Bild: Rahel
Über die Chronologie eines Missverständnisses: Was wir von der Indiemusikerin Rahel und dem Fall “Hirsch, Danzer, Falco” lernen können - und was sie nun selbst gelernt hat.
Vergangene Woche hat die österreichische Indiemusikerin Rahel in einem Insta-Reel gegen tote Austropopper ausgeteilt - wohl ausgelöst von einem Interview zwischen dem Standard und Bibiza, der “Ludwig Hirsch und Georg Danzer" als "urcool” bezeichnete. In Rahels Reel hieß es unter anderem, Ludwig Hirsch zelebriere Pädophilie. Mit den Texten, den Künstlern, dem Kontext hat sie sich erst nach ordentlich Gegenwind befasst. Was lässt sich daraus lernen?
Dahingehend erst einmal die Rückfrage: Kennt ihr den Begriff “Ragebait”? Wenn nicht, dann seid ihr wahrscheinlich nicht viel auf Social Media unterwegs und womöglich ein glücklicherer Mensch. “Ragebait”, auf Deutsch “Wut-Köder”, ist eine Vorgehensweise, um mit Videos oder anderen Online-Inhalten Ärger oder Empörung auszulösen. Ob auf Instagram, TikTok oder YouTube: Beiträge werden oft provokant aufgezogen oder sogar mit falschen Informationen versehen, nur um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Es ist eine traurige Sache, dass die Methode funktioniert. Aber anscheinend sind wir als Gesellschaft schon so abgestumpft. Man muss laut sein, damit man gehört wird.
Grundsätzlich kann man Ragebait auch für gute Zwecke verwenden. Der Kampf der Frauen gegen Misogynie und das Patriarchat zählt gewiss dazu. Das war der Ansatz der österreichischen Sängerin Rahel - sie macht übrigens wirklich gute Musik -, als sie letzte Woche in einem Reel auf Instagram postulierte, der Austropop habe ein Problem mit Frauenfeindlichkeit und Sexismus. Man solle aufhören, das Genre zu verklären.
Und dann nannte sie ein paar Pfui-Beispiele: Ludwig Hirsch zelebriere in dem Lied “Spuck den Schnuller aus” Pädophilie, das Stück “Vorstadtcasanova” von Georg Danzer sei wahnsinnig ekelhaft und Falco schlicht misogyn. Von Falcos Song “Jeanny” einmal abgesehen, der definitiv einen problematischen Inhalt hat, waren die Beispiele leider denkbar schlecht gewählt.
Hirsch und Danzer zählten zu den besten Liedtextern des Austropop. Hirsch war ein Barde mit poetischen und mitunter auch sehr hinterfotzigen Inhalten. Freilich handelte es sich bei den meisten seiner Stücke um Rollenprosa. Noch bevor er zu singen begann, war Ludwig Hirsch Schauspieler. Und auch als Sänger liebte er es, in andere Rollen zu schlüpfen. Danzer wiederum war ein großer Satiriker und Kenner der Wiener Seele. Bei den von Rahel herausgegriffenen Songs handelt es sich um Texte, die mit Satire und Ironie arbeiten.
Ein Problem unserer Online-Welt ist: Alles wird heute wortwörtlich gelesen. Am liebsten nimmt man nur ein paar arge Zeilen her, die aus dem Gesamtzusammenhang gerissen werden. Der Kontext oder die Zeit und das gesellschaftliche Klima während der Entstehung eines Songs werden völlig ausgeblendet. Verkürzt formuliert: Da steht ein Mann und singt einen grauslichen Satz - das genügt schon, um zu diagnostizieren, dass der Typ einfach ein misogynes Arschloch sein muss. Im Fall der genannten Musiker ist das einfach Blödsinn. Siehe auch: Bei etwa Ikkimel wird Ironie und Übertreibung im Gegenzug ja auch kontextualisiert und: verstanden.
Keine Frage, dass es im Austropop der Siebziger und Achtziger eine gehörige Schieflage zwischen Männern und Frauen gab. Das zeigt sich schon allein daran, dass letztere damals kaum gehört wurden. Der Frauenanteil im Austropop war noch weit geringer als heute. Das Frauenbild in den Texten scheint aus heutiger Sicht oft ebenfalls problematisch. Eine Frau war, mit einem Text von Wolfgang Ambros gesprochen, im Idealfall ein “leiwaunda Hos”. Also eher schmückendes Beiwerk als gleichwertige Partnerin. Was sich seither geändert hat - in Songtexten und in Beziehungen -, darüber könnte man trefflich diskutieren. Das ist womöglich nur nicht so laut und wird für weniger Klicks und Aufmerksamkeit sorgen.
Die seit den Neunzigern aktive Sängerin und Songschreiberin Birgit Denk, die selbst durchaus in der Tradition des Austropop steht, findet die aktuelle Aufregungskultur furchtbar. Und meint zum konkreten Fall: “Dass Liedtexte aller Genres problematisch sein können oder wollen, ist keine Neuigkeit. Dass Musik aus Österreich, damals wie heute, fast nur von Männern stammt, genau so wenig. Danzer und Hirsch als exemplarisch problematisch herauszuheben, zeigt von wenig Beschäftigung mit diesen speziellen Künstlern und erschwert eine ernsthafte Diskussion.”
