglaublichen Gespür springt er von Wut zum Blick fürs Wesentliche und vergisst dabei nicht, auch einmal mit den vermeintlich naiven Augen eines Kindes auf die Welt zu blicken. The Murder Capital touren zwar gerade quer durch Europa, jedoch arschknapp an Österreich vorbei.
Es gibt Musik, die ist so unverrückbar verortet: Der knarzende Sound aus rumsendem Schlagzeug, vierschrötigen Gitarren, klobigen Synthies und ungeschlachtem Spuck-Rap kann nur aus der immer noch kohlenstaub-grauen Arbeitermetropole Birmingham stammen. Prolliger als The Fall, eingängiger als die Sleaford Mods und so klassenbewusst wie die Pet Shop Boys pendelt ihr Debüt „Postindustrial Hometown Blues“ irgendwo zwischen keltischem Einschlag, Geballer, Pop-Sensibilität und „fucking disco“. Am 22. Oktober spielen sie in der Arena.
Zwischen irischem Nationalbewusstsein und satirischer Provokation bewegt sich das Hip-Hop-Trio auf ihrem letztjährigen Debütalbum „Fine Art“: Ihr Name ist eine Anspielung auf das sogenannte „kneecapping“, einer innerhalb der IRA durchgeführten Bestrafung, bei der den Bestraften in eine oder beide Kniescheiben geschossen wurde. Sie rappen auf Englisch und Irisch, verbinden Hip-Hop mit Techno und traditioneller irischer Musik und verstehen sich als Akt des Widerstands – gegen die britische Regierung, die Klassenungleich, aber auch Israel.
Idles machten sich ihren Namen mit Wut-Musik. Songs, zu denen man die Fäuste in die Luft recken und dem Establishment auf die polierten Schuhe spucken kann. Mit chaotischen, wüsten Live-Shows und dem Schaum-am-Mund-Geschrei von Sänger Joe Talbot. Seit ihrem letztjährigen Album „Tangk“ liegt sich die Working Class in Armen, vereint im Kampf gegen die Obrigkeit – und ja, Fleischwolf-Gitarren passen hervorragend zu Disco-Geigen. Idles spielen am Samstag, den 14. Juni am Nova Rock Festival.
Die Londoner sind mit ihren unvergleichlichen Live-Shows innerhalb von vier Jahren zu einer der spannendsten emerging bands in der britischen Szene aufgestiegen. In ihren energiegeladenen, genre-sprengenden Nummern fusionieren sie Elemente aus Post Punk, Jazzrock, elektronischer Musik und Klezmer, ihre Auftritte (etwa im Vorprogramm der Viagra Boys) sind chaotisch und intensiv, als hätte man sich eine ziemlich wagemutige Mischung aus Speed und Energydrink intrakardial ins Nervensystem geballert. Wer sich irgendwo zwischen Sleaford Mods und Fontaines D.C. heimelig fühlt, wird bei Fat Dog definitiv auch steilgehen. Zuletzt spielten Fat Dog dieses Jahr am Elevate in Graz.
Die Lambrini Girls aus Brighton wollen mit ihrem politischen Punk dem Chauvinismus und der Trans-Feindlichkeit in den Hintern treten, andere große Themen sind Kapitalismus, Gentrifizierung und Ausbeutung. Ihre große Superkraft ist es aber, den Humor dabei auf ihrem Debütalbum „Who Let The Dogs Out“ nie aus den Augen zu verlieren. Da ist zum Beispiel „Big Dick Energy“, eine satirische Abrechnung mit toxischen Typen, oder ihre Hymne für weibliches Empowerment: In „Cuntology 101“ wird das englische Schimpfwort „Cunt“ („Fotze“) zu etwas Positivem gemacht. Lambrini Girls spielen am 16. Dezember im Flex.
Die ehemals jazzig-experimentellen Briten sind nicht so psychopathisch wie Chat Pile, nicht so verpeilt wie sassyhiya und auch nicht so krachig wie Metz. Aber sie haben von all dem etwas, während ihre teils langen, krautrockigen, schrägen, manchmal auch fragilen Songs an post- und artpunkige Vorreiter wie The Fall, Maximo Park und Arab Strap anknüpfen. Ihr aktuelles, drittes Album „Cowards“ schüttelt jedenfalls ordentlich durch und findet den perfekten Mittelweg zwischen Sonic Youth, Radiohead und LCD Soundsystem.
Was machen frustrierte Teenager, die sich eigentlich auf die Matura vorbereiten müssten? Richtig, sie borgen sich ausrangierte Instrumente aus, picken sie mit Gaffa zusammen und lassen ihre Wut über Politik und die Mitmenschen raus. Sie sind keine Punks im klassischen Sinne, wollen aber trotzdem anecken und provozieren. Zuletzt spielten sie mit ihrem dritten Album „Food For Worms“ im Rahmen von Europavox 2023 im WUK: Gitarren türmen sich auf, stolpern übereinander, daraus schält sich ein Klavierriff und Charlie Steen singt mit einer Stimme zwischen Pub-Schlägerei und Verletzlichkeit.
Und wenn wir schon bei der Insel sind: Nicht vergessen, diese Woche am Freitag startet der Vorverkauf für Yungblud, der mit seinem neuen Album “Idols” im Gepäck am 29. Oktober in der Wiener Stadthalle D gastiert. Unter [diesem Link] findet ihr ein Gedankenspiel: Wäre Yungblud nicht in Großbritannien, sondern in Österreich daheim - welche Konzerte würde er in den nächsten Monaten besuchen?