Ein wenig seltsam erscheint, dass sich Rahel ausnahmslos bereits verstorbene Austropopper als Negativbeispiele ausgewählt hat. Dabei gäbe es auch noch lebende Texter aus dem Genre. Etwa den Satiriker Thomas Spitzer von der EAV, der sich in “Samurai” über Sextouristen lustig machte oder in “Burli” die Folgen von Tschernobyl thematisierte. Wenn man diese Songs freilich wortwörtlich versteht, könnte man mit auch meinen, sie würden Sextourismus feiern oder sich über Menschen mit Behinderung lustig machen.
Spitzer sagt: “Große Empathie hege ich für alle Weltmeister*innen, denen das Missverstehen respektive Fehldeuten von Liedtexten unterläuft. Verirrungen sind fürwahr menschlich. In Zukunft würde ich empfehlen, noch lebende Zielscheiben zu wählen. Statt Verblichene, die sich nicht wehren können. Dem Dialog täte es dienen. Mich selbst fände ich selbstredend sehr geeignet. Am wichtigsten fände ich da unser ‘Afrika’: Als klassischer Alltagsrassist konnte ich meine Xenophobie nirgends besser ausleben als in meinem Hauptwohnsitz seit über 30 Jahren: Kenia."
Die meisten Kommentare zum Thema - etwa von Falter-Chefredakteur Florian Klenk oder dem Musikmagazin The Message - nahmen Hirsch und Danzer in Schutz und regten an, dass Rahel sich doch bitte mit den Texten auseinandersetzen solle. Das hat sie inzwischen auch gemacht und in einem Interview mit der Tageszeitung Der Standard zurückgerudert: “Ich habe da viel dazulernen dürfen, und habe sicherlich falsche Beispiele gewählt. Das Video war ein Schnellschuss und ich bin froh, dass eine Korrektur stattgefunden hat.” Auf unsere Nachfrage fügt sie noch hinzu: “Ich wollte auf keinen Fall die Würde von Ludwig Hirsch und Georg Danzer verletzen. Auch nicht die der Familien und Freund*innen.”
Immerhin lässt sich aus der Sache etwas Positives mitnehmen: Zielführender als Ragebait ist, wenn Menschen diskutieren und ihre gegenseitigen Standpunkte austauschen. Und wenn man sich schon aufregen muss, dann hilft es natürlich, sich davor mit den Inhalten auseinanderzusetzen, die einen so aufregen. Ein kleiner Tipp noch bei der Affenhitze: Das Album “Dunkelgraue Lieder” von Ludwig Hirsch ist textlich im besten Sinne so arg, dass einem manchmal das Frösteln kommt.
Der steirische Liedermacher Ludwig Hirsch begann 1978 mit seinem Debütalbum “Dunkelgraue Lieder” seine Karriere als Liedermacher - mit makaber-morbiden Texten. Schon damals verbot der Sender Ö3, sein Lied “Komm, großer schwarzer Vogel” wegen der morbiden und unheimlichen Atmosphäre nach 22 Uhr zu spielen - aus Angst, dass Hörer Suizid begehen könnten.
Hirsch gilt heute als einer der bedeutendsten Vertreter des Austropop, aber auch im “klassischen” Wiener Liedgut fühlte er sich zeitlebens zuhause. Für sein Album “Perlen” erhielt er 2022 den Amadeus Austrian Music Award, 2006 hieß er auf seinem Album “In Ewigkeit Damen” mit Rebekka Bakken einen ganz besonderen Gast willkommen: Es ist dies ein Album, auf dem er “vor Frauen den Hut zieht”.
Im November 2011 nahm er sich, an Lungenkrebs erkrankt, das Leben.
Georg Danzer war ein Pionier des Austropops - wenngleich dies eine Zuordnung war, der er selbst zeitlebens zu entgehen versuchte. Bereits als Student wurde ihm vom großen Gerhard Bronner geraten, “auf Musik umzusatteln”: Vorerst textete er unter anderem für Marianne Mendt und André Heller, später feierte er unter anderem als Solokünstler, aber auch ab 1997 gemeinsam mit Wolfgang Ambros und Rainhard Fendrich in der Formation “Austria 3” große Erfolge.
Austria 3 war ursprünglich als einmalige Zusammenkunft zu Gunsten Obdachloser gedacht, wurde aber aufgrund des großen Erfolgs prolongiert. Und auch darüber hinaus ergriff er Partei: 2000 übernahm er für zwei Jahre den Vorsitz von SOS Mitmensch und engagierte sich dort gegen Fremdenfeindlichkeit.
Danzer starb 2007 an Lungenkrebs, Fendrich widmete ihm “Abschied”.
Falco ist der weltweit bekannteste österreichische Popmusiker: “Rock Me Amadeus” - so auch der Titel des Musicals der VBW, das zwischen 2023 und 2025 am Ronacher lief - erreichte als einziges deutschsprachiges Lied die Spitze der US-Billboard-Charts. Vor seiner Solokarriere studierte er am Musikkonservatorium, brach das Studium jedoch ab, um “ein richtiger Musiker” zu werden: Zuerst bei Hallucination Company, anschließend bei Drahdiwaberl.
Schon seine erste Single “Der Kommissar” geriet zum Clubhit, seine Alben “Junge Roemer” und “Falco 3” gelten heute als Meilensteine der österreichischen Musiklandschaft - auf zweitgenanntem findet sich auch der erste Teil des kontroversen Titels “Jeanny”.
1998 starb er in seiner Wahlheimat, der Dominikanischen Republik, an den Folgen eines Autounfalls